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Trauer um die getötete Chemnitzerin

Unter besseren Umständen hätte Henry Münsel nur Lampenfieber gehabt. Doch gestern erfasste den erfahrenen Kantor der kleinen Wittgensdorfer Kirche nordwestlich von Chemnitz ein vollkommen anderes Gefühl.

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Von Jan Oechsner

Unter besseren Umständen hätte Henry Münsel nur Lampenfieber gehabt. Doch gestern erfasste den erfahrenen Kantor der kleinen Wittgensdorfer Kirche nordwestlich von Chemnitz ein vollkommen anderes Gefühl. „Ich weiß nur, ich kann heute nicht spielen. Ich fürchte mich davor, dass plötzlich die Noten verschwimmen, falls ich Tränen in den Augen habe.“

Münsel schaut nach unten. „Ich bin einfach dankbar, dass sich ein anderer an unsere Orgel setzt.“ Denn am Freitag wurde das Gemeindeglied Daniela Beyer mit einem Gottesdienst in der fast 100 Jahre alten Kirche verabschiedet. Münsel kennt die Frau sehr gut, sie hat oft im Kirchenchor mitgesungen. Doch die 35-Jährige ist zusammen mit neun weiteren Helfern der Hilfsorganisation International Assistance Mission in Afghanistan am 5. August getötet worden. Seither kennen viele das Bild dieser Frau mit der Brille und dem sympathischen Lächeln. Und ganz Wittgensdorf kennt eine neue Art von Trauer: Noch nie wurde hier ein ermordeter Mensch beigesetzt.

Pfarrer Matthias Kaube sitzt in seinem kleinen Pfarrbüro. Er trinkt einen Schluck Sprudelwasser aus einem Plastebecher. Es sind noch einige Minuten bis zu seiner Trauerrede. Kaube sagt, dass das Buch unseres Lebens eben nicht mit einem Punkt endet. „Sondern mit einem Doppelpunkt. Das heißt, nun lässt uns Gott an seiner Herrlichkeit teilhaben“, so der Kirchenmann. Gleich wird er in seiner Predigt sagen, dass die ganze Welt um die getöteten Helfer trauert. Dabei denkt er an die Welt der vielen guten Menschen. Doch es gibt noch eine andere Welt der Helfer. In dieser, den Kriegsschauplätzen, ist Vorsicht oberstes Gebot. Denn dort lebt auch die Missgunst. Viel zu oft der Hass. Und manchmal der Mord.

„Jesus lebt, mit ihm auch ich!“ Das Gemeindelied 115 von Christian Fürchtegott Gellert erklingt in der Wittgensdorfer Kirche. Das Gotteshaus ist voll. 480 Menschen finden dort Platz – bei den normalen sonntäglichen Gebeten kommt vielleicht ein Viertel. Pfarrer Kaube hat vorsorglich kleine Lautsprecher vor dem Gotteshaus aufstellen lassen, damit auch die Trauernden, die aus Platzgründen draußen sitzen, hören können, was drinnen gesagt und gesungen wird. „Wir haben jeden Tag für Daniela gebetet. Doch warum Gott am 5. August unser Gebet nicht erhört hat – wir wissen es nicht“ , tönt des Pfarrers Predigt sogar bis fast hinter die dicke Kirchenmauer. Daniela Beyer hatte keinen wirklichen Schutz. Sie war vor wenigen Wochen mit einer internationalen Helfergruppe in Nuristan unterwegs, im gefährlichen Osten von Afghanistan. Dort bauten sie mobile Camps auf und versorgten Bewohner mehrerer Dörfer. Die Gruppe bestand aus sechs US-Amerikanern, einer Britin und zwei Afghanen – einige davon waren Augenärzte.

Hinzu kam Daniela Beyer als einzige Deutsche. Sie war als Dolmetscherin dabei, beherrschte nicht nur Russisch und Englisch, sondern auch recht gut die beiden lokalen Sprachen Vahi und Mandschi. Am 5. August aber kam der Tod: Die unbewaffnete Gruppe machte sich auf den Rückweg nach Kabul, als sie überfallen wurde und Schüsse fielen. „Auch wer in Afghanistan nichts anderes im Sinn hat, als Erblindenden zu helfen, ist nicht sicher vor jenen, die schon blind sind vor Hass“, sagte Kaube. (FP)