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Döbeln

Tresorknacker im Rathaus

Zum Öffnen eines Geldschranks engagiert die Stadt Roßwein einen Experten aus Hamburg. Der beißt sich fast die Zähne aus.

Geschafft: Knapp sieben Stunden hat Oliver Diederichsen aus Hamburg gebraucht, um einen etwa hundert Jahre alten Tresor im Roßweiner Rathaus zu öffnen. Damit war sein Job aber noch nicht beendet.
Geschafft: Knapp sieben Stunden hat Oliver Diederichsen aus Hamburg gebraucht, um einen etwa hundert Jahre alten Tresor im Roßweiner Rathaus zu öffnen. Damit war sein Job aber noch nicht beendet. © Cathrin Reichelt

Roßwein. Der Tresor ist widerspenstig. Stundenlang versucht Oliver Diederichsen ihn zu öffnen. Doch er kommt nur in ganz kleinen Schritten voran.

Seit Jahrzehnten steht das Ungetüm im Bürgerbüro des Roßweiner Rathauses – etwa 2,10 Meter hoch, 2 Meter breit und 90 Zentimeter tief. Irgendwer hat den Geldschrank einmal überstrichen. Gerade so ist im oberen Teil noch zu lesen, dass er in der Firma Carl Kästner Geldschrankfabrik und Tresorbau-Anstalt in Leipzig hergestellt wurde. „Etwa um 1910/15“, vermutet Michael Klöden vom Roßweiner Bauamt.

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Schon zu DDR-Zeiten habe der Tresor im Erdgeschoss des Rathauses gestanden. Kurz nach der Wende sei er schon einmal geöffnet worden, weil auch damals der Schlüssel fehlte. Eine Geige habe darin gelegen. Was sonst noch, sei nicht bekannt. 

Ein Student der Fachhochschule Metall habe damals einen Einsatz des Tresors mitgenommen, um danach einen neuen Schlüsselsatz anzufertigen. Weder der Student noch die Schlüssel wurden jemals wieder gesehen. Wer die Doppeltür des Tresors später wieder zugeschoben hat, ist ebenfalls nicht bekannt. Auch nicht, welchen Inhalt er hat oder ob er leer ist. Jedenfalls bis jetzt.

Mächtig gewaltig: Der Tresor ist trotz Spezialwerkzeug nicht leicht zu knacken.
Mächtig gewaltig: Der Tresor ist trotz Spezialwerkzeug nicht leicht zu knacken. © Cathrin Reichelt

Denn nun soll das Bürgerbüro komplett umgestaltet werden. Deshalb muss der Tresor weg. Da er geschätzt zwischen sechs und neun Tonnen wiegt, soll er für die Entsorgung in seine Einzelteile zerlegt werden. Dafür müssen die Türen geöffnet werden. Einheimische Schlüsseldienste hätten die Hände gehoben. Deshalb sei die Stadt schon länger auf der Suche nach einem Experten gewesen.

Den fand Michael Klöden zufällig in der Zeitschrift „Zeit“. Dort wurde in einem Beitrag über „Erich Mielkes Panzerknacker“ berichtet. Das ist Oliver Diederichsen aus Hamburg. „Eigentlich bin ich Kaufmann“, sagt der 49-Jährige. Es sei Zufall gewesen, dass er in die „Panzerknacker-Branche“ gewechselt ist. 

Er habe ab und an einem Freund ausgeholfen, der einen Schlüsseldienst betreibt. Bei dem gab es auch Anfragen zu Tresoren, „die wir nicht immer öffnen konnten“, sagt Diederichsen. Dort habe er eine Nische erkannt und sich „learning by doing“ in dieser Richtung spezialisiert. Inzwischen öffnet er etwa hundert Tresore pro Jahr. Auf die Frage, ob er in diesen schon einmal etwas Besonderes gefunden hat, verweist der Hamburger auf die Diskretion, meint aber: „Man erlebt doch ganz schön viel mit den Jahren.“

Oliver Diederichsen aus Hamburg versucht im Bürgerbüro des Roßweiner Rathauses einen riesigen Tresor zu öffnen.
Oliver Diederichsen aus Hamburg versucht im Bürgerbüro des Roßweiner Rathauses einen riesigen Tresor zu öffnen. © Cathrin Reichelt

Obwohl er, wie bei jedem Geldschrank, auch für den Roßweiner spezielles Werkzeug selbst angefertigt hat, beißt er sich an dem „Carl Kästner“ lange Zeit die Zähne aus. Tresore dieser Marke hat er bereits geknackt, aber noch nicht solch einen großen. Die 18 Zentimeter starke Tür konnte er schnell durchbohren.

Aber danach schaut er immer wieder mit einem Endoskope durch das Loch, biegt die Enden schmaler Stäbe und versucht damit, den richtigen Dreh zu finden, mit dem er die Tür öffnen kann. Knapp sieben Stunden hält der Tresor stand, bevor er sein Geheimnis preisgibt.

Der Geldschrank war mit insgesamt zehn dicken Bolzen seitlich sowie nach unten und oben verriegelt. In offenen Fächern liegen Papiere, die augenscheinlich aus DDR-Zeiten stammen und teilweise zur Bibliothek gehört haben.

Außerdem gibt es zwei weitere große und acht kleinere verschlossene Fächer, die der „Tresorknacker“ ebenfalls noch öffnen muss. Dann steht die nächste Aufgabe vor der Stadtverwaltung: Der Tresor soll in seine Einzelteile zerlegt und auf den Schrott gebracht werden.

Auch die Trennwand, die es derzeit im Bürgerbüro gibt, muss für dessen Modernisierung weichen. Mit der soll für die Mitarbeiter und die Roßweiner, die das Bürgerbüro aufsuchen, mehr Platz geschaffen werden. Etwas versetzt zur alten wird eine neue Trennwand eingezogen und wahrscheinlich auch eine zweite Tür eingebaut, so dass zwei separate Räume entstehen. Wann genau der Umbau beginnt, steht aber noch nicht fest.

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