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Trübe Aussichten fürs Obere Elbtal

Das angestrebte Schutzziel bei Hochwasser ist nicht erreichbar. In Flussnähe müssen Bürger Eigenvorsorge treffen.

© kerber

Von Gunnar Klehm

Nach dieser Antwort wurde es still beim öffentlichen Hochwasser-Forum in Bad Schandau. Mit wie viel Geld denn die tschechischen Nachbarn motiviert würden, um für vorbeugenden Hochwasserschutz an der Elbe zu sorgen, fragte Heidenaus Bürgermeister Jürgen Opitz (CDU). „Mit keinem“, antwortete Fritz Jaeckel, Staatssekretär im sächsischen Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft. Europa sei eben noch im Zusammenwachsen. Im Informationsaustausch sei schon viel erreicht. Mit einem Staatsvertrag könne man aber erst in 30 Jahren rechnen.

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Im Wehlener Ortsteil Pötzscha standen vor einem Jahr viele Häuser ungeschützt zwischen Bahndamm und Elbe im Hochwasser. Archivfoto: Klaus Fiedler
Im Wehlener Ortsteil Pötzscha standen vor einem Jahr viele Häuser ungeschützt zwischen Bahndamm und Elbe im Hochwasser. Archivfoto: Klaus Fiedler

Was Tschechien für den Hochwasserschutz tut, war das bestimmende Thema bei der Informationsveranstaltung „Hochwasserschutz an der Elbe“, zu der Landrat Michael Geisler (CDU) am Donnerstag ins Parkhotel eingeladen hatte. Etwa 150 Zuhörer saßen im Ballsaal, um die Vorträge der Experten vom sächsischen Umweltministerium, dem Landesamt für Umwelt und der Landestalsperrenverwaltung (LTV) zu hören. Anschließend wurde sehr offen diskutiert. Eine Besucherin forderte Klartext. Dem will Landrat Geisler gern nachkommen. „Aber fest steht auch: Klare Ansagen tun weh“, sagte er. An dem Abend hielt jedenfalls keiner mit seiner Meinung hinterm Berg – im Publikum wie im Podium.

Was hat sich seit der Flut von 2002 verbessert?

Das Informationsnetz ist so gut wie noch nie, erklärte Professor Martin Socher vom sächsischen Umweltministerium in seinem Vortrag. „Und das ist so transparent, dass jeder im Internet verfolgen kann, wo wie viel Wasser steht, abgelassen oder aufgestaut wird“, so Socher. Das gelte sowohl für Deutschland als auch für Tschechien. Und das sei nicht nur ein großer Fortschritt gegenüber 2002, sondern einmalig, vielleicht sogar weltweit. In anderen Staaten würden die Betreiber von Wasserkraftanlagen ihre Daten geheimhalten, aus Angst, dass es zu Spekulationen an der Strombörse führen könnte, wenn jeder sieht, wie viel oder wenig Wasser und damit Energie gespeichert ist. Die Elbe und die Moldau werden in internationalen Arbeitsgruppen und ständigem Informationsaustausch von den Quellen bis Helgoland beobachtet und bewertet. Das habe die Flut-Vorwarnzeit für Dresden von 24 auf 60 Stunden erhöht. Für Bad Schandau immerhin noch auf 48 Stunden. Seit 2002 sind in Sachsen außerdem 1,55 Milliarden Euro in Hochwasserschutzmaßnahmen investiert worden. Das neue Staubecken in Lauenstein habe Berechnungen zufolge die Hochwasserspitze an der Mündung der Müglitz in Heidenau im Juni 2013 um 32 Prozent gekappt. Das erklärte Stefan Dornack von der LTV.

Nützen die verbauten Milliardendem Oberen Elbtal?

Die Antwort ist ernüchternd. Die Sanierungsmaßnahmen am Krippenbach und an der Biela sind zwar für Krippen und Königstein hilfreich, weil sie den Abfluss verbessern. An der Wassermenge in der Elbe ändern sie aber nichts. Die großen Staubauwerke im Osterzgebirge verbessern die Situation erst ab Pirna und Heidenau.

Welche Maßnahmen sind für die nächsten Jahre geplant?

Das angestrebte Ziel, ein Hochwasser abzufangen, wie es statistisch alle hundert Jahre auftritt, ist erst ab Heidenau mit einem neuen Damm möglich. Elbaufwärts sehen Experten in Deutschland keine Möglichkeit für einen derartigen Schutz. Für Pirnas Altstadt ist immerhin ein Schutz vorgesehen, der dem Wasserstand eines statistisch alle 50 Jahre auftretenden Hochwassers standhalten kann. Die Maßnahmen seien in der Planung, teilt Landrat Geisler mit.

Für das Kerbtal zwischen Obervogelgesang und Schöna sieht es jedoch sehr trübe aus. Für eine Hochwasserschutzmauer für Prossen und den Rückstaubereich am Lachsbach ist nach Angaben der LTV ein Beginn der Planungen 2017 anvisiert. In noch fernerer Zukunft sind ähnliche Planungen für Königstein, Halbestadt und Niederrathen vorgesehen. „Wir sprechen hier von einer Generationenaufgabe“, sagt Stefan Dornack, Fachbereichsleiter Technik bei der LTV. Für Bad Schandau oder Schmilka ist auch langfristig nichts geplant.

Das sei auch eine Frage der Wirtschaftlichkeit. „Aufwand und Nutzen müssen im Verhältnis stehen“, sagt Dornack. Im Klartext heißt das für die Betroffenen in Ufernähe, dass sie zu wenige sind, um für sie große Schutzbauten zu finanzieren. Aber gleichzeitig zu viele, um deren Umsiedlung zu bezahlen. So etwas wäre auch in Köln und Passau nicht zu erklären, sagte Staatssekretär Jaeckel. Jeder Einzelne müsse eben mehr Eigenvorsorge treffen.

Könnte Tschechien mehrfürs Obere Elbtal tun?

Die Auswertung des Hochwassers von 2013 zeigt, dass die Niederschläge in Böhmen fürs Elbehochwasser entscheidend sind und dementsprechend die Rückhaltemaßnahmen. Ohne die Talsperren in Tschechien wäre das Hochwasser 2013 am Pegel Schöna um 66 Zentimeter höher gewesen, 2002 sogar mehr als einen Meter. Seitdem sind aber keine natürlichen Überschwemmungsgebiete, sogenannte Retentionsflächen, dazugekommen. Und große Staubauwerke haben in Tschechien keine Akzeptanz, sagt Professor Socher über seine Erfahrungen im Austausch mit den Nachbarn. „Wir können froh sein, dass das Becken zwischen Leitmeritz und Porta Bohemica nicht eingedeicht wird. Das ist für uns überlebenswichtig“, so Socher. Dort entstand im Juni 2013 ein See mit 80 Millionen Liter Wasser. Das sei Solidarität mit Deutschland, sagt Socher. An der Oberen Elbe kann man nur hoffen, dass das auch ohne Staatsvertrag in 30 Jahren noch so ist.

Fachvorträge im Internet abrufbar unter: www.landratsamt-pirna.de/ref-katastrophenschutz-aktuell.html