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Als in der DDR ein „Tschechenkrieg“ tobte

1953 fand der größte und blutigste Einsatz der Volkspolizei gegen tschechische Untergrundkämpfer statt. Ein Comic aus Dresden erzählt die Geschichte.

Tausende Vopos, Scheinwerfer, Maschinengewehre – Großeinsatz bei Uckro.
Tausende Vopos, Scheinwerfer, Maschinengewehre – Großeinsatz bei Uckro. © Repro: Verlag

Sie sind verraten und entdeckt: Eine Einheit der Volkspolizei hat die drei Tschechen umstellt, die Waffen im Anschlag. Auf dem Bahnhof im brandenburgischen Uckro, scheint die geplante Flucht der Untergrundkämpfer aus Prag über Berlin in den Westen zu Ende zu sein. 

Doch das Trio zückt die Waffen, knallt die meisten Vopos über den Haufen, vertreibt den Rest und rennt in die Nacht. Was im Oktober 1953 folgt, ist der größte Einsatz in der Geschichte der Volkspolizei.

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Mindestens 5.000 oder je nach Quelle sogar 20.000 Mann kasernierte Truppe – Vorgänger der NVA – durchkämmen Häuser, Dörfer, Wälder, mit Maschinengewehren, Scheinwerfern, Hunden. Es kommt zu Gefechten, Polizisten werden getötet und verletzt. Ein Tscheche bleibt verwundet zurück und wird gefangen. Die anderen beiden können trotz erdrückender Übermacht entkommen.

Exzessiver Gewaltgehalt

„Tschechenkrieg“ hieß die blamabel endende Fahndungsaktion. „Tschechenkrieg“ heißt auch der im Dresdner Verlag Voland & Quist erschienene Comic, geschrieben von Jan Novak, gezeichnet von Jaromír Švejdík alias Jaromir 99. Beides Könner; ihre grafische Novelle über den tschechischen Läufer Emil „Zatopek“ ist großartig, Švejdíks gemeinsam mit Jaroslav Rudis geschaffene Trilogie „Alois Nebel“ eine kleine Branchen-Legende. Die Geschichte lässt Novak und Švejdík nicht los. In „Tschechenkrieg“ zeigen sie, wie weit sie ihr Erzählen ins Drastische und Actionkinohafte treiben und übertreiben können.

Die erwähnte Bahnhofsszene ist dafür ein gutes Beispiel: Die Volkspolizei wirkt in den flächigen, hart bis holzschnittig kontrastierten Zeichnungen wie die SS, stellt sich ähnlich dämlich an wie selbige in alten US-Kriegsfilmen. Entsprechend tarantinoesk-exzessiv ist der Blut- und Gewaltgehalt der Geschichte.

Die beginnt Jahre vor den Ereignissen von Uckro. Kern der Untergrundgruppe sind die Brüder Josef und Ctirad Masin. Ihr Vater ist Offizier gewesen und im Widerstand gegen die Nazis gefallen. Sein Testament mahnt die Söhne, immer gegen Fremdherrschaft und Diktatur zu kämpfen. Das beziehen die Masins wie einige Freunde auch auf die sowjetische Fremdherrschaft in der Tschechoslowakischen Republik sowie deren Vasallenregierung – und kämpfen dagegen im Untergrund.

Josef und Ctirad Masin gehen mitunter ziemlich brutal vor. 
Josef und Ctirad Masin gehen mitunter ziemlich brutal vor.  © Repro: Verlag

Ein Helden-Epos? Eher nicht.

Bald geraten sie unter Verdacht. Die Masins werden beobachtet, inhaftiert, einer von ihnen gefoltert, zu Zwangsarbeit verurteilt und nach dem Tod Stalins amnestiert. Wieder vereint, intensivieren sie ihre Aktionen. Und töten dabei auch Wehrlose. Sie warten darauf, dass die Amerikaner den Dritten Weltkrieg beginnen und ihr Land von den Sowjets befreien. Als der ausbleibt und ihre Situation immer gefährlicher wird, beschließen sie, mit drei Freunden nordwärts zu fliehen, es irgendwie in die USA zu schaffen und dort in die Armee einzutreten. Tatsächlich kommen die Brüder und ihr Freund Milan Paumer durch. Sie gelangen nach New York, werden Soldaten, bleiben in den USA und leben immer noch dort, bis auf Ctirad Masin, der 2008 starb.

Ist „Tschechenkrieg“ also ein Helden-Epos? Eher nicht. Die Brutalität der Hauptfiguren bleibt ohne künstlerische Brechung oder erzählerische Milderung, rau, abstoßend, hart; das Urteil über die Masins muss der Leser schon selber fällen. Das ist keine Schwäche des Bandes. Eher schon, dass man hier und dort den Überblick über das breite Figurentableau verlieren kann und einige Dialogstellen unserem Gegenwartsslang abgelauscht sind, den junge Menschen vor fast 70 Jahren sicher nicht gesprochen haben – falls hier nicht mit Übersetzer Mirko Kraetsch die Schöpfer-Pferde ein wenig durchgegangen sind.

Spannend aber ist der 256-Seiter, und ästhetisch durchweg ein Genuss. Vor allem, wenn sich die konsequent dreifarbig gehaltenen Panels zum dramaturgischen Höhepunkt der Verfolgungsjagd in einen extrem dazu passenden Furor steigern und „Tschechenkrieg“ wirkt wie eine Reihung expressionistischer Lithografien.

Jan Novak/Jaromir 99: Tschechenkrieg. Voland & Quist, 256 S., 26 Euro

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