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Traumfabrik im Wüstensand

Marokko baut das weltgrößte Solarkraftwerk. Material und Geld kommen aus Deutschland. Auch das Speichersalz.

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© dpa PA/Abdeljalil Bounhar

Von Rolf Obertreis

Das Thermometer zeigt 35 Grad. Die Sonne brennt vom blauen Himmel. Thomas Schmitt hat sich einen schattigen Platz 30 Meter über dem Boden auf dem Gebäude gesucht, in dem die riesigen Wassertanks untergebracht sind. Der Hitze zum Trotz strahlen die Augen des Ingenieurs aus Stuttgart. „Was wir hier sehen, hat das Potenzial für die künftige Energie-Versorgung“. Schmitt lässt den Blick schweifen über die marokkanische Wüste am Rand von Quarzazate, 250 Kilometer südöstlich von Marrakesch. Er schaut auf schier endlose Reihen von jeweils rund sieben Meter hohen und drei Meter breiten Parabol-Spiegeln, die sich bis zum Horizont erstrecken. Noor I soll im Herbst erstmals Strom ins marokkanische Netz speisen.

Bislang war die 100 000-Einwohner-Stadt mit ihren hübschen, mit braunrotem Lehm verputzten Häusern vor allem für ihre Filmstudios und Kulissen in der Wüste bekannt, wo Streifen wie „Gladiator“, „Die Päpstin“, „Der Medicus“ oder auch Asterix-Filme gedreht wurden. Die Stromgewinnung aus Sonnenlicht aber ist demnächst nicht nur Illusion, sondern Realität.

Noor beschämt Desertec

Marokko setzt um, wobei deutsche Unternehmen – beteiligt waren unter anderem Siemens, RWE und die Deutsche Bank – mit ihren groß propagierten und ausschweifenden Visionen um die Wüstenstrom-Initiative Desertec peinlich gescheitert sind.

Mustapha Bakkoury, Präsident der staatlichen marokkanischen Solaragentur (MASEN) hat für dieses Stichwort nur ein müdes Lächeln übrig, als er die Solarstrategie seines Landes präsentiert und stolz über Noor I spricht.

Das Projekt ist gigantisch. Im Mai 2013 begann der Bau der ersten Phase mit dem Kraftwerk Noor I. Ab Oktober soll es erstmals Strom liefern. Allein schon Noor I – Noor heißt auf arabisch Licht – des auf vier Kraftwerke ausgelegten Komplexes hat gewaltige Ausmaße: 160 Megawatt Leistung, 537 000 Parabol-Spiegel in 400 Reihen á 300 Meter Länge. Computergesteuert werden sie permanent dem Stand der Sonne angepasst. In der Mitte der leicht gebogenen Spiegel verlaufen Rohrleitungen. Sie führen ein synthetisches Öl, dass auf bis zu 393 Grad erhitzt wird. Es wird zum eigentlichen Kraftwerk im Zentrum des gigantischen Feldes geleitet. Dort wird Wasser erhitzt und Dampf erzeugt, der eine riesige Turbine antreibt, die Strom in das marokkanische Netz liefert, wie Rachid Bayed erklärt. „Und das nicht nur am Tag, sondern auch in den Abendstunden, wenn der Bedarf besonders hoch ist“, fügt der 36-jährige Ingenieur aus Casablanca hinzu. Denn das Öl erhitzt nicht nur Wasser, sondern auch ein spezielles, flüssiges Salz – geliefert von der BASF – das die Hitze bis zu sechs Stunden speichern kann.

Kraftwerk über 4200 Fußballfelder

Bis zu 40 Grad und mehr könne es hier am Fuß der bis zu 4 000 Meter aufragenden Berge des Hohen Atlas heiß werden, sagt Bayed. „Aber nicht die Temperatur ist entscheidend, sondern die Dauer und die Verlässlichkeit des Sonnenscheins.“ Mit ganz wenigen Ausnahmen knallt die Sonne auf rund 1 500 Metern Höhe 365 Tage im Jahr vom Himmel.

Auf Noor I folgt mit Noor II ein ähnliches, noch größeres Kraftwerk mit einem noch größeren Salzspeicher. Noor III wird ebenfalls mit Parabolspiegeln arbeiten. Die allerdings richten den Sonnenstrahl direkt auf einen rund 240 Meter hohen Solarturm. Dies ermöglicht eine noch bessere Ausnutzung des Sonnenlichts. Noor IV schließlich ist als Photovoltaik-Kraftwerk ausgelegt. In gut zwei Jahren soll der Komplex mit einer Leistung von 560 Megawatt fertig sein. Dann erstrecken sich die Anlagen über eine Fläche von rund 3 000 Hektar – so viel wie 4 200 Fußballfelder.

Jan Schilling gerät wie MASEN-Chef Bakkoury und die Ingenieure ins Schwärmen. „Vor zwei Jahren war da nichts, nur Wüste. Heute stehen, so weit das Auge blicken kann, Parabolspiegel. Das ist beeindruckend, und es hat Pilotcharakter für Marokko und die gesamte Region“. Schilling ist bei der bundeseigenen KfW-Entwicklungsbank für Noor verantwortlich. Die ist im Auftrag der Bundesregierung neben der Weltbank, der Europäischen und der Afrikanischen Entwicklungsbank mit einem zinsgünstigen Kredit von 850 Millionen Euro einer der wichtigsten Geldgeber. Rund 2,2 Milliarden Euro wird das Vorhaben am Ende kosten. Die KfW ist auch dabei, weil Noor zeigt, wie eine Energiewende unter Ausnutzung von Wüstenstrom funktionieren kann. Und dass es auch geht, ohne dass Industrieländer den Anstoß geben. Die großspurigen Versprechungen der Wüstenstrominitiative Desertec sind im Herbst 2014 buchstäblich im Sand verlaufen. Die Planungsgesellschaft wurde aufgelöst, die 17 Gesellschafter haben sich verabschiedet, unter anderem E.ON, Siemens und die Deutsche Bank. Nur auf kleiner Sparflamme arbeitet die Initiative weiter.

Die Marokkaner hat dies nicht gestört. Im Gegenteil. Sie stellen womöglich mit ihren Solarkraftwerken ein Geschäftsmodell auf die Beine, das in Zukunft zum lukrativen Exportschlager werden könnte. Schließlich hat sich Europa verpflichtet, mehr und mehr Strom aus erneuerbaren Energien zu produzieren. Und etliche Länder werden dies nicht aus eigener Kraft schaffen.

Anders als Solaranlage auf dem Dach

Erst einmal geht es den Marokkanern um ihre eigene Energieversorgung. Weil Öl und Kohle nicht verfügbar sind, muss der Staat beides für Milliarden importieren und dies bei stetig wachsender Stromnachfrage. 95 Prozent der Primärenergie bezieht Marokko aus dem Ausland. Deshalb baut das politisch und wirtschaftlich stabilste Land der Region mit voller Unterstützung von König Mohammed VI. die Energiegewinnung aus Sonne, Wind und Wasser stetig aus. Bis 2020 sollen jeweils Kapazitäten von 2 000 Megawatt zusätzlich installiert werden. Der Anteil der Erneuerbaren an der Stromproduktion soll von heute 30 auf 42 Prozent steigen. Sonnenstrom soll von null auf 14 Prozent zulegen.

Auch wenn deutsche Konzerne bei Desertec ausgestiegen sind, sind etliche Aufträge für Noor I nach Deutschland gegangen. Getragen wird das Projekt aber von der saudischen Acwa Power und zwei spanischen Firmen, die den Strom über MASEN an den staatlichen marokkanischen Energieversorger ONEE verkaufen. So liefert Siemens die gigantische Turbine, die Firma Flabeg aus dem bayerischen Fürth am Wald (die allerdings Ende 2014 von Acwa Power übernommen wurde) die 537 000 Solarspiegel. Schott Solar, GEA sind auch dabei wie das Stuttgarter Ingenieurbüro Fichtner, das Thomas Schmitt und andere Experten in die marokkanische Wüste schickt, um den Fortgang der Arbeiten zu überwachen und die Anlage am Ende abzunehmen. „Wir schauen, dass sich alle Spiegel wie geplant bewegen und dass gemessene 100 Grad auch 100 Grad sind. Das ist zwar eine ausgereifte Technologie, aber das Vorhaben ist sehr komplex. Es geht nicht um eine Solaranlage auf einem Hausdach“, sagt der erfahrene Ingenieur.

Von 1 800 Arbeitskräften auf der Baustelle sind mehr als 1 500 Marokkaner, davon 700 aus den Dörfern in der unmittelbaren Umgebung.