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Träume an der Wand

Ein Unbekannter hat einem Obdachlosen eine Wohnung gemalt. Die Botschaft: Armut kann jeden treffen.

Von Ulrike Kirsten

Er kam nachts um halb zwei und malte Holgers Traum auf die karge Wand im Eingang zur Tiefgarage an der Kamenzer Straße: den Traum von der eigenen Wohnung. Ein Bett, ein Tisch mit einem Blumenstrauß darauf, drei kleine Bilder. Gezeichnet mit wenigen Strichen und einem schwarzen Filzstift. Auch ohne Farbe wirkt die Szene gemütlich. Doch die Idylle trügt. „Armut ist kein Zufall, Widerstand auch nicht“, hat der nächtliche Besucher in Druckbuchstaben noch auf die Wand geschrieben. „Ich habe mitbekommen, dass er da war“, sagt Holger. Seinen Nachnamen will er nicht öffentlich machen.

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Der 53-Jährige, den auf der Straße alle nur Holli nennen, ist obdachlos. Die Zufahrt zu dem Parkhaus ist für ihn seit einem Jahr Schlafplatz, Wohnzimmer, Rückzugsort. „Die Armen werden immer ärmer. Für sie ist kein Platz in der Gesellschaft“, sagt der Mann, wuschelt sich durch seinen ungestutzten Vollbart und schiebt das Käppi auf seinem Kopf zurecht. Holgers Leben steht gepackt und verschlossen in einer Ecke. „Meinen zweiten Koffer haben sie mir vergangene Woche geklaut. Da bin ich in sechs Nächten hintereinander im Schlaf bestohlen worden. Trotzdem habe ich keine Angst davor, auf der Straße zu leben“, sagt der Mann und zieht einen Zettel aus seiner Hosentasche. „Ich habe natürlich Anzeige bei der Polizei erstattet“, erzählt Holger, der eigentlich aus Burg in Sachsen-Anhalt kommt.

In die Stadt, in der er fast 50 Jahre gelebt hat, will er nie wieder zurück. Zu sehr schmerzen die Erinnerungen. „Irgendwann ging es nicht mehr mit meiner Frau. Also haben wir uns scheiden lassen. Und dann kam der Alkohol. Das war vor fünf Jahren“, sagt der gelernte Facharbeiter für Stanztechnik. Immer tiefer gerät Holger in den Schuldensumpf. Bis er ganz darin versinkt. „Ich konnte die Miete nicht mehr zahlen, lebte im betreuten Wohnen und landete dann auf der Straße.“

Seitdem hat Holger auch seine zwei erwachsenen Töchter nicht mehr gesehen. Der Mann, der seine Traurigkeit im Gespräch hinter Ironie und Sarkasmus versteckt, zeigt einen Augenblick seine wahren Gefühle. „Mittlerweile habe ich sogar vier Enkelkinder“, erzählt Holger. Die Tränen wischt er sich mit einer schnellen Handbewegung aus dem Gesicht. Denn auf der Straße ist kein Platz für Emotionen. „Zwei Dinge sind wichtig, wenn man keinen festen Wohnsitz hat. Man muss sich benehmen und anständige Sachen tragen.“

Bevor er in die Neustadt kam, hat Holli in Leipzig gelebt und ist nach Griechenland getrampt, um das Grab seines im Krieg gefallenen Großvaters zu suchen. „Das hatte ich meiner Großmutter versprochen. Das war eine tolle Zeit, die ich in meinem Herzen trage. Fotos, diesen unnötigen Ballast, das brauche ich nicht“, sagt Holger. Mit Flaschensammeln hält er sich über Wasser. „Wissen Sie, wie viele Acht-Cent-Pfandflaschen man für zwei Euro braucht? Ich bin mit meinen Kumpels den ganzen Tag unterwegs und die halbe Nacht. Wir haben uns dazu in Schichten eingeteilt.“ Dreimal in der Woche geht Holger bei der Heilsarmee Mittagessen. In ein Obdachlosenheim will er nicht. Obwohl ihm von der Stadt ein Platz im Übergangswohnheim angeboten worden ist, eine Sozialarbeiterin mehrmals mit ihm gesprochen hat. „Ich fühle mich hier an meinem Platz wohl, hier gehe ich nicht weg. Die Leute aus dem Kiez sind jetzt meine Familie“, sagt Holger.

Er kennt viele Menschen, die hier direkt über oder neben ihm leben – ob die Mutter des indischen Restaurantinhabers aus der Louisenstraße oder die litauischen Austauschstudenten aus der Rothenburger Straße. „Hier schaut man aufeinander, das ist eine gute Sache“, sagt Holger, der gerade mithilfe eines befreundeten Anwalts auf der Suche nach einem Ausweg aus dem Sumpf ist. „Den Winter würde ich nur zu gern in meiner eigenen Wohnung verbringen.“