merken
PLUS Riesa

Trockenheit, Käfer und Corona

Die Gohrischheide muss mit mehreren Plagen kämpfen. Und das Virus hat Folgen, wo man sie überhaupt nicht erwartet.

Hier hat der Borkenkäfer gewütet: Revierleiter Stefan Müller von Sachsenforst in der Gohrischheide.
Hier hat der Borkenkäfer gewütet: Revierleiter Stefan Müller von Sachsenforst in der Gohrischheide. © Foto: Lutz Weidler

Zeithain. Allein im Wald, weit weg von den Mitmenschen: Als Förster bekommt man doch vom Coronavirus gar nichts mit. Könnte man denken. Ist aber nicht so. "Meine eigene Arbeit läuft noch weitgehend normal ab", sagt Stefan Müller, Leiter des Forstreviers Zeithain beim Staatsbetrieb Sachsenforst.

Aber schon bei den Forstarbeitern fängt es an: Beim Arbeiten mit der Motorsäge hält man zwar ohnehin den Mindestabstand zum Kollegen ein. Aber sie dürfen jetzt nicht mehr zu zweit in einem Auto zum Arbeiten in den Wald fahren. Und die Wege in der Gohrischheide sind bei Weitem nicht so, als ob man da als Forstarbeiter nicht im Dienst-Allrad, sondern separat mit dem Privat-Pkw durchfahren könnte.

Anzeige
Den Muttertag besonders machen
Den Muttertag besonders machen

Machen Sie Ihrer Mutter zu ihrem Ehrentag eine ganz besondere Freude. Der Bürgergarten Döbeln hat sich dafür etwas ganz besonderes ausgedacht.

Dabei wäre jetzt im Forst genug zu tun: Denn nach Jahren der Trockenheit und Stürmen tobt sich dort jetzt jemand aus, dem das Coronavirus leider gar nichts anhaben kann: der Borkenkäfer.

So sieht es unter der Rinde aus, wenn der Käfer mit der Kiefer fertig ist: Weil der Raum zwischen Holz und Borke zerfressen ist, stirbt der Baum ab.
So sieht es unter der Rinde aus, wenn der Käfer mit der Kiefer fertig ist: Weil der Raum zwischen Holz und Borke zerfressen ist, stirbt der Baum ab. © Foto: Lutz Weidler

Milliarden der Schadinsekten schwärmen derzeit in sächsischen Wäldern aus, teilte das Umweltministerium am Mittwoch mit. Da war Forstminister Wolfram Günther (Grüne) gerade auf Ortstermin im Tharandter Wald unterwegs - und zog eine Bilanz, die sich ganz ähnlich auch in der Gohrischheide zeigt. "Wir sehen einem weiteren Jahr mit dramatischem Borkenkäferbefall und katastrophalen Schäden entgegen", so der Minister. Schließlich können sich die Käfer extrem vermehren.

Wie das aussieht, zeigt sich auch am Wanderparkplatz am Rand der Gohrischheide, auf halbem Weg zwischen Heidehäuser und Nieska: Kreuz und quer liegen die gefällten Kiefern auf dem Waldboden. Mit einem Alter von 60, 70 Jahren gehören sie zu den ältesten Bäumen auf dem früheren Militärgelände - als Sichtschutz ließen Wehrmacht, NVA und Sowjetarmee die Bäume am Rand des einstigen Truppenübungsplatzes stehen, während im Inneren des Areals die Bäume erst seit dem Abzug der letzten Einheiten wieder ungestört wachsen können.

Nur bei Heidehäuser sind die Bäume der Gohrischheide noch deutlich älter, teils mehr als 100 Jahre. Aber auch dort sterben sie jetzt ab - durch die Trockenheit und den Borkenkäfer. "Januar und Februar waren noch überdurchschnittlich mit dem Niederschlag. Aber jetzt  geht der Regen schon wieder seit vier Wochen gegen Null", sagt Stefan Müller.

Zahllose Löcher in der Rinde

Was am Ostermontag wie Regen aussah, hätte gerade mal 0,7 Millimeter Niederschlag ergeben. "Das ist so wenig, dass es für die Bäume überhaupt nicht verfügbar ist", sagt der Förster. Durch die Trockenheit werden die Kiefern aber anfälliger für den Borkenkäfer: Können sie einzelne Exemplare noch mit ihrem Harz festkleben, gelingt ihnen das bei einem massenhaften Befall wie jetzt nicht mehr.

Zahllose stecknadelkopfgroße Löcher in der Rinde zeigen: Mit diesen Bäumen ist der Käfer schon fertig - und wieder ausgeflogen. "Die Ausbohrlöcher sind viel augenfälliger als die einzelnen Einbohrlöcher, durch die er in die Rinde eindringt", sagt Müller.  Die Fraßspuren darunter sind aber auch für den Laien unübersehbar.

Experten wie der Revierleiter können dann auch noch die Spuren des Sechszähnigen vom Zwölfzähnigen Kiefernborkenkäfer unterscheiden. Und den Buchdrucker und den Kupferstecher gibt es dann natürlich auch noch, die sind aber an den Fichten zu finden.

Winzig und gefährlich: ein Borkenkäfer bewegt sich in seinem Gangsystem unterhalb der Rinde.
Winzig und gefährlich: ein Borkenkäfer bewegt sich in seinem Gangsystem unterhalb der Rinde. © Andreas Arnold/dpa

So oder so: Die Trockenheit hat den Wald anfällig gemacht. "Und Sturm Friederike gab ihm 2018 den Rest", sagt Müller. Mittlerweile sind derart viele Bäume gefallen, dass der Blick weit durchs Unterholz geht - wo es eigentlich dunkel und schattig sein müsste.

Eigentlich müsste man die befallenen Bäume gleich rausräumen, um die Ausbreitung des Käfers zu begrenzen. Aber wie, wenn alle Waldbesitzer das gleiche Problem haben, aber die Arbeitskraft und die Technik begrenzt sind?

"Zumal es bei uns im Naturschutzgebiet in erster Linie ein ökologischer Verlust ist, während es bei privaten Waldbesitzern wirtschaftlich an die Substanz geht", sagt der 34-Jährige. Von manchem Privatwald stehen nicht mal mehr zehn Prozent. Und der Preis auf dem Holzmarkt sei seit eineinhalb Jahren eingebrochen - durch Friederike nicht nur in ganz Deutschland, sondern auch in Tschechien und Polen, die beide ebenfalls als Holzproduzenten auf dem Markt mitmischen.

Immerhin hat der Sachsenforst mit Kronospan in Lampertswalde noch einen verlässlichen Abnehmer. Anderen Waldbesitzern bleibt teils nichts anderes übrig, als ihre Bäume billig als Brennholz zu verkaufen. "Eine Fortwirtschaft kostendeckend zu betreiben, ist derzeit für Private kaum noch möglich", sagt Müller - und verweist wie der Forstminister auf Förderprogramme von EU und Freistaat. "Sonst wird das schnell zu einem Minusgeschäft."

Unnötig: ein prall gefüllter Sack mit Verpackungsmüll, den jemand über das Osterwochenende auf dem Wanderparkplatz an der Gohrischheide bei Nieska abgelegt hat.
Unnötig: ein prall gefüllter Sack mit Verpackungsmüll, den jemand über das Osterwochenende auf dem Wanderparkplatz an der Gohrischheide bei Nieska abgelegt hat. © Foto: Lutz Weidler

Und als ob die Waldbesitzer nicht schon genug zu tun hätten, sorgt das Coronavirus noch für ein zusätzliches Ärgernis: Weil die Leute durch Kurzarbeit Zeit zum Ausmisten haben, beräumt offenbar der eine oder andere sein Grundstück - und schaffen den Müll in den Wald. 

"Wir finden an den Zufahrten derzeit deutlich mehr Abfall als sonst", sagt Stefan Müller. Das reicht von Dachpappe bis zu Asbestplatten. Beim Ortstermin nördlich Heidehäuser ist es ein übergroßer grüner Foliensack, prall gefüllt mit Styropor-Verpackungsteilen. Nur mit Mühe bekommt ihn der Förster in seinen Kombi gequetscht. "Wir müssen das immer sofort beseitigen, weil sonst in den folgenden Tagen unweigerlich etwas dazu kommt." 

Eine Eiche kämpft sich durch

Und wie weiter? "Jetzt hilft nur noch Feuchtigkeit, damit sich die Natur selbst helfen kann", sagt Müller. Ja, man habe zwar auch in der Gohrischheide neue Bäume angepflanzt - aber in den vergangenen drei Jahren ständig durch die Trockenheit hohe Verluste gehabt.

Immerhin: Auch nördlich Heidehäuser, am Rand der Staatsstraße, zeigt sich im nunmehr lichten Unterholz neuer Bewuchs. Da kommen neue Kiefern, dort hat sich eine kleine Eiche nach oben gekämpft, auch wenn ihr Stamm noch nicht mal fingerdick ist. "Eine Mischung aus Traubeneichen und Kiefern wäre in der Gohrischheide natürlich", sagt der Förster. "Aber wenn uns die Kiefer jetzt komplett ausfällt, sind wir um Jahre zurückgeworfen."

Der Freistaat fordert alle Waldbesitzer auf, ihre Wälder mit dem Beginn des Schwärmens intensiv auf frischen Befall durch Borkenkäfer oder andere Schadinsekten zu kontrollieren. Um ein Absterben ganzer Wälder zu verhindern, sei die rechtzeitige Bekämpfung Pflicht der rund 85.000 Waldbesitzer in Sachsen.

Der Freistaat fördert Maßnahmen der Waldbesitzer zum Waldschutz und zur Wiederbewaldung 2020 mit rund zehn Millionen Euro. Außerdem stehen für den Zeitraum von 2021 bis 2023 weitere 28 Millionen Euro zur Verfügung.

Weiterführende Artikel

Forstbesitzerin contra Waldprofessor

Forstbesitzerin contra Waldprofessor

Claudia Wünsch aus Kraußnitz verteidigte in einer MDR-Sendung das Recht auf Waldbewirtschaftung. Ihr fehlten im Beitrag aber Ansätze für mehr Kooperation.

Stürme, Trockenheit und Borkenkäfer haben in den vergangenen zwei Jahren rund sieben Millionen Kubikmeter Schadholz in Sachsen hinterlassen.

Informationen unter www.sbs.sachsen.de/waldbesitzer-portal-8319.html

Zum Thema Coronavirus im Landkreis Meißen berichten wir laufend aktuell in unserem Newsblog.

Mehr zum Thema Riesa