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Umfrage zu Corona: Wer soll zuerst beatmet werden?

Die Uni Leipzig hat Bürger befragt, wen sie im Notfall zuerst beatmen würden. Ärzte werden mit der Entscheidung im Stich gelassen, so die Autoren.

Mangel an Beatmungsgeräten: In New York und Bergamo mussten die Ärzte während der ersten Corona-Welle abschätzen, welche Patienten bessere Überlebenschancen haben.
Mangel an Beatmungsgeräten: In New York und Bergamo mussten die Ärzte während der ersten Corona-Welle abschätzen, welche Patienten bessere Überlebenschancen haben. © Axel Heimken/dpa/Pool/dpa

Leipzig.  Triage. Dieser harmlos klingende Begriff bezeichnet einen medizinischen Auswahlprozess, der im Frühjahr 2020 in mehreren Ländern zur tödlichen Realität wurde. Weil es nicht genügend Beatmungsplätze in Kliniken gab, sahen sich Ärzte an mehreren Corona-Hotspots gezwungen, Patienten mit höheren Überlebenschancen bevorzugt zu behandeln - unter anderem in New York und im italienischen Bergamo war dies der Fall. 

Erst am vergangenen Freitag hatte das Bundesverfassungsgericht einen Eilantrag von neun Menschen aus der Corona-Risikogruppe abgewiesen. Sie wollten, dass der Gesetzgeber in Zukunft feste Regeln für die Triage vorgibt. "Die bestehende Rechtsunsicherheit ist für die Ärzteschaft eine unzumutbare Belastung", stellte auch der Vorsitzender der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer, Jochen Taupitz, klar. 

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Studie nur theoretisch: Überlastung nicht absehbar

Zwar wurde der Eilantrag abgewiesen, unter anderem, weil laut den Verfassungsrichtern momentan keine derartige Überlastung der Krankenhäuser absehbar ist. In Sachsen ist man derzeit weit entfernt von einem solchen Szenario. 

Trotzdem wird seit Beginn der Pandemie in der Öffentlichkeit vermehrt über Triage diskutiert. Im Mittelpunkt steht dabei die Frage, welche Faktoren die Entscheidung über Leben und Tod überhaupt beeinflussen dürfen. 

Die Uni Leipzig feuert diese Debatte nun mit einer neuen Studie an. Gemeinsam mit der Forschungsgruppe gdp hat die Hochschule eine repräsentative Umfrage unter 1.000 Bürgern durchgeführt. Die Teilnehmer mussten dabei in verschiedenen Szenarien entscheiden, welchem von jeweils zwei Covid19-Patienten sie ein Beatmungsgerät zuteilen würden. Die Befragten konnten dies auch dem Zufall überlassen.

Keine Bevorzugung für Krankenpfleger

Das Ergebnis: Die meisten Teilnehmer hielten die klinischen Erfolgsaussichten für entscheidend. 78 Prozent der Befragten würden demnach einen Patienten mit 90-prozentiger Überlebenschance einem Patienten mit nur 20 Prozent Überlebenschance vorziehen. 

Auch erhebliche Altersunterschiede spielten eine große Rolle: 77 Prozent würden - wenig überraschend - einem fünfjährigen Kind den Vorzug vor einem Erwachsenen geben, darunter überproportional viele Familien. Dagegen würden 30 Prozent aller Senioren (60 plus) das Los entscheiden lassen. 

Auch wer Kinder hat, wurde von den Teilnehmern bei der Triage tendenziell bevorzugt. 60 Prozent der Befragten wählten eine Mutter von zwei Kindern statt einer kinderlosen Frau. "Systemrelevante Personen" hätten bei den Teilnehmern hingegen keinen Sonderstatus. Nur 25 Prozent würden einer Krankenschwester lieber das Beatmungsgerät geben als einer Bürokauffrau, 73 Prozent ließen den Zufall entscheiden. 

Totschlag oder nicht?

Besonders ethisch schwierig: Die sogenannte "Ex-Post-Konkurrenz". Dabei wird bereits ein Patient A beatmet, der aber deutlich schlechtere Überlebenschancen hat als ein neu eingelieferter Patient B. Wäre es rechtens, das Beatmungsgerät von Patient A abzustellen, um Patient B zu retten?

Darüber sind sich Juristen nicht einig. Befürworter argumentieren, dass einer der beiden Patienten in jedem Fall sterben würde. Gegner bewerten dies als Totschlag, da eine Beatmung eine lebenserhaltende Maßnahme sei. Nur 32 Prozent der Befragten folgten dieser Meinung und würden die Behandlung von Patient A in jedem Fall fortsetzen. 

Ebenfalls umstritten: Der Umgang mit Menschen, die sich bewusst nicht an die Hygiene-Regeln halten. Immer wieder werden in den letzten Wochen Forderungen in den sozialen Medien laut, diese Personen sollten im Notfall auch freiwillig auf lebenserhaltende Maßnahmen verzichten. 

58 Prozent der Befragten würden sich laut den Forschern für einen Patienten, der sich trotz Schutzvorkehrungen infiziert hatte, entscheiden und nicht für denjenigen, der - so die Fragestellung der Studienautoren - "sich an einer Corona-Demonstration beteiligt und die Hygieneregeln nicht eingehalten hatte."

Ziel der Studie sei es gewesen, eine "weiterführende Diskussion und Klärung der ethischen Leitlinien für die Ärzteschaft" zu entwickeln. Denn "Ärzte dürfen sich für die Behandlung einer erkrankten Person entscheiden aufgrund des jüngeren Alters oder aufgrund besserer Überlebenschancen".   

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Ärztliches Personal mache sich sogar dann nicht strafbar, wenn Erkrankte etwa wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion oder ihres Geschlechts bevorzugt werden.  Damit lasse das Recht ärztliches Personal in der Triage allerdings auch weitgehend allein, so die Autoren. 

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