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Tschechien lässt die Masken fallen

Das Land machte den Mund-Nasen-Schutz wegen Corona als erstes in Europa zur Pflicht. Jetzt ist damit Schluss.

In Prag sitzen Anwohner zum Essen an einem 500 Meter langen Tisch auf der Karlsbrücke und feiern die Lockerung der Corona-Einschränkungen
In Prag sitzen Anwohner zum Essen an einem 500 Meter langen Tisch auf der Karlsbrücke und feiern die Lockerung der Corona-Einschränkungen © Petr David Josek/AP/dpa

Von Hans-Jörg Schmidt

Prag. Durchatmen für die Tschechen im wahrsten Sinne des Wortes: seit dem 1. Juli ist bei ihnen die Zeit der Maskenpflicht passé. Schon in den Frühverkaufsstellen sowie in den Straßenbahnen und Bussen in Prag war diese wohl einschneidendste Veränderung im öffentlichen Leben des Nachbarlandes in Corona-Zeiten unübersehbar. Lediglich in den Zügen der Prager Metro bleibt das „Symbol der Pandemie“ nach wie vor Pflicht.

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Die Tschechen hatten auf diesen Tag lange warten müssen. Das Land führte die Maskenpflicht bereits am 19. März ein - als erstes in Europa. Und das, obwohl es nirgendwo welche zu kaufen gab. Die zuständigen Stellen hatten schon alle Hände voll zu tun, die Gesundheitseinrichtungen mit Masken zu versorgen, die tatsächlichen Schutz boten. Ohne die wäre die Behandlung von Corona-Patienten zu einem Himmelfahrtskommando geworden. Später wurden große Mengen in China geordert. Jede Spezialmaschine aus Fernost wurde von Ministern persönlich auf dem Václav-Havel-Flughafen in Prag feierlich begrüßt, als würde dem Flieger ein hoher Staatsbesuch entsteigen.

Die „normalen“ Tschechen behalfen sich in ihrer Not erst einmal mit Schals und Tüchern, um aus dem Haus gehen zu können, einzukaufen und von den öffentlichen Verkehrsmitteln mitgenommen zu werden. In Windeseile setzten sich dann die Menschen an ihre alten Nähmaschinen, die seit Jahren unbenutzt in einer Ecke der Wohnung eingestaubt waren. Nähen hatten namentlich die Frauen in sozialistischen Planwirtschaftszeiten gelernt, als am Bedarf der Menschen vorbei produziert worden war und der Handel kaum mit modischem Chic aufwarten konnte.

Hinter der deutsch-tschechischen Grenze - wie hier in Hřensko - gilt nun keine Maskenpflicht mehr.
Hinter der deutsch-tschechischen Grenze - wie hier in Hřensko - gilt nun keine Maskenpflicht mehr. © dpa/Sebastian Kahnert

Die Baumwollmasken Marke Eigenbau erfüllten ihren Zweck. Der lag weniger im Eigenschutz der Träger, sondern im Schutz anderer in der Nähe. Das wurde den Leuten rund um die Uhr in den Medien immer wieder erklärt. Es gehe schlicht um „Solidarität mit anderen“, vor allem mit den sogenannten Risikogruppen.

Die Tschechen haben diese Form der Mitmenschlichkeit sehr ernst genommen. Wie sie auch keinerlei Verständnis dafür aufzubringen vermochten, dass sich andere Länder - wie Deutschland - erst einmal gegen eine Maskenpflicht sperrten. Dies hat auch dazu beigetragen, dass die Schließung der Grenzen von einem hohen Prozentsatz der Tschechen als richtig empfunden wurde. Immerhin, so sagen sie im Rückblick, sei das Land so statistisch sehr gut durch die erste Welle der Pandemie gekommen, besser als beispielsweise Deutschland.

Eine zweite Welle wird in Tschechien nicht erwartet, obwohl die Zahl der Neuinfizierten in den vergangenen Tagen wieder ansteigt. Doch es handelt sich dabei - wie in Deutschland - um ganz vereinzelte Brennpunkte. Das „tschechische Gütersloh“ heißt Karviná und liegt im Nordosten Mährens an der Grenze zu Polen. Dort sind massive Infektionen in einer Kohlengrube aufgetreten und mittlerweile auch auf Teile der Bevölkerung übergesprungen. Die Region ist denn auch vom Ende der Maskenpflicht ausgenommen worden. An größeren Veranstaltungen auch im Freien dürfen dort nur bis zu 100 Menschen teilnehmen, die Restaurants schließen früher als im großen Rest des Landes, Besuche in Gesundheits- und Sozialeinrichtungen sind gänzlich untersagt. Im kompletten Mährisch-Schlesischen Kreis, zu dem Karviná gehört, dürfen bestimmte Berufsgruppen wie Friseure nur mit Masken arbeiten.

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