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Trekking mit Rollstuhl

Andreas Pröve ist seit einem Motorradunfall querschnittsgelähmt – und trotzdem im Himalaja unterwegs.

© Nagender Chhikara

Von Michaela Widder

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Es ist der Moment, den Andreas Pröve nie vergisst. Er liegt hinter der Leitplanke, Autobahn-Auffahrt Limburg-Lahn, das Motorrad daneben. Es ist kein Blut geflossen, sagt er. Es sieht doch so aus, als hat er Glück gehabt. Er will aufstehen, weiterfahren, doch der Körper hört nicht auf ihn. Ein Gefühl wie auf dem Boden festgenagelt.

Die letzten beschwerlichen Kilometer im Himalaja wird Pröve getragen. © Nagender Chhikara

Der Vorahnung folgt drei Tage später die Gewissheit. Rückgrat gebrochen, Querschnittslähmung, Rollstuhl. Es ist eine Diagnose, die das Leben des Tischlers komplett umkrempelt. Pröve hadert nicht lange mit seinem Schicksal, er nimmt es an. Als seine Mutter ihn im Krankenhaus besucht, stoßen sie mit Sekt auf den zweiten Geburtstag an, den 17. April 1981. Es ist Lebensmut, der ihn selbst nach diesem Schicksalsschlag nicht verlässt.

In den acht Monaten, die Pröve im Krankenhaus verbringt, bauen ihm Freunde ein ebenerdiges Häuschen in Wathlingen, einem Dorf in der Lüneburger Heide. „Zehn, 15 Leute opfern jedes Wochenende ihre Freizeit, damit ich autark leben kann. Das war Antrieb genug, das Sportprogramm täglich durchzuziehen“, erzählt er.

Ärzte raten vom Alleinreisen ab

Kurz vor seinem Motorradunfall war Pröve mit einem Rucksack allein durch Indien gereist. Sollte die neue Freiheit als Backpacker plötzlich zu Ende sein? Niemals, beschließt er. Er fragt Ärzte und bekommt Antworten, die er nicht hören will. Allein mit einem Rollstuhl in unbekannte Länder zu reisen, sei doch unmöglich.

Seine Grenzen will der damals 23-Jährige noch selbst ausloten. Einen Spruch des schottischen Schriftstellers Robert Louis Stevenson macht er zu seinem: „Es kommt im Leben nicht darauf an, ein gutes Blatt in der Hand zu halten, sondern darauf, mit schlechten Karten gut zu spielen.“ Pröve will sich ein gutes Leben machen – trotz Behinderung. „Es ist wichtig, eigene Maßstäbe zu finden und sich nicht an anderen zu orientieren, um irgendwann an völlig überhöhten Anforderungen zu verzweifeln.“

Nur ein Jahr nach der Entlassung aus dem Krankenhaus hebt der junge Mann seine ersparten 3 000 D-Mark vom Konto ab und reist wieder nach Indien, einem Land, das andere Sorgen als Barrierefreiheit hat. „Mir war es dennoch wichtig, allein unterwegs zu sein. Ich wollte unabhängig sein, niemanden nötigen“, sagt er. Und: „Ich wollte es wissen.“

Mehr als 30 Jahre sind seit damals vergangen. Mittlerweile verdient Andreas Pröve mit dem Reisen seinen Lebensunterhalt. In einem Handbike kurbelt er sich durch die Welt. Sein bevorzugtes Reisegebiet ist Asien, wo er unter anderem für „terres des hommes“ über Kinderarbeit recherchiert hat. Pröve hat sich längst alle Erdteile erschlossen – „per Handarbeit“, wie er sein Fortbewegen im Rollstuhl beschreibt. Mit Multivisionsvorträgen tourt der Reisejournalist durch Deutschland. „Ich war in mehr als 40 Ländern. Wenn ich negative Erfahrungen gemacht habe, dann nur an staatlichen Stellen.“ So hat er einmal vor der US-Botschaft fotografiert, daraufhin war ihm die Kamera weggenommen worden. Er liebt das ursprüngliche Reisen ohne großen Komfort, ohne großes Planen. „Ich spiele gern ein bisschen Schicksal. Eigentlich brauche ich nur eine Pritsche zum Schlafen“, sagt er.

Sein größtes Abenteuer ist die Reise entlang des Mekongs – 5 000 Kilometer von der Mündung des Flusses in Vietnam zur Quelle in Tibet. Die Hälfte der Strecke legt Pröve in seinem umgebauten Rollstuhl zurück, den Rest in Bussen, Booten und auf Pferden. Sein Freund, der Fotograf Nagender Chhikara, begleitet ihn die meiste Zeit. Dass Pröve nur langsam und manchmal beschwerlich in den insgesamt vier Monaten vorwärtskommt, stört ihn nicht; im Gegenteil. Eine Reisephilosophie besagt: Je langsamer man reist, desto mehr erlebt man.

Stundenlang kann der 57-Jährige von seiner Sieben-Länder-Tour berichten, von Grenzerfahrungen wie der im tibetischen Hochland, als er „dummerweise kein Zelt dabei“ hat und es zu schneien beginnt. Weil es weit und breit keine Hütte gibt, verbringt er die Nacht am Rande eines Feldwegs im Schneematsch. Lediglich eine dünne Plastikplane bietet dürftigen Schutz. Und die hätte es wegen heftiger Windböen beinahe noch zerrissen. In der Gegend leben Wölfe, dazu trampeln noch Yak-Herden erschreckend laut über die Weide. „Ich habe viel Mut, Selbstvertrauen und Nerven gebraucht, um vor Angst nicht wahnsinnig zu werden“, erzählt er.

In Zadoin, mitten in der chinesischen Provinz Qinghai, ist allerdings Ende für sein Handbike, da es dort keine Straßen mehr gibt. Doch zur Quelle im Hochland von Tibet ist es noch ein Fußmarsch von zwei Tagen. Pröve sucht sich Einheimische, die ihn das letzte Teilstück tragen. Natürlich gegen Bezahlung. Den Sitz des Rollstuhls montieren sie auf zwei Zeltstangen, vier Mann schultern den 80 Kilo schweren Pröve und tragen ihn wie auf einer Sänfte. Pferde schleppen nebenher das Gepäck.

Kälte als riesiges Problem

Die größte Herausforderung im Himalaja aber ist die Kälte. Die Temperaturen liegen selbst im Frühjahr um den Gefrierpunkt. „Für Querschnittsgelähmte ist die Kälte ein riesiges Problem, weil die Durchblutung in den Beinen durch fehlende Muskelbewegungen schlecht ist.“

Nie aber zweifelt Pröve an seinem Ziel. Auch, weil er überall Unterstützung findet. „Die Bereitschaft zu helfen, ist ungeheuer groß.“ Das sei auch in Deutschland meist so, allerdings stoße er hierzulande im Alltag öfter an Grenzen als irgendwo auf der Welt. „An der Bushaltestelle gibt es fast nur alte Menschen. Da muss ich erst vier, fünf Leute ansprechen, die überhaupt in der Lage sind, mich im Rollstuhl über eine Stufe zu tragen. Die meisten haben Rücken.“

Davon wird der Niedersachse wohl verschont bleiben. Täglich trainiert er mit seinem Handbike, um fit zu bleiben. Pröves Motor im Leben ist die eigene Muskelkraft. Und sein unbändiger Entdeckungsdrang.

Von Vietnam nach Tibet – über sein Abenteuer am Mekong berichtet Andreas Pröve am Sonntag, 14 Uhr, in der Schauburg Dresden. Tickets: 12 Euro.

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