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Triathlon bei dieser Hitze? Wie sich Moritzburg vorbereitet

Nach dem Tod eines Hobby-Sportlers in Dresden sind die Organisatoren alarmiert. Ihre wichtigsten Maßnahmen.

Keine Angst vorm Untergehen: Vereinschef Ralf Lutoschka (l.) und Organisationschef Reiner Mehlhorn kümmern sich seit vielen Jahren um den Schlosstriathlon, der um das Barockschloss in Moritzburg führt.
Keine Angst vorm Untergehen: Vereinschef Ralf Lutoschka (l.) und Organisationschef Reiner Mehlhorn kümmern sich seit vielen Jahren um den Schlosstriathlon, der um das Barockschloss in Moritzburg führt. © dpa/Oliver Killig

Die Wetterprognosen fürs Wochenende könnten günstiger sein: Temperaturen jenseits der 30 Grad, Regen, womöglich Gewitter. Für die Freiluftsportart Triathlon sind derartige Vorhersagen nie erfreulich. Knapp eine Woche nach dem Tod eines 35-jährigen Läufers beim Sportscheck-Lauf in Dresden sorgen sie zusätzlich für ein mulmiges Gefühl.

Das wissen auch Reiner Mehlhorn und Ralf Lutoschka, die seit Jahren zusammen mit acht Mitstreitern den harten Kern des Organisationsteams des Moritzburger Schlosstriathlons bilden. Doch sie können nicht viel mehr machen als ohnehin getan wird, um solche dramatischen Fälle zu vermeiden. Auf dem Radkurs sitzen zwei Rettungssanitäter im Sattel. Auf der Laufstrecke ist alle 2,3 Kilometer ein Verpflegungsstand aufgebaut. Zudem sind zwei Rettungswagen unterwegs. Im Zielbereich ist ein Arzt zur Stelle, wenn er gebraucht wird. „Wir sind vorbereitet“, versichert Mehlhorn.

Verhindern lässt sich trotzdem nicht alles. Vor zwei Jahren brach ein Teilnehmer im Ziel zusammen. Er wurde ins Krankenhaus gefahren und dort einige Tage behandelt. „Er war gesundheitlich vorbelastet und ist trotzdem gestartet“, erinnert sich Mehlhorn. Dass es unvernünftig war, muss der 63-Jährige nicht extra betonen. Man hört es auch so heraus – genauso wie eine gewisse Ohnmacht. In Moritzburg müssen alle Teilnehmer ein Formular unterschreiben, auf dem sie versichern, dass sie gesund sind. „Aber ob das wirklich stimmt, können wir natürlich nicht kontrollieren.“

Ein ärztliches Attest als Garantie?

Einige Marathon-Veranstalter fordern im Vorfeld deshalb ein ärztliches Attest. Wie genau die Läufer untersucht worden sind, ob ein Belastungs-EKG dabei war, sagt die Bescheinigung jedoch nicht. „Eine hundertprozentige Sicherheit ist das auch nicht“, findet Mehlhorn, seit nunmehr acht Jahren Organisationschef bei der größten Triathlon-Veranstaltung in der Region.

Die hitzige Wetterlage ist nur ein Mosaikstein in der langfristigen Vorbereitung. Die übernimmt seit dem Start vor 18 Jahren der Moritzburger Triathlonverein. Organisiert wird also alles ehrenamtlich. „Bei dieser Größenordnung übernehmen das normalerweise Agenturen. Wir sind da eine Ausnahme“, erklärt Lutoschka – womöglich sogar deutschlandweit.

Der Aufwand ist enorm. Die Organisation beginnt lange im Vorfeld, sehr lange. Knapp anderthalb Jahre vor dem Wettkampf wird der Termin abgestimmt. In diesem Jahr war das obligatorische zweite Juni-Wochenende tabu. Auf das fiel das Pfingstfest – und das ist eine wichtige Einnahmequelle für das Jagdschloss wie die umliegenden Gastronomen.

Die Liste der Institutionen, die einer solchen Veranstaltung zustimmen müssen, ist umfangreich. Auf einige muss man erst einmal kommen. Neben den anliegenden Gemeinden und dem Landratsamt sind das etwa die Schlösserverwaltung Sachsen, die Teichwirtschaft, das Umwelt- und das Straßenverkehrsamt, der Forstbezirk, die Polizei und das Landgestüt Moritzburg. Die edlen Pferde sind besonders sensible Nachbarn. Laut mögen sie es nicht. Auf Betreiben des Gestütsleiters wurde vor zwei Jahren extra ein Lärmschutzgutachten angefertigt. Das Ergebnis war eine Überraschung: Die Schwalben im Stall verursachen größere Phonzahlen als die Musik und die Ansagen aus den Lautsprechern nebenan im Zielbereich. Trotzdem wird auf die Vierbeiner Rücksicht genommen und das Mikro ab 20 Uhr ausgeschaltet. Die Behördengänge verschlingen viel Zeit, auch wenn Mehlhorn betont, dass die Gemeinden alle hinter dem Triathlon stehen und ihn unterstützen. Alle acht Wochen trifft sich das Organisationsteam, ab März alle vier Wochen. Bis zu 30 Ehrenamtliche kommen da zusammen, die sich in einzelne Bereiche aufteilen: Finanzen, Verpflegung, Wechselzone, Strecken. „Sie arbeiten größtenteils selbstständig. Einige sind schon seit 18 Jahren dabei. Sie wissen also, was zu tun ist“, erklärt Lutoschka.

Er ist Klubchef des 80 Mitglieder zählenden Vereins. Am Wochenende werden 300 Helfer benötigt, die eine Aufwandsentschädigung von 35 Euro für zwei Tage, Verpflegung und ein Andenken bekommen. Sie alle machen das aber wohl vor allem aus Enthusiasmus. Die Resonanz der Hobby-Sportler jedenfalls ist überwältigend. Der Schlosstriathlon ist nicht nur der einzige deutschlandweit, der sämtliche Streckenlängen anbietet – von der Jedermann-Distanz bis zum Ironman. Er ist auch einer der beliebtesten. Gelobt wird neben der Organisation vor allem die Atmosphäre. Bis auf die Langdistanz sind sämtliche Startplätze meist schon am ersten Tag ausgebucht. Die knapp 1.900 Teilnehmer sind die Obergrenze. Mehr geht logistisch nicht.

Dies alles vorzubereiten und zu koordinieren, ist ein enormes Pensum. Es gebe immer mal wieder im Verein die Diskussion, die Veranstaltung an eine Agentur abzugeben. Die müsste jedoch 19 Prozent Mehrwertsteuer abführen. Gemeinnützige Vereine sind davon befreit. „Das würde sich für eine Firma nicht rechnen“, vermutet Mehlhorn. Bestätigt fühlt er sich von zahlreichen Triathlon-Events, die nur zwei oder drei Jahre existieren und dann wieder verschwinden. „Wir müssen kostenneutral wirtschaften. Machen wir große Gewinne, würde uns das Finanzamt die Gemeinnützigkeit aberkennen“, erklärt er.

Mehlhorn schätzt, dass er sich im Mai und Juni sechs Stunden am Tag nur um den Triathlon kümmert. „Wäre ich nicht selbstständig, ginge das nicht“, betont er. Der ehemalige IT-Vertriebsmanager ist seit sechs Jahren Personal Trainer, kann sich die meisten Termine umlegen. An diesem Wochenende hat er nur einen, ist von 5 bis 23 Uhr im Einsatz – als Feuerwehrmann. So bezeichnet er seine Rolle. „Wenn es irgendwo brennt, muss ich hin.“ Lutoschka ist für die Sicherheit zuständig.

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Langweilig wird den beiden am Wochenende sicher nicht werden. Bei den hohen Temperaturen steigt das Risiko für Kreislaufprobleme. Mehlhorn empfiehlt, schon Tage vor dem Wettkampf ausreichend zu trinken. „Und ich rate zu einem Langarm-Shirt. Da kann man immer wieder Wasser drübergießen. Das kühlt.“ Vorschreiben oder kontrollieren kann man aber auch das nicht.

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