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Tschechen fordern höhere Löhne

Die Wirtschaft boomt wie keine andere in der EU, aber die Gehälter erreichen nicht mal ein Drittel der deutschen.

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© CTK Photo/Radek Petrasek

Von unserem SZ-Korrespondent Hans-Jörg Schmidt, Prag

Jahrelang haben sich die tschechischen Gewerkschaften mit Lohnforderungen zurückgehalten. Damit soll jetzt Schluss sein. Der Dachverband der Arbeitnehmervertretung hat die Einzelgewerkschaften aufgefordert, im kommenden Jahr Lohnerhöhungen von bis zu fünf Prozent zu fordern.

Hintergrund: Die tschechische Wirtschaft boomt wie selten zuvor. Das Bruttoinlandsprodukt, also der Wert aller im Jahr produzierten Waren und Dienstleistungen, stieg in den ersten drei Monaten des Jahres um 3,9 Prozent. Das ist ein Spitzenwert in der EU. „Wenn die Löhne und Gehälter weiter so schleppend steigen wie bisher, dann erreichen wir das österreichische Lohnniveau erst in 100 Jahren. Das ist unzumutbar“, sagte der Chef des Dachverbandes, Josef Stredula, auf einer Tagung in Prag. Derzeit liegt das tschechische Lohnniveau bei etwa einem Drittel des österreichischen. Noch schlechter sieht es im Vergleich zu Deutschland aus. Das ist nach Meinung der Gewerkschaften höchst ungerecht, weil sich das Niveau bei der Arbeitsproduktivität längst nicht mehr so stark von dem in den Nachbarländern unterscheide. Stredula will Streiks nicht ausschließen, falls die Gewerkschaften bei den Unternehmen auf Granit beissen.

Dass die nicht erfreut sind, zeigten die jüngsten Verhandlungen zwischen Gewerkschaften,  Arbeitgebervertretern und dem Staat. Dieser Dreierbund bestimmt im Nachbarland die Grundlinien der Lohnpolitik. Die Gewerkschaften waren vergangene Woche auf harten Widerstand mit ihrer Forderung gestoßen, den gesetzlichen Mindestlohn von derzeit 9 200 Kronen (etwa 330 Euro) um 1 000 Kronen aufzustocken. Der tschechische Mindestlohn ist innerhalb der EU der fünftniedrigste. Selbst in der Slowakei ist der Mindestlohn höher, obwohl das Lohnniveau dort immer unter dem in Tschechien gelegen hatte. Zum Vergleich: In Deutschland liegt der Mindestlohn bei umgerechnet 40 400 Kronen. In einigen Branchen ist der tschechische Mindestlohn gar niedriger als die vom Staat gezogene Armutsgrenze. „Es ist absurd, dass Menschen von der Arbeit direkt zum Sozialamt gehen müssen, um sich ihr Minimalgehalt durch Sozialhilfe bis zur Armutsgrenze aufstocken zu lassen“, sagte Gewerkschaftschef Stredula.

Die Gewerkschaften wollen zudem für eine Erhöhung des Krankengeldes auf die Barrikaden gehen. Wer in Tschechien länger als 30 Tage krank ist, bekommt danach bei einem angenommenen Gehalt von 25 000 Kronen nur noch 13 500 Kronen. „Das ist der Anfang vom Abstieg in den Armutsbereich“, betonte der Gewerkschaftschef. Stredula ist auch deshalb genervt, weil er jüngst mit seinem Ansinnen gescheitert war, eine Lohnfortzahlung in voller Höhe auch für die ersten drei Krankheitstage durchzuboxen. Die Regierung wäre damit einverstanden gewesen. Der Vorstoß scheiterte jedoch am massiven Widerstand der Arbeitgeber.

Die Prager Mitte-Links-Regierung steht in jedem Fall unter Druck. Namentlich die Sozialdemokraten von Premier Bohuslav Sobotka und die Bewegung ANO des Multimilliardärs, Finanzministers und Medienmoguls Andrej Babis hatten im Wahlkampf höhere Löhne und Gehälter versprochen. Das fällt ihnen jetzt angesichts der Finanzlage des Staates, die so rosig nicht ist, auf die Füße. Die Staatsbediensteten mussten sich in den Verhandlungen im April mit einem dreiprozentigen Wachstum ihrer Einkommen zufriedengeben.

Die Gewerkschaften riskieren mit ihren Lohnforderungen viel. Die ausländischen Investoren sehen im niedrigen Lohnniveau einen der größten Standortvorteile des Landes. Das gilt auch für die deutschen Unternehmen in Tschechien. Zwar zahlt der größte deutsche Investor, Volkswagen, bei Skoda-Auto für tschechische Verhältnisse überdurchschnittlich sehr hohe Löhne. In Wolfsburg würde dafür aber niemand nur die Hand rühren. Doch die Gewerkschafter von Skoda-Auto messen die Einkommen ihrer Mitglieder nun mal an denen in der Mutterfirma in Deutschland.