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Freie Fahrt ins Nachbarland

Gehofft, ersehnt, gefordert. Die Grenzen zu Tschechien sind seit Freitag wieder offen. Doch so mancher war von dem schnellen Schritt überrascht.

Seit Freitag 12 Uhr können wieder Fahrzeuge und Fußgänger die Grenzbrücke an der Böhmischen Straße in Sebnitz passieren.
Seit Freitag 12 Uhr können wieder Fahrzeuge und Fußgänger die Grenzbrücke an der Böhmischen Straße in Sebnitz passieren. © Daniel Schäfer

Freitagvormittag am Elberadweg in der Sächsischen Schweiz: „Bis wir an der Grenze sind, ist es zwölf“, sagt Herr Richter zu seiner Frau. Sie schwingen sich wieder aufs Fahrrad Richtung Hrensko. Eine Stunde zuvor waren sie vom Caravan-Platz in Königstein aufgebrochen, wo sie gerade Urlaub machen. Als sie früh hörten, dass die Grenze schon Mittag öffnet, war sich das Ehepaar aus Elsterwerda gleich einig: Der Ausflug geht heute nach Tschechien.

Zur selben Zeit am Grenzübergang Böhmische Straße in Sebnitz: Die letzten drei Monate herrschte hier gespenstische Stille. Deshalb reibt sich jetzt so mancher Anwohner verdutzt die Augen, als sich so langsam ein Fahrzeug ans andere reiht. „Was ist denn hier los?“, ruft eine Frau aus dem Fenster. „Die Grenze macht wieder auf“, bekommt sie zur Antwort. 

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Das hat sich offenbar schnell herumgesprochen. Denn die ersten Fahrzeuge in der Schlange haben Dresdner, Bautzner, Kamenzer und Freitaler Kennzeichen. Kurz vor 12 Uhr kommt Sebnitz Oberbürgermeister Mike Ruckh (CDU) an die Grenze. Von seinem Amtskollegen aus Dolni Poustevna, Robert Holec, wird er bereits erwartet. 

Beide Stadtoberhäupter sowie weitere Bürgermeister der grenznahen Orte in Tschechien und Deutschland hatten sich für die generelle Grenzöffnung eingesetzt. Dass diese nun so schnell kommt, hat sie selber verwundert.

Der Bürgermeister von Dolni Poustevna Robert Holec (links) und Sebnitz Oberbürgermeister Mike Ruckh (rechts) treffen sich kurz vor 12 Uhr auf der Grenzbrücke zwischen Tschechien und Deutschland.
Der Bürgermeister von Dolni Poustevna Robert Holec (links) und Sebnitz Oberbürgermeister Mike Ruckh (rechts) treffen sich kurz vor 12 Uhr auf der Grenzbrücke zwischen Tschechien und Deutschland. © Daniel Schäfer

Punkt 12 Uhr tritt die tschechische Polizei zur Seite. Der Fahrzeugkorso rollt an. Die ersten biegen links und rechts in die Geschäfte ein. Innerhalb weniger Minuten sind die Parkplätze an den beiden Einkaufsshops gefüllt. „Wurde ja auch Zeit, dass die Grenze wieder öffnet. Endlich wieder ein Stück Freiheit genießen, Zigaretten und böhmische Knödel kaufen“, sagt Jens Kramer. 

Inzwischen kommen auch die ersten Fußgänger, wie Gerhart Altmann. Dem Senior geht das alles offenbar ziemlich nahe. Die Schließung der Grenze habe ihn geschmerzt. „Endlich kann ich wieder wandern gehen und meine tschechischen Kumpels besuchen“, sagt er und unterdrückt ein paar Freudentränen.

Überrascht von der schnellen Grenzöffnung waren auch die vietnamesischen Händler. Bei ihnen setzte am Freitag spürbar hektisches Treiben ein. Und auch die Einwohner schauten verdutzt, manche zückten das Handy. So viele deutsche Autos auf einmal?

Das fühlt sich fast so an wie im Herbst '89

Ganz anders in Zinnwald: Zwar öffnet auch im Osterzgebirge der Übergang wieder, doch es bleibt erst einmal ruhig. Denn mit einer solchen Entscheidungsgeschwindigkeit hatte kaum einer gerechnet. Nur wenige Autos starten von Zinnwald nach Cinovec und in die Gegenrichtung. Viele Läden, Tankstellen, Friseurgeschäfte und Gaststätten sind noch geschlossen.

Die die geöffnet haben, freuen sich umso mehr, dass das Leben ins Grenzland zurückkehrt. Für Kamil Mysek, Chef des Golfhotels geht eine schwere Zeit zu Ende. Normalerweise sind 60 bis 70 Prozent seiner Gäste Deutsche. Die fehlten in den letzten Monaten.

Elke Straube aus Geising fühlt sich gar in den Oktober ’89 zurückversetzt, als die Grenze nach Tschechien ebenfalls komplett dicht war, um die Republikflucht von DDR-Bürgern zu verhindern. „Es war schon deprimierend, wenn man Richtung Tschechien quasi mit dem Rücken zur Wand stand. Deshalb haben wir uns jetzt wieder sofort aufgemacht, auch um dem Trubel zuvorzukommen, der hier sicher bald herrschen wird.“

Endlich wieder grenzenlos einkaufen

Eva Ceska aus Teplice freut sich, dass sie nun wieder zum Einkaufen nach Deutschland fahren kann. „Jetzt merken wir erst, wie sehr man sich an die offene Grenze gewöhnt hat“, sagt sie. Kurz nach dem Grenztunnel wird währenddessen der tschechische Kontrollpunkt abgebaut. Nur hier konnte man in den vergangenen Monaten mit der entsprechenden Berechtigungen passieren.

Der provisorisch Grenzposten bei Zinnwald wird abgebaut.
Der provisorisch Grenzposten bei Zinnwald wird abgebaut. © Egbert Kamprath

Zurück aufs Fahrrad mit den Richters in Richtung Hrensko. Sie steuern die Travel-Free-Filiale an. Der Grenzübertritt funktioniert reibungslos. Von den Barrieren sind nur noch Dreckstreifen auf der Straße zu sehen. Zwei Polizeiwagen stehen mit Besatzung am Straßenrand. Sie greifen aber nicht ein. Und das war hier sogar schon vor 12 Uhr so. „Wir waren die ersten, kurz nach halb zwölf, sie haben uns nur durchgewunken“, freut sich eine Frau aus dem Landkreis Stade, die gerade die Waren aus dem Travel Free verstaut.

Insgesamt hält sich der Verkehr zwar noch in Grenzen. Mit einem normalen Juni-Freitag ist er nicht zu vergleichen. An der Tankstelle stehen nur wenige Autos. Doch im Travel Free ist es schon recht voll. Die limitierte Anzahl an Körben ist fast aufgebraucht. Die Kunden packen vor allem Zigaretten, Becherovka, Sliwowitz, Kaffee und Süßigkeiten in die Körbe.

Im Dorfkern des Grenzortes deutet allerdings noch nicht viel auf den wieder einsetzenden Einkaufstourismus hin. Manch vietnamesischer Händler hat es noch gar nicht geschafft, seinen Stand zu öffnen. „Wir sind so froh, jetzt wird alles gut“, sagt eine Händlerin in einer Mischung aus Tschechisch und Deutsch. Sie habe drei Monate lang praktisch keine Kunden gehabt. Nicht nur sie verbindet mit der Grenzöffnung große Hoffnungen.

Das Grenzgebiet war von der Schließung besonders betroffen

Auch Jan Pecka aus der Pension mit Restaurant „Altes Gaswerk“ in Hrensko hofft, dass die deutschen Gäste ihm die Saison retten. „Im März hatten wir nur Stornierungen. Ein bisschen wurde das durch tschechische Gäste aufgefangen, aber wir haben noch viel frei“, sagt Pecka, dessen Gäste meistens aus dem Ausland kommen.

„Das Grenzgebiet war von der Grenzschließung besonders betroffen. Da liegt der Anteil der deutschen Gäste bei weit über 50 Prozent“, sagt Tomáš Prouza, Präsident des tschechischen Tourismus- und Handelsverbands. Dass die Grenze nun so überraschend aufging, ist für ihn nur der Beweis, dass die Pandemie-Gründe längst nicht mehr vorliegen. „Wir hätten die Grenze schon vor Wochen öffnen können“, ist Prouza überzeugt. 

Dagegen bringe der überraschende Schritt jetzt nur Chaos. „Es ist zwar schön, dass die Grenze nun endlich offen ist, aber etwas mehr Planbarkeit wäre für Gastronomen und Hoteliers sehr hilfreich“, sagt er. Dem stimmt auch Jan Pecka zu. „Wir wissen gerade nicht, wie viel wir einkaufen müssen, aber das wird schon.“ 

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Als tatsächlich die ersten deutschen Gäste kommen, weist er seine Mitarbeiterin noch schnell an, den Umrechnungskurs zu korrigieren. Der war in der Kasse noch auf dem Stand von März, als der Euro nur 25 Kronen wert war. Jetzt bekommen deutsche Besucher für den Euro schon über 27 Kronen. „Das kann nur gut für uns sein“, sagt Pecka, der hofft, dass die Deutschen den Kronenbonus gern weitergeben.

Die Richters haben ihren Kurzbesuch indes schon wieder beendet und passieren mit ihren Rädern die Grenze Richtung Deutschland – ganz normal und ohne anzuhalten.

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