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Trauer um Pfarrer: Großer Menschenfreund ist tot

Hans-Michael Hanert war Pfarrer. Und viel mehr: Sinnstifter zur Wende, zugetan dem polnischen Nachbarn, Partner für die junge Generation. Jetzt ist die Trauer groß.

Von Sebastian Beutler
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Hans-Michael Hanert im Juli 2019, bereits gezeichnet von seiner schweren Erkrankung.
Hans-Michael Hanert im Juli 2019, bereits gezeichnet von seiner schweren Erkrankung. © Foto: Nikolai Schmidt

An diesem Freitag wird in der kleinen Gemeinde Siehdichum, südlich von Frankfurt/Oder, Pfarrer Hans-Michael Hanert zu Grabe getragen. Er wurde 64 Jahre alt.

Viele Görlitzer erinnern sich dankbar an ihn

Seit sich die Nachricht von seinem Tode in der Weihnachtsnacht in Görlitz herumspricht, ist die Trauer bei all jenen groß, die ihn näher kannten. Der Maler, Karikaturist und Theologe Andreas Neumann-Nochten, der Hanert seit Studententagen in Naumburg kennt, erinnerte sich in einer Nachricht im Netzwerk Facebook an einen „in mancher Hinsicht schrägen Vogel, aber – und vor allem an einen wunderbaren Menschen“. SPD-Flüchtlingsbeauftragter Joachim Trauboth würdigte ihn als „großartigen Menschen“, die grüne Stadträtin Jana Krauß verbeugte sich vor ihm, weil er ein „Mensch mit einem sehr großen Herzen, engagiert, liebenswert, tolerant und voller Demut“ gewesen ist, und eine Mutter von Schülern des Joliot-Curie-Gymnasiums schrieb „unsere Kinder tauschten gestern jede Menge Anekdoten aus seinem Reliunterricht aus. Er wird seinen Schülern sicher lange in lebhafter Erinnerung bleiben“.

Es ist daher wohl auch kein Zufall, dass eine seiner letzten Lebensbilanzen in der Schülerzeitung „Wühlmaus“ des Görlitzer Gymnasiums am Wilhelmsplatz steht. Dort erinnerte er sich an seine bewegte Biografie, die er selbst in drei Perioden einteilte: die DDR-Zeit, seine Jahre in Frankfurt/Oder und schließlich das Jahrzehnt in Görlitz.

Hanert stammte aus einem Pfarrhaus und wurde in der Nähe der Dübener Heide 1955 geboren. Wie sein Altersgenosse Hans-Wilhelm Pietz war er nie Mitglied der DDR-Pionierorganisation und der FDJ. Auch er sammelte Erfahrungen des Ausgeschlossenseins in der Schule.  Als es um die Berufswahl geht, so erzählt Hanert später der Märkischen Oderzeitung, wollte er eigentlich nicht Pfarrer werden, sich zunächst einmal ausprobieren. Doch ein Besuch bei der Handwerkskammer, wo er sich als Elektriker beworben hatte, belehrte ihn eines Besseren. „Sie müssen sich erst mal in der Produktion bewähren, wurde mir schnoddrig entgegnet, Chemiefacharbeiter würden gesucht“, erzählte Hanert.

Prägende Monate in Warschau

Das aber wollte er nicht werden, und geht – wie so viele seines Alters und seiner Herkunft, denen das Abitur sowie ein Studium an einer staatlichen Hochschule in der DDR aus fadenscheinigen Gründen verwehrt wurde – an das Kirchliche Proseminar in Naumburg. Er macht dort sein Abitur, später studiert er in Naumburg auch Theologie. Dazwischen aber liegt eine Station, die ihn für sein Leben prägt. Er lebt 1977 ein halbes Jahr in Warschau, wo die Aktion Sühnezeichen ein Krankenhaus errichtete. Das Leben unter Bauarbeitern, in der polnischen Hauptstadt, wird ihn immer wieder an die deutsch-polnische Grenze führen. Und das Eintreten für ein friedvolles Miteinander wird ihn immer wieder aktiv werden lassen gegen Militär, und sei es der eigene Wehrdienst, den er verweigert.

Mauerfall ändert alles

Nach dem Studium arbeitet er zunächst als Pfarrer in Thüringen, doch dann kommt der Mauerfall und die friedliche Revolution. Das Leben dreht sich für Hans-Michael Hanert.  In seiner Gemeinde muss er schlichten, zwischen den Bürgern und den alten Machthabern. Hanert aber zieht es stärker ins Zentrum der Entwicklung. So setzt sich Periode zwei seines Lebens mit einer Suche fort. „In dieser bewegten Zeit“, vertraute er der Märkischen Oderzeitung an, „haben meine Frau und ich uns in den Trabi gesetzt und alle Pfarrstellen, die rund um Berlin und Potsdam ausgeschrieben waren, abgeklappert.“ Hanert verschlägt es nach Booßen, ein Ortsteil von Frankfurt/Oder.

Der neue Pfarrer will nicht nur Seelsorger seiner Gemeinde sein, sondern mischt auch munter im öffentlichen Leben mit. Kirchenland stellt er für eine Eigenheimsiedlung bereit, er begründet 1991 den Ökospeicher-Verein in Wulkow mit, der sich seitdem einer nachhaltigen Dorf- und Regionalentwicklung verschrieben hat und drei Jahre nach der Gründung bereits mit dem Deutschen Bundesumweltpreis ausgezeichnet wurde. In einem alten Getreidespeicher initiieren die Vereinsmitglieder Märkte, später bauen sie das Gebäude zu einem Ferien- und Schulungshaus aus, es gibt dort einen Bioladen, ein Cafe, Ferienwohnungen, der Verein widmet sich ökologischem Bauen und vielem mehr. Es ist der Versuch, Ökologie und Ökonomie ins Gleichgewicht zu bringen, zugleich aber auch in der Umbruchsituation das Geschick des Dorfes und seiner Einwohner in die eigene Hand zu nehmen, wie Hanert  in einem später erschienenen Buch angibt.

“Öko war in der Wendezeit ein Modewort, über das die Alten im Dorf ihre Köpfe schüttelten“, erinnerte sich Hanert. Die Alten wollten wissen, was denn so neu daran wäre. „Neu ist gar nichts“, habe er ihnen geantwortet, „nur, wir ordnen die Dinge anders und organisieren sie auf neue Art.“ Als Hanert 2010 Frankfurt/Oder verlässt, kommen viele um sich von ihrem „rauschebärtigen Theologen“ zu verabschieden, der einer der wichtigsten Anreger für den Verein war.

In seinen Frankfurter Jahren ist ebenso die Nähe zu Polen ein wichtiges Thema. Hanert gründet 1994 auch das Ökumenische Europa-Centrum Frankfurt/Oder in der Friedenskirche mit, das den Dialog zwischen Bürgern vor allem auch diesseits und jenseits der Oder ermöglichen will. Er erlebte noch, dass das OeC mit einem großen Bischofstreffen im Oktober in Frankfurt/Oder sein 25-jähriges Bestehen feierte.

Lebensthemen prägen auch die Görlitzer Jahre

Und dann Görlitz. Pfarrer an der Lutherkirche, er bringt Elan mit, geht in kirchliche Gruppen, singt im Chor mit, hegt große Pläne für die Sanierung der Kirche. Immer ein, zwei Schritte weiter, als die Arbeiten tatsächlich sind. Auch hier wieder will er das öffentliche Gespräch über Religion befördern, gründet die Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen mit, arbeitet als stellvertretender Vorsitzender. Auch in Görlitz bewegt ihn die Nachbarschaft zu Polen. Dem Deutschlandfunk vertraut er vor zwei Jahren an, dass es hier eher ein deutsch-polnisches Nebeneinander gebe: „Man trifft sich zur gemeinsamen Stadtratssitzung, hat so seinen Ablauf, man ist freundlich miteinander, man isst miteinander und geht wieder auseinander.“ Vielleicht, so denkt er, könnte eine Europa-Universität der Stadt noch einen Schub geben.

Dann kommen die Flüchtlinge. Hans-Michael Hanert sieht früher als manch anderer darin eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft, auch für seine Kirche. Kaum eine Predigt am Sonntagmorgen, die nicht von diesem Thema spricht. Und er hilft, arbeitet im Willkommensbündnis mit, gibt Flüchtlingen Halt. Viele, die sich in Görlitz jetzt an Hanert erinnern, kennen ihn auch aus dieser Zeit. Die Flüchtlinge, so sagt er, hätten Görlitz bereichert, und sei es durch die orientalischen Waren in den Läden, die kurz darauf öffneten und wo er gern selbst einkauft. Die Offenheit für Neues bewahrt sich Hans-Michael Hanert auch da.

Und noch einmal gibt es eine Wendung in seinem Leben: Er wird Religionslehrer, am Nieskyer Gymnasium, später am Curie. Er brennt dafür und will die jungen Leute mit Argumenten für ihren Glauben ausstatten. „Mit der Gottesfrage umzugehen, das ist eigentlich das, was ich ihnen wirklich mitgeben kann“, sagt er den Reportern des Deutschlandfunks. „Dass sie bei Kirche und beim Glauben auch bleiben als Naturwissenschaftler.“ Fragen, die andere Fächer aufwerfen, wollte er zusammen mit seinen Schülern besprechen. Diese Arbeit knüpft zugleich an Hanerts Zeit als Studentenpfarrer an der neu geschaffenen Viadrina Anfang der 1990er Jahre in Frankfurt/Oder an. Auch damals ging es um Zugänge zum Glauben und zu Religion für Menschen, die Fragen ans Leben haben, die Zweifel mit sich tragen.

Schwere Krankheit schreitet schneller voran als gedacht

So wäre es sicher noch ein, zwei Jahre weitergegangen. Hans-Michael Hanert wollte unbedingt seine zwölfte Klasse in diesem Jahr noch zum Abitur führen. Doch seine schwere Erkrankung, die Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), schritt so schnell vorwärts, dass er im Oktober schweren Herzens sein Amt aufgeben musste. Einen Monat später schreibt er ein Gebet, das in der Weihnachtsausgabe des Gemeindebriefes der Innenstadtgemeinde erschien, nur wenige Tage vor seinem Tod. Da wird deutlich, wie mühsam sein Weg am Ende geworden war:

„Du, Gott in Christus, Dir verdanke ich in meinem Leben so viel. Wie oft hast Du Deinen Engel geschickt, der seine Hand über mir hielt und mich schützte. Doch jetzt, wo sich mein Leben verengt, der Gaumen enger wird durch die ALS, wo ich vor Husten kaum essen kann, obwohl das Essen einem Baby-Brei gleicht. Wo ich täglich an Gewicht verliere, wo die Beine schwächer werden und ich tappe wie ein kleines Kind durch die Wohnung. Wo die Arme schwächer werden und ich mich frage: wie lange werde ich noch greifen können? Das Leben ist zu einem täglichen Kampf geworden, einem Kampf gegen das Einrosten des Gaumens und aller Gliedmaßen. Du, Gott in Christus, Du öffnest die Tür und kommst entgegen. Lass mich das erleben, wenn Du mich von dieser wunderbaren Erde nimmst. Nimm meinen Leib und Seele und erlöse mich von diesem Kampf um Essen und Gehen und Greifen. Komm mir entgegen, wenn mein Leben endet. Das bitte ich.“

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