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Trauma nach dem „Fall Arnsdorf“

Als Männer einen Iraker an einen Baum fesselten, kritisierte das Bürgermeisterin Martina Angermann. Erstmals redet sie über die Folgen massiver Anfeindungen.

Martina Angermann hat in einem emotionalen Beitrag in der ARD auf den Netto-Vorfall in Arnsdorf zurückgeblickt. Die Reportage ist in der ARD-Medioathek zu finden.
Martina Angermann hat in einem emotionalen Beitrag in der ARD auf den Netto-Vorfall in Arnsdorf zurückgeblickt. Die Reportage ist in der ARD-Medioathek zu finden. ©  Screenshot: SZ

Seit zwölf Jahren ist die Arnsdorfer Bürgermeisterin Martina Angermann im Amt, bei der vergangenen Bürgermeisterwahl 2015 bekam sie 75 Prozent der Stimmen. Seit mehreren Monaten jedoch tritt sie kaum mehr öffentlich auf. Die Sitzungen des Gemeinderates leitet ein Stellvertreter. Sie ist krankgeschrieben. Einwohner spekulieren, weshalb die SPD-Politikerin solange ihre Arbeit nicht ausüben kann.

Jetzt hat sie sich erstmalig zu Wort gemeldet. In der ARD-Dokumentation „Kampf ums Land“, die am 3. Oktober zu später Stunde ausgestrahlt wurde, berichtet sie von den Gründen für ihre Abwesenheit. Angefangen hat alles 2016. Damals machte ein Video aus Arnsdorf Schlagzeilen: Vier Männer zerren im Mai einen psychisch kranken Asylbewerber gewaltsam aus dem Netto-Markt in Arnsdorf. Später banden sie den Iraker auf dem Parkplatz mit Kabelbindern an einen Baum. Der Vorfall sorgte deutschlandweit für Diskussionen. Auch Martina Angermann positionierte sich. „Ich habe in dem Video viel Gewalt gesehen, für mich war das keine Zivilcourage, sondern Selbstjustiz“, sagt sie auch in dem ARD-Beitrag. Der Iraker wird später tot in einem Wald aufgefunden. „Über diesen Menschen wurde kaum gesprochen“, sagt sie in dem Beitrag.

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Was folgte, waren massive Anfeindungen. Eine Facebook-Seite wurde eingerichtet. „Anstelle von Gesprächsrunden hetzt sie seit 2015....“, heißt es an einer Stelle. Eine Gruppe Arnsdorfer wollte ein Bürgerbegehren zu ihrer Abwahl initiieren. Irgendwann hält Martina Angermann das nicht mehr aus und bricht zusammen. In dem Beitrag ist von einem Burnout-Syndrom die Rede. „Das hat auch meine Psychologin so gesehen, dass dieser Vorgang bei mir so etwas wie ein Trauma verursacht hat“, sagt sie in der Dokumentation und kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Ob sie jemals ihr Amt wieder ausüben kann, ist fraglich. Von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wurden sie und andere bedrohte Kommunalpolitiker ins Schloss Bellevue eingeladen. In einer Szene in der Dokumentation ist Martina Angermann im Gespräch mit ihm zu sehen. In den sozialen Netzwerken wird der Film heftig diskutiert. So schreibt beispielsweise der Radeberger Oberbürgermeister Gerhard Lemm: „Viel Kraft und baldige Genesung liebe Martina. Ich finde es gut, dass Du das alles öffentlich machst. Und damit aufrüttelst. Da verstehen hoffentlich viele, um was für Typen es sich bei den rechten Trollen handelt. Und was die damit anrichten.“ Er ergänzt in einem späteren Post, sie wurde „leider mit ,Erfolg‘ fertiggemacht.“

Zahlreiche Genesungswünsche

Ein Facebook-Nutzer, der sich Wassili Maquet nennt, schreibt „Vor solchen Menschen (wie Martina Angermann) sollte man den Hut ziehen.“ Nutzerin Petra Mann schreibt: „Ich finde es sehr respektlos Menschen, egal welcher Nationalität mit Gewalt und Hass zu begegnen, wer nimmt sich das Recht heraus, andere Menschen anzugreifen, ich bin enttäuscht, entsetzt, zu was Menschen fähig sind, ich wünsche der Bürgermeisterin der Gemeinde Arnsdorf viel Kraft und Stärke.“ Und für Diethold Tietz ist es „ungeheuerlich, wie weit Fremdenhass bereits hierzulande führt. Meine Hochachtung der verantwortungsbewussten Bürgermeisterin und alles Gute für Sie!“ Neben dem Umgang mit Martina Angermann rücken in der Facebook-Diskussion immer wieder die Vorfälle an der Kasse des Netto-Marktes in den Fokus. „Ich habe das Video gesehen. Und frage mich, hat mal irgendjemand die betroffenen Verkäuferinnen befragt? Es sieht nach willkürlicher Gewalt aus. Da ich aber gern immer beide Seiten anhöre, ist meine Frage, wieso wird in diesem Bericht nicht eine oder einer der betroffenen Angestellten dazu angehört? Natürlich möchte ich mich positionieren, eine einzelne Person so öffentlich zu mobben, geht überhaupt gar nicht. Ich wünsche Frau Angermann von Herzen gute Besserung“, schreibt Claudia Linnemann. 

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Die Doku in der ARD-Mediathek

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