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Trockenheit macht den Störchen zu schaffen

Die Vögel sind in diesem Jahr ungewöhnlich früh aus dem Altkreis abgeflogen. Ihr Hauptproblem ist fehlendes Futter.

Die Störche sind in diesem Jahr früh dran mit ihrem Zug nach Süden. Das große Bild entstand bereits Anfang August in Kleinraschütz.
Die Störche sind in diesem Jahr früh dran mit ihrem Zug nach Süden. Das große Bild entstand bereits Anfang August in Kleinraschütz. © Kristin Richter

Riesa. Die Tafel in Leutewitz hängt noch ein wenig hinterher: Seit elf Jahren ist auf dem Schild im Riesaer Ortsteil eingetragen, wie viele Jungstörche jedes Jahr auf dem Horst in der Nähe groß gezogen werden. Unter dem Jahr 2019 klafft derzeit noch eine Lücke, die „2“ ist noch nicht eingetragen.

Von den Jungen oder ihren Eltern fehlt allerdings jede Spur. Wahrscheinlich sind sie längst unterwegs in südlichere Gefilde. „Die Störche ziehen in diesem Jahr sehr zeitig weg“, weiß Riesas Storchenbeauftragter Olaf Gambke. Die ersten Jungstörche hätten sich bereits Ende Juli aufgemacht, die Erwachsenen Anfang August. „Normalerweise passiert das alles erst mindestens eine Woche später.“ Als Grund hat Gambke die Trockenheit und Hitze ausgemacht.

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Die Vögel hatten es in diesem Jahr mit der Futtersuche recht schwer – aber nicht zum ersten Mal. „Futtersuchende Alttiere haben wir schon vor mehr als fünf Jahren über zehn Kilometer vom Nest beobachtet“, sagt Olaf Gambke. Das sei in diesem Jahr nicht anders. Gambke verweist auf das Beispiel von „M0 35“. Der Storch nistet in Riesa auf einer Esse auf dem Grundstück des Autohauses Hercher. Bei der Futtersuche erwischten ihn Vogelfreunde aber ein gutes Stück hinter Strehla, auf einer Wiese bei Paußnitz.

Der Horst in Riesa-Leutewitz  ist verwaist. Zwei Jungtiere hat es dort 2019 gegeben.
Der Horst in Riesa-Leutewitz  ist verwaist. Zwei Jungtiere hat es dort 2019 gegeben. © Klaus-Dieter Brühl

„Dieser Sommer mit der anhaltenden Trockenheit ist ein wirklich sehr außergewöhnlicher. Die Klimaveränderung macht sich hier ganz besonders deutlich bemerkbar“, sagt der Döbelner Vogelexperte Siegfried Reimer. Überall gebe es zu wenig Nahrung für die auffälligen Vögel. Große Wiesenflächen mit Wildkräutern und den darauf lebenden Großinsekten, welche mit 70 Prozent die Hauptnahrung der Weißstörche darstellen, fehlen landesweit. „Frösche, wie oft angenommen, gehören nur selten zum Storchen-Speiseplan“, weiß der Experte.

„Um einigermaßen satt zu werden und sich die nötigen Fettreserven als Energieträger für den bevorstehenden langen Flug aufzubauen, streichen und ziehen die Störche überall suchend umher“, erläutert Reimer weiter. Deshalb würden sich einige Tiere manchmal auch zu großen Gruppen von bis zu 20 Störchen regelrecht zusammenrotten und gemeinsam auf Nahrungssuche gehen.

„Die Störche können sehr hoch fliegen, haben so einen hervorragenden Überblick. Sobald sie beispielsweise Erntearbeiten auf einem Feld entdecken, landen sie sofort dort, um kleine Säuger und Insekten in der von den Erntemaschinen aufgewühlten Erde abzusammeln“, berichtet Reimer.

Auch in Riesa lässt sich das regelmäßig beobachten. „Solche Trupps gab und gibt es regional und saisonal auf guten Nahrungsflächen immer wieder bei uns“, sagt Olaf Gambke. Ursache sei dann immer die Bearbeitung des Feldes durch den Landwirt, bei der auch potenzielle Nahrung an die Oberfläche gelangt.

Eine gute Futterreserve ist das A und O, um die anstrengende Reise in die Winterquartiere zu schaffen. Denn dafür benötigen die Vögel Energie und eiweißhaltiges Futter. Doch genau das stellt besonders in diesem Jahr ein großes Problem dar. Damit sind sie aber nur eine von vielen Arten, sagt Siegfried Reimer.

Auch andere Zugvögel wie die Schwalben müssen sich noch wichtige Fettreserven für ihren langen Flug anfressen. Diese Tiere haben derzeit aber genauso große Schwierigkeiten, genug Futter zu finden, so der Vogelexperte. „Sie sammeln sich und müssen sich die Bäuche vollschlagen, ehe sie gemeinsam aufbrechen können.“

Ob es in etwa 50 Jahren den für unsere Breiten typischen Vogelzug noch so geben wird, daran zweifelt Siegfried Reimer. „Wenn sich das Klima weiter so verändert, passen sich auch die Tiere an. So wird beispielsweise der Kuckuck künftig nicht mehr bei uns zu hören sein, er wird in höhere Lagen ziehen. Dafür werden sich die bunten, wärmeliebenden Vertreter bei uns ansiedeln.“

Zuletzt konnte der Döbelner Siegfried Reimer übrigens auch einen Storch aus der Region in seinem Gebiet beobachten und fotografieren: Das Tier, das an der Freiburger Mulde nach Futter suchte, war 2016 als Jungvogel in Colmnitz registriert worden, berichtet der Vogelfreund.

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