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Trödeln im Bullenstall

Händler Franz Neubauer will einem alten Gebäude in Ullersdorf eine neue Bestimmung geben.

© André Schulze

Von Alexander Kempf

Franz Neubauer ist in seinem Leben vieles gewesen. Nur das mit dem Zuhälter sei ein Gerücht, erzählt der Ullersdorfer. Einige Klassenkameraden hätten das dem gebürtigen Niedersachsen in jungen Jahren angedichtet. Denn als die noch Fahrrad fahren, habe er schon in einem Amischlitten gesessen. Achteinhalb Liter Chevrolet, erzählt Franz Neubauer. Wie er sich das damals als junger Blechklempner leisten kann? Er ist Schatzsucher gewesen.

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In den Kriegsjahren mauern viele Deutsche in den Kniestöcken ihrer Häuser Dinge ein, die niemand finden soll. Parteiabzeichen, Orden und sogar scharfe Waffen habe er unter deutschen Dächern gefunden und zu Geld gemacht, erzählt Franz Neubauer. Seine Trödeltaufe erlebt er 1962 in Paris. Seitdem ist er der Schatzsuche verfallen. Es sei wie ein Virus. „Du kannst pausieren, aber du kommst immer wieder“, sagt der 67-Jährige. Seit vielen Jahren veranstaltet er schon selbst Märkte in Ostsachsen.

Im ehemaligen Bullenstall neben seinem Haus in Ullersdorf lagern schon die Plakate für die nächsten Veranstaltungen. Er klebt sie selbst. Wo die Plakate gedruckt worden sind? „China“, antwortet Franz Neubauer. Das ist seine Art „keine Ahnung“ zu sagen. Woher die Plakate kommen, ist ihm nicht wichtig. Entscheidend sei nur, dass sie rechtzeitig aufgehängt und abgenommen werden. Denn sonst drohen Bußgelder. Regeln sind da, um eingehalten zu werden, weiß der Händler. Auch er selbst hat einige Prinzipien.

Kistenstände etwa kommen ihm nicht auf den Markt. Er will Ware, keinen Müll. Sein Gewerbe werde von vielen unterschätzt, sagt Franz Neubauer. „Die meisten sehen nur die Stände, aber nicht die Maloche.“ Es sei schwer, gute Ware und gute Plätze zu finden. Auch der Papierkram nervt den Veranstalter zuweilen. „Aber ohne den geht es in unserer bunten Republik nicht“, stellt er lakonisch fest.

Er sei viel herumgekommen in Deutschland, versichert Franz Neubauer. Die Oberlausitz müsse keinen Vergleich scheuen. „Wir haben hier eine der schönsten Landschaften in ganz Deutschland“, sagt er. Seen, wunderschöne Wälder und Hügel – alles da. Letztere haben es ihm besonders angetan. „Ich mag in der Natur wie bei den Frauen Hügel“, sagt Franz Neubauer. Darum hat der ehemalige Trucker auch mit seiner zweiten Frau in Waldhufen Wurzeln geschlagen.

Kennengelernt haben sich beide in der Wendezeit auf einem Trödelmarkt. Gut zwölf Jahre Altersunterschied liegen zwischen ihnen. „Sie ist 80“, sagt Franz Neubauer trocken. Er hat den Witz schon oft gerissen und kann sich immer noch daran erfreuen. Auch seine zwölf Jahre jüngere Frau schmunzelt. Noch beim ersten Treffen auf dem Trödelmarkt beschließt sie: „Wenn ich den Mann kriege, dann ist es der fürs Leben.“ Also folgt sie ihm in die Oberlausitz.

Dabei sei der Osten für Trödler einst keine gute Adresse gewesen, erzählt Franz Neubauer. Die Leute wollen 1990 Neues. Erst drei Jahre später veranstaltet er seinen ersten Trödelmarkt in Jänkendorf. Heute hängen in seinem Stall auch Fahnen aus der DDR. Wer diese kauft, kümmert den Trödler nicht. „Mir ist vollkommen Wurscht, ob es ein Nostalgiker oder ein ehemaliges SED-Mitglied ist, das bei Lausch und Guck gearbeitet hat“, sagt er. Ein Autoverkäufer interessiere es schließlich auch wenig, ob er einen Wagen an einen Raser verkaufe. Geschäft ist Geschäft.

Franz Neubauer ist Unternehmer im wahrsten Sinne des Wortes. Er hat schon eine Zeitung herausgegeben und ein Abrissunternehmen geführt. Nun macht er sein Hobby zum Beruf. Leben muss er davon nicht, denn das Haus ist abbezahlt und die Rente bewilligt. Sein Ehrgeiz aber hält ihn jung und der Kaffee wach. Schlaganfälle, Krebs und auch die Wirbelsäule sei schon im Eimer, erzählt der Senior im Unruhestand. Trotzdem will er in seinem Ullersdorfer Stall einen festen Trödelmarkt einrichten, sobald der Abfluss davor verlegt worden ist. Geöffnet wird der Stall aber nur einmal in der Woche. Denn Franz Neubauer will dort nicht festsitzen und auf Kundschaft warten. „Dafür bin ich zu unruhig.“

Er selbst kaufe zwar gerne mal eine alte Kaffeemühle oder Waage, sammle privat aber kaum etwas, verrät der Trödler. Zumindest keine Gegenstände. Um einen flotten Spruch aber ist Franz Neubauer nie verlegen. Die gibt er auch gerne kostenlos zum Besten. Eines seiner liebsten Lebenmottos lautet: „Gewinner geben nie auf. Und Aufgeber gewinnen nie.“