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Traditionsreiche Miederfabrik verschwindet von Bildfläche

Mit schwerem Gerät wird in der Frongasse ein weiteres Zeugnis der Industriegeschichte platt gemacht.

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Von Reinhard Kästner

Viele Schaulustige verfolgen die Arbeiten an der Frongasse, die im Auftrag der Grundstücksbesitzer erfolgen. Die Gebäude der einstigen Firma Pabst und Co. sind seit Anfang der 90er Jahre ungenutzt und sehr marode. Die Anwohner der Frongasse sehen den Arbeiten mit gemischten Gefühlen zu. „Da haben wir endlich mal Sonne und Licht“, sagt ein Zuschauer. Andere erinnern sich, wie zu DDR-Zeiten auch die enge Frongasse voller Leben war, schließlich haben etwa 100 Beschäftigte in dem Unternehmen gearbeitet.

Auch Hertha Claußnitzer verbindet mit dem Betrieb viele persönliche Erinnerungen. Sie wohnt jetzt an der Nossener Straße in einem Grundstück in unmittelbarer Nähe des Abrissgeländes. „Ich habe von 1947 bis 1951 bei Pabst und Co. gearbeitet. Das Unternehmen hatte nach dem Krieg den Auftrag, Unterwäsche für die russische Besatzung herzustellen“, erinnert sie sich. Dafür hatte der Betrieb das Privileg, als erstes Textilunternehmen der Stadt eine Betriebsküche betreiben zu dürfen. „Und klamm heimlich haben wir Miederwaren produziert. Kam dann eine russische Kontrolle zu uns in den Betrieb, wurden wir in der Produktion mit einen Klingelzeichen aus dem Büro gewarnt und konnten die Mieder schnell verschwinden lassen“, erzählt Hertha Claußnitzer.

Die lange Geschichte des Unternehmens hat Heimatforscher Günther Hanisch in seinem Bildband „Roßwein in alten Ansichten“ dargestellt. Schließlich feierte die Belegschaft 1983 ihr 100-jähriges Bestehen. Später wurde das Unternehmen zum VEB Elastik-Mieder Zeulenroda und bildete zentral für mehrere Unternehmen den Nachwuchs aus.

Zum Betriebsgelände an der Frongasse gehören mehrere Gebäude, die an der abschüssigen Straße stehen. Deshalb waren die Werkräume recht verwinkelt und nur über Stufen begehbar. Das obere Gebäude hat zudem eine historische Bedeutung. Es hat als einziges den Stadtbrand von 1806 überstanden. Eine Glasscheibe mit einer Inschrift erinnert an dieses Ereignis. Heute befindet sich das historische Zeugnis im Heimatmuseum. „Besitzerin Brigitte Eulzer hat sie uns dankenswerter Weise als Dauerleihgabe überlassen“, berichtet Martina Thiele, die Vorsitzende des Heimatvereins. Dieser beabsichtigt, mit einer Sonderausstellung all jenen Unternehmen zu würdigen, die es heute nicht mehr gibt und deren Gebäude nur noch auf Fotos existieren. „Für das nächste Jahr haben wir keine Termine mehr frei. Die Ausstellung wird also erst 2008 möglich sein“, sagt Martina Thiele. Wer dazu noch einige Sachzeugen wie Fotos, Miederwaren oder Dokumente hat und für die Ausstellung bereitstellen möchte, kann sich unter 0173/3837185 melden.