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Trauern und streiten

Ein junger Vater aus Sachsen fällt in Afghanistan. Nach seinem Tod entbrennt in der Familie ein Zwist um seine Kinder. Ein Streit, der am Ende nur Verlierer kennt.

© kairospress

Von Tobias Wolf

Das Zimmer sieht aus, als wäre Daniel gerade erst da gewesen. Das Bett frisch gemacht, als würde er gleich hereinstürmen, Mutti die dreckige Wäsche in die Hand drücken und zu den Freunden auf den Fußballplatz gehen. An der Wand hängt die schwarze Zimmermannsweste aus der Lehrzeit, darüber ein Foto. Kurze Haare, freundlicher Blick, Ausgehuniform. Auf der Kommode noch mehr Fotos. Daniel lacht, die kleine Tochter lächelt in die Kamera. Es gibt noch mehr. Ein fröhlicher junger Mann, den nichts erschüttern kann. Fast zwei Meter groß, sportlich, Grübchen. Als zupackend, hilfsbereit und bodenständig beschreiben ihn jene, die ihn kennen. Ein glücklicher Mann, ein toller Sohn, sagt sein Vater Harald Wirth. Stumm guckt der 65-Jährige auf das Foto und stellt es wieder hin. Daniel ist überall und doch nicht da in diesem Haus in Obergurig bei Bautzen.

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Daniel Wirth in Kampfmontur – weniger als eine Stunde vor seinem Tod. Das Foto ist zugleich Titel des Buches „Brothers in bravery“, das seine Schwester herausgegeben hat.
Daniel Wirth in Kampfmontur – weniger als eine Stunde vor seinem Tod. Das Foto ist zugleich Titel des Buches „Brothers in bravery“, das seine Schwester herausgegeben hat. © privat

Da ist das Wort „postum“ auf der Urkunde, die Daniel Wirth mit dem Ehrenkreuz der Bundeswehr verliehen wurde, „für besonders tapferes Verhalten bei außergewöhnlicher Gefährdung von Leib und Leben.“ Daniels Leben. Ein Taliban-Kämpfer hat ihn im Mai 2013 in Afghanistan erschossen. Im Februar wäre der Elitesoldat und Familienvater 37 geworden.

Vielleicht wäre alles in Ordnung, würde er noch leben. Seine Eltern wären glückliche Großeltern, die Schwestern, die lieben Tanten und die Ehefrau, eingebunden in Daniels große Familie. Stattdessen hat sich ein Streit entwickelt, der mit dem Fall Vertraute ratlos macht.

Martina und Harald Wirth werfen ihrer Schwiegertochter Manuela* vor, sie wegzudrängen, ihnen die Enkel vorzuenthalten: Stefanie*, acht Jahre alt und Julia*, fünf. Vor drei Jahren haben sie Daniels Kinder zum letzten Mal gesehen, danach nur noch vor Gericht. Das Paar will ein Umgangsrecht einklagen. Sie erzählen, wie sie bisher gescheitert sind. Wie Menschen, die sich lange an etwas unausweichliches gewöhnen mussten. Gefasst und angefasst zugleich.

„Wir lieben diese Kinder. Wer will uns das verbieten? Es sind die Kinder unseres toten Sohnes.“ Martina Wirths Worte hallen im Wohnzimmer nach. Nur das Holz im Kamin knistert. Es klingt nach Schmerz und Verzweiflung. Die 60-Jährige, kurze Haare, blaue Bluse, guckt auf die Hände. Harald Wirth, früher Sportlehrer, legeres Hemd, sitzt wie eine Kerze im Sessel, nickt. Dabei sind die Enkel ganz nah, in einem Dorf, 70 Kilometer entfernt in Brandenburg. Im Haus, das Daniel mitgebaut hat.

Die 36-jährige Schwiegertochter Manuela fühlt sich unter Druck, bevormundet, beleidigt, unverstanden. Daniels Eltern würden an die Stelle des Sohnes treten wollen und alles mitbestimmen. Nun gibt es keine Begegnung mehr. Dabei wäre ein guter Kontakt der Großeltern zu den Enkeln für deren gesunde Entwicklung wichtig. All das steht im Gutachten eines Familienpsychologen, so sahen es das Jugendamt und auch das Familiengericht. Nur das Oberlandesgericht Brandenburg urteilte anders.

Alles beginnt mit der Todesnachricht. Manuela und ihre Familie, Daniels Eltern und die Schwestern versammeln sich. Alle kannten das Risiko des Einsatzes in Afghanistan, aber wenn etwas passiert, ist es unfassbar und unwirklich zugleich. Jeder habe Halt gesucht, sagt Daniels kleine Schwester Eva-Maria. Jeder habe versucht, den anderen zu stützen, mit Trauer, Wut und dem Schock fertig zu werden. Sichtbar werden auch große Unterschiede der beiden Familien, in Temperament, Wahrnehmung und Werten, sagt die 34-Jährige. Daniels Angehörige sind nicht religiös, aber stolz, dass er seinem Land diente. Schwägerin Manuela sei wie eine Schwester integriert gewesen.

Manuelas Familie ist christlich geprägt. Sie selbst habe eine Abneigung gegen alles Militärische gehabt, das später relativiert, steht im Gutachten. Nach Daniels Tod hätten Manuelas Eltern sofort alle finanziellen Dinge klären wollen. „Das war respektlos“, sagt Harald Wirth. Geld statt Gefühle, lautet sein Vorwurf. Die einst gute Beziehung zu Manuela verändert sich.

Manuela will nicht darüber sprechen. „Ich will öffentlich keine Schmutzwäsche waschen.“ Das sei Familiensache, nur so viel: „Niemand weiß, was Trauer mit einem Menschen machen kann, das habe ich im Nachhinein gelernt.“ Die Differenzen werden zur unsichtbaren Mauer. Jedes unbeherrschte Wort, jedes unverstandene Verhalten wirkt unter Trauer stärker. Es geht um Geld. Eine Versicherung, die Daniel mit 16 abschloss. Im Todesfall wird eine fünfstellige Summe gezahlt. Daniels Vater ist der Begünstigte. „Ich habe Daniel vor Afghanistan gesagt, das muss er ändern“, sagt Harald Wirth. „Er hatte ja Familie.“

Nach Daniels Tod steht der Vater immer noch in der Police. „Seine Kameraden haben mir gesagt, unsere Schwiegertochter sei gut versorgt durch die Bundeswehr und dieses Geld sei für unsere Familie“, sagt Wirth. „Daniel habe das so gewollt.“ Damit die Mutter abgesichert ist, falls dem herzkranken Vater etwas passiert. Manuela vermutet, dass Daniel nur vergessen hat, die Versicherung zu ändern.

Stirbt ein Soldat im Einsatz, beginnt ein genau definierter Prozess bei der Bundeswehr. Dazu gehört, dass Angehörige an den Todesort reisen können. Für Trauer und Abschied. Daniels Schwestern und Eltern fliegen nach Afghanistan. Die Witwe nicht, sie fliegt zu einer anderen Zeit. Im Sommer 2013 fahren Manuela, Daniels Schwestern und seine Eltern mit den Enkeln an die Ostsee. Es ist der letzte gemeinsame Urlaub. Dann gibt es Streit um einen Weg am Haus von Daniel und Manuela. Der Vater darf nicht mehr mitentscheiden, fühlt sich deshalb ausgeschlossen und gekränkt.

Am Telefon gibt ein Wort das andere. Harte Worte, gegenseitige Vorwürfe, dokumentiert im Gutachten. „Das war unklug“, gibt Harald Wirth zu. „Aber in der Trauer gehen Gefühle manchmal mit einem durch.“ Der Weg und die Versicherungsfrage sind die Themen, die zum Kippen der Beziehung führen, sagt Manuela gegenüber dem Gutachter. Das Grab ist ein weiterer Punkt. Daniels Familie schlägt ein Ehrengrab mit schlichtem Grabstein vor. Dessen Pflege würde die Bundeswehr übernehmen.

Die Witwe will es individuell, mit Engel und Gedenkstein. Sie schickt anschließend Fotos. Familie Wirth ist empört, die Gestaltung aus ihrer Sicht viel zu pompös. Das Geld wäre besser auf einem Sparkonto für die Kinder angelegt gewesen. Daniels große Schwester Kathrin schreibt eine E-Mail an Manuela, dies sei eine peinliche und schockierende Grabgestaltung.

Als es um das Grab geht, ist schon fast alles verloren. Besuchstermine bei den Enkeln platzen. Die Großeltern fühlen sich ausgegrenzt. Sie schalten das Jugendamt ein und stellen Ende 2014 einen Antrag am Familiengericht. Sie fürchten, die Kinder sonst nicht wieder zu sehen. Sie suchen die Öffentlichkeit und wenden sich an die Presse. Manuela sieht sich darin an den Pranger gestellt. Sich selbst sehen Martina und Harald Wirth als Opfer, ein Fall, der öfter vorkommt: Großeltern, die ihre Enkel nicht mehr sehen dürfen, etwa nach Scheidungen. Die Bundesinitiative Großeltern (BIGE) schätzt, dass 150 000 Kinder betroffen sind – tragische Todesfälle eines Elternteils noch gar nicht eingerechnet.

Sabine Bedbur leitet die BIGE-Selbsthilfegruppe in Leipzig und ist in einer ähnlichen Situation. „Meine Tochter ist 2015 bei einem Autounfall ums Leben gekommen.“ Kurz danach habe der Schwiegersohn per E-Mail den Kontakt abgebrochen. „Egal wie zerrüttet das Verhältnis ist, es geht ja nicht um die Erwachsenen, sondern um das Wohl der Kinder und für sie sind Großeltern ganz wichtige Bezugspersonen.“ Aus Sicht der BIGE müsse die Politik helfen.

Familie Wirth hofft auf eine Entscheidung des Familiengerichts. Fast drei Jahre zieht sich das Verfahren, bis zum Herbst 2017. Jugendamt und Gutachter nehmen Stellung. Ein Einigungsvorschlag wird nie umgesetzt, ein psychologisches Gutachten muss her. Termine bei Beratungsstellen scheitern. Die Verletzungen sitzen tief. Wo Gespräche nötig wären, gibt es Schriftsätze der Anwälte.

Ein mit dem Fall vertrauter Anwalt sagt, die Großeltern hätten anfangs „unverschämte Ansprüche“ gehabt. Alle drei Wochen am Wochenende wollten sie die Enkel zu sich holen. Das stehe sonst nur geschiedenen Eltern zu. Familie Wirth sei nicht wirklich auf die Witwe zugegangen. Der Gutachter spricht indes von einem Konflikt, der vielleicht nicht bewusst, aber eben doch auf dem Rücken der Enkel ausgetragen werde. Sie seien an keiner Stelle am Streit beteiligt, sondern nur deshalb ein Teil davon, weil ihre Mutter sie benötigt, um sich gegenüber den Schwiegereltern zu schützen. Die „rigorose Vorenthaltung“ geschehe nicht zum Schutz der Kinder, sondern aus persönlicher Gekränktheit.

Die Großeltern hätten letztlich erkannt, dass sie nicht die gleichen Rechte wie der verstorbene Vater haben, urteilt die Richterin im September 2017 und entscheidet: Sie dürfen die Enkel treffen, vorerst in Begleitung von Mitarbeitern der Familienberatung. Vielleicht diene der Kontakt eventuell nicht dem Kindeswohl, so die Richterin. Aber fehlender Kontakt könnte noch größeren Schaden anrichten.

Familie Wirth glaubt sich am Ziel. Sie wollen endlich ihre Enkel in die Arme schließen. Es geht nur noch um den Wochentag. Die Großeltern schlagen Mittwoch vor, die Witwe Dienstag. Nur die Oma hat als Kita-Leiterin dienstags Elternsprechstunde. Kompromiss: Fehlanzeige.

Schwiegertochter Manuela ruft das Oberlandesgericht (OLG) an. Das setzt mit Verweis auf das Kindeswohl den Umgang aus und fällt im Januar ein Urteil. Die Großeltern dürfen ihre Enkel nicht mehr sehen. Eine weitere Instanz gibt es nicht. Der mit dem Fall Vertraute sagt: „Beim Amtsgericht sind wir bestrebt Einigkeit herzustellen, weil nur das dem Wohl der Kinder dienen kann. Da muss gut abgewogen werden.“ Das OLG setze rigoros nur das Gesetz um. Die Rechtslage ist seit einem Grundsatzurteil von 2017 eindeutig. Großeltern können den Umgang mit den Enkeln nicht gegen den Willen der Eltern erzwingen, hat der Bundesgerichtshof entschieden. Erzwungener Umgang könnte das Kind in einen Loyalitätskonflikt bringen, der dem Kindeswohl widerspräche.

Das bedeutet, dass sich Kinder in einem Konflikt für eine Seite entscheiden müssen. „Es macht die Kinder kaputt, wenn so ein schlimmes Verhältnis zwischen den Erwachsenen herrscht“, sagt ein Verfahrensbeobachter. „Aus diesem Minenfeld muss man sie herausnehmen.“ Daniels große Schwester Kathrin lebt in den USA, hat dort ein Buch mit dem Titel „Brothers in bravery“ (Mutige Brüder) herausgegeben. Es soll westlichen Soldaten gedenken, die im Mittleren Osten gefallen sind und ist Daniels Kindern gewidmet. Das Titelbild zeigt ihn in Kampfmontur, 45 Minuten vor seinem Tod. „Meine Hoffnung als Tante ist, dass meine Nichten die Widmung sehen, wenn sie 18 sind“, sagt Kathrin Wirth. „Damit sie sehen können, dass wir alles getan haben, um sie in der Familie zu halten.“

In Obergurig wäre alles vorbereitet für einen Besuch der Enkelinnen. Daniels altes Zimmer stünde bereit, der Garten und das Spielzeug, ein Kinderbett, in dem Stefanie immer geschlafen hat, wenn sie mit ihrer kleinen Schwester Julia bei Oma und Opa war. Für Martina und Harald Wirth ist dieser Wunschtraum wohl zum wichtigsten Lebensinhalt geworden, auch, weil sie älter werden. Sie befürchten, dass die Verbindung zu den Kindern komplett verloren gehen könnte – gerade in den schönsten Jahren der Kindheit. „Deshalb kämpfen wir weiter um unsere Enkel.“

Die Witwe des Elitesoldaten sagt: „Mir und meinen Kindern geht es wirklich gut, für meine Schwiegereltern war das Urteil sicher hart, die Hölle für sie.“ Sie hofft, dass sich das Verhältnis in Zukunft wieder ändern kann. „Ich glaube, viele Dinge sind noch möglich, aber es sollte eine andere Lösung gefunden werden, als über Gericht und Presse“, sagt sie. „Fehler zugeben ist sehr schwer, das kostet mehr Kraft, als in Kämpfen zu bleiben.“ Dem Gutachter sagte Manuela, sie könne sich vorstellen, „wir fangen mal mit einem Brief an und Fotos und dann vielleicht mal ein Telefonat.“ Kleine Schritte aufeinander zu. Sonst würden nur Symbole bleiben.

*Namen zum Schutz der Betroffenen verändert.