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Trotz Flut nicht alle Rettungskräfte angefordert

Sabine Ritter aus Zittau und Carsten Schulze aus Görlitz sind Retter. Die beiden ehrenamtlichen DRK-Mitarbeiter sind seit dem Wochenende im Einsatz, um Hochwasseropfern in den ostsächsischen Katastrophenregionen zu helfen.

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Von Gunnar Saft

Sabine Ritter aus Zittau und Carsten Schulze aus Görlitz sind Retter. Die beiden ehrenamtlichen DRK-Mitarbeiter sind seit dem Wochenende im Einsatz, um Hochwasseropfern in den ostsächsischen Katastrophenregionen zu helfen. Erst mit schwerer Technik, inzwischen immer mehr durch psychologische Betreuung. Sie kennen die Schicksale, die hinter den Schadenssummen und Opferzahlen stehen. Und sie sind unzufrieden.

Dort, wo Helfer des Deutschen Roten Kreuzes zum Einsatz kamen, hätte alles hervorragend geklappt, berichteten sie gestern den Medien nicht ohne Stolz. Doch leider durfte man nicht überall helfen, wo Hilfe eigentlich notwendig gewesen wäre, erzählen sie. Statt direkt vor Ort hätten etliche Einsatzkräfte weitab in Bereitschaftsräumen abwarten müssen, bis sie endlich offiziell gerufen wurden. In etlichen Fällen sei das sogar ganz ausgeblieben. „Ein Kriseninterventionsteam von uns wurde trotz erheblichen Bedarfs nicht angefordert“, nennt Sabine Ritter ein Beispiel. Und das, obwohl alle DRK-Kräfte sehr früh vor Ort waren. Der erste Einsatz – die Evakuierung eines örtlichen Altenheims – begann am Sonnabend um 15 Uhr. Der offizielle Katastrophenalarm wurde durch die Behörden erst eine Stunde später ausgelöst.

Fehler im System beklagt

Sachsens DRK-Chef Rüdiger Unger bestätigt auf Nachfrage, dass es sich dabei keineswegs um Einzelfälle gehandelt hat. „Einige Behörden in den Krisenregionen haben sich schwer getan. Es bedurfte erheblicher Gespräche, um sie dazu zu bewegen, unsere Rettungskräfte in den Einsatz zu nehmen.“ Für Unger ein Unding, denn die Leute seien vielerorts dringend gebraucht worden. Allein die Hälfte der 500 Spezialisten, die das DRK in den vergangenen Tagen im Einsatz hatte, waren deshalb ohne offizielles Hilfeersuchen vor Ort. Auch die fünf Luftrettungsspezialisten, über die das DRK im Freistaat verfügt, seien nicht angefordert worden. Glücklicherweise erfolgte dafür die Rettung eines älteren Manns von einem Brückenpfeiler in der Neiße bei Görlitz mithilfe eines Bundespolizeihubschraubers, der rein zufällig über das Gebiet flog.

„Ich glaube, einige Behörden haben gezögert, weil sie sich Sorgen um die Kosten unserer Rettungseinsätze machten“, vermutet Rüdiger Unger. Ein Indiz dafür ist auch das geringe Interesse an dem „Leistungskatalog im Katastrophenfall“, den das DRK seit Längerem allen Kommunen für Notfälle wie in diesen Tagen anbietet. „Der Abruf ging diesmal fast gegen Null“, schüttelt der DRK-Chef den Kopf.

Dazu kämen offensichtliche organisatorische Probleme. Unger spricht in dem Zusammenhang vom „Handeln nach Dienstanweisung statt zusätzlicher Hilfe“. Viele Behörden hätten lediglich jene regionalen Rettungskräfte alarmiert, die nach der eingeleiteten Reform des sächsischen Katastrophenschutzes in ihren offiziellen Unterlagen aufgeführt sind. Das Problem: Dies sind bei Weitem nicht mehr so viele wie früher. Unglücklicherweise sorgten die noch nicht abgeschlossenen Umstrukturierungen jetzt auch dafür, dass nicht überall die Rettungstechnik stationiert ist, die für die Fluthilfe nötig wäre. Rüdiger Unger und seine Kollegen legen Wert darauf, dass es ihnen nicht um Schuldzuweisungen geht. „Aber wir werden später in Ruhe darüber reden müssen, was wir noch besser machen können.“

Regierungschef unter Druck

Sachsens Staatsregierung, aktuell wegen ihrer von vielen Flutopfern als halbherzig empfundenen Soforthilfe in der Kritik, stellt eine Fehlerdiskussion zumindest in Aussicht. „Das Wichtigste ist erstmal, den Menschen vor Ort zu helfen. Wir werden dann in einem zweiten Schritt auch solchen Fällen nachgehen“, erklärte Regierungssprecher Johann-Adolf Cohausz gestern auf die Frage nach den Problemen, die bei den Rettungseinsätzen der vergangenen Tage auftraten.

Eine öffentliche Debatte über Sachsens neues Katastrophenschutzsystemscheint angesichts der jüngsten Ereignisse aber kaum noch vermeidbar. Zumal der Streit hinter den Kulissen längst heftig entbrannt ist. Der Umbau, so monieren Experten, hätte nicht nur die Zahl der Rettungszüge in den einzelnen Regionen deutlich verkleinert, sondern auch die Zuständigkeiten für die Rettungseinsätze seien mit der Reform unübersichtlicher geworden. Die Regierung, so ein häufig geäußerter Vorwurf, hätte dabei vor allem ans Sparen gedacht. Das räche sich jetzt.

Die Landtagsopposition hat Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) bereits aufgefordert, auf der nächsten Parlamentssitzung eine Erklärung abzugeben. Dann soll der Regierungschef zu den Vorwürfen Stellung nehmen. Der Druck auf Tillich ist dabei seit gestern noch ein Stück größer geworden. So hält ihm die Linksfraktion vor, beim wichtigen Thema Flutschutz in den vergangenen Jahren untätig gewesen zu sein. Fest macht man das am Fehlen eines landesweiten Hochwasserschutz-Aktionsplans für Sachsen. Laut der Linksabgeordneten Jana Pinka sei dieser als Konsequenz aus der Jahrhundertflut von 2002 seit sechs Jahren zwingend vorgeschrieben. Passiert sei aber bis heute nichts. Dabei wäre Tillich von 2004 bis 2007 als damaliger Umweltminister sogar direkt für das Projekt zuständig gewesen.