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Tschüss, Fuchsbau!

Nur als Provisorium errichtet, hat die alte Eishockey-Halle der Lausitzer Füchse fast 23 Jahre überdauert. Im August beginnt ein neues Kapitel.

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Von Berthold Neumann

Da taucht sie plötzlich auf, obwohl es nun schon fast 23 Jahre her ist: die Erinnerung an den Abend des 14. September 1990 in Weißwasser. Wie ein schöner Traum. Sogar den Laufweg von damals hat Henry Domke wieder parat. „Der Pass kam von Torsten Eisebitt vom linken Bully-Kreis. Ich bin auf das Berliner Tor zugelaufen und habe den Puck halbhoch ins Netz gehämmert“, beschrieb der frühere DDR-Eishockey-Nationalspieler das erste Tor im heutigen Fuchsbau. Ein Treffer fürs Geschichtsbuch: Damit läutete „Dotze“, wie Domke in seiner aktiven Laufbahn gerufen wurde, die neue Ära der Lausitzer Puck-Hochburg im gesamtdeutschen Sport ein.

In einer Eishockey-Umkleidekabine kann gar nicht genug Platz sein. Die Füchse-Kabine hat sich seit 1990 kaum verändert.
In einer Eishockey-Umkleidekabine kann gar nicht genug Platz sein. Die Füchse-Kabine hat sich seit 1990 kaum verändert.
Wir sind Dynamos: Hantschke (l.) und Domke gehörten noch zur letzten DDR-Meistermannschaft von Dynamo Weißwasser.
Wir sind Dynamos: Hantschke (l.) und Domke gehörten noch zur letzten DDR-Meistermannschaft von Dynamo Weißwasser.

Noch heute passiert es hin und wieder, dass ein Kunde in Domkes Jeans-Geschäft mit dem Laden-Inhaber über die alten glorreichen Puck-Zeiten spricht. Nach einem Tor von Hubert Hahn gewann der PEV Weißwasser, wie sich der 25-malige DDR-Meister Dynamo Weißwasser ab Sommer 1990 nannte, seine Bundesliga-Premiere gegen den Berliner SC Preussen mit 2:1. „Wir waren in der neuen Zeit angekommen“, charakterisierte Domke die „irre Zeit“ nach der Wende.

Obwohl schon Bundesliga-Profi, schoss der Stürmer den Treffer noch als DDR-Bürger. „Die Einheit im Eishockey ist schon 19 Tage vor der politischen Wiedervereinigung vollzogen worden“, erinnert sich der Lausitzer.

Rüttel-Einlagen auf den Tribünen

Domkes Erinnerungen werden nun nicht mehr lange in Stein gemeißelt sein. Die Baumaschinen stehen bereit, der alte Fuchsbau wird geschleift. „Schon ein komisches Gefühl, auch ein bisschen Wehmut spielt mit“, sagte Domke. „Dabei haben sie uns damals gesagt, dass alles nur provisorisch sein würde“, erinnerte sich der heute 49-Jährige. „Das eine Jahr sollten wir überbrücken, dann maximal zwei.“ Doch das Provisorium wurde für die Lausitzer Füchse fast 23 Jahre lang die Heimstätte.

Wer zur Premiere auf den eilig hergerichteten Stahlrohr-Tribünen stand und die Schwingungen mitbekam, musste eine gewisse Angst-Freiheit mitbringen. „Die Leute stampften wie verrückt und feierten uns frenetisch. Wir hatten ja nicht gegen irgendjemand gewonnen, sondern eine Berliner Mannschaft bezwungen“, fügte Domkes Teamkamerad Ralf Hantschke hinzu. Auch wenn es sich dabei nicht um den langjährigen und ungeliebten Rivalen SC Dynamo aus dem Ostteil handelte, sondern um den sich eher elitär begreifenden Verein aus Berlin-Charlottenburg.

„Nach so vielen Jahren Abstand bin ich immer noch stolz, dass es der erste Treffer eines DDR-Spielers in der Bundesliga war“, sagte Domke. Zwei Minuten nach ihm erzielte der Berliner Steffen Ziesche, früherer Manager der Dresdner Eislöwen, ein Tor für den anderen Ost-Klub: den SC Dynamo Berlin, Vorläufer der heutigen Eisbären.

Luding zieht ihre Trainingsrunden

Aber erst 23 Jahre danach enthüllt Domke seine anfängliche Unsicherheit. „Obwohl die 3 000 Zuschauer wie aus dem Häuschen waren, bin ich noch skeptisch gewesen, weil der Puck zunächst gar nicht zu sehen war. Er hatte sich im Netz auf einem Eisenteil sozusagen versteckt“, sagte er. „Das war schon ein kleiner Vorbeimarsch, dass kein Geringerer als Klaus Merk die Scheibe aus dem Netz holen musste“, fügte Domke hinzu. Der Berliner Merk war in den 1980er-Jahren die Torwart-Legende der alten Bundesrepublik.

Der nun ausgediente Fuchsbau ist vielleicht sogar das älteste Provisorium unter den sächsischen Sportstätten. „Wo heute die Fans ihre Füchse unterstützen, habe ich noch meine ersten Trainingsrunden absolviert“, erinnerte sich Christa Luding. „Da gab es eine 250-Meter-Bahn, auf der wir trainierten“, sagte die Olympiasiegerin, die aus Weißwasser stammt und in Dresden zur Weltklasse-Eisschnellläuferin reifte.

Die Anlage wuchs in den 1970er- und 80er-Jahren zu einer rein funktionalen Trainingshalle. Dass diese plötzlich zum Politikum zwischen Ost und West wurde, hatte keiner geahnt. „Als 25-maliger DDR-Meister Dynamo Weißwasser wurden wir Spieler auch im Westen respektiert“, sagte der heutige Füchse-Manager Hantschke. „Aber auf Eishockey in unserem legendären Freiluftstadion hatten die West-Bundesligisten null Bock. Die waren Komfort aus ihren Hallen gewöhnt.“ So bauten Kommune und Firmen in einem irrwitzigen Tempo die Halle zu einer erstligatauglichen Spielstätte mit heute 2 750 Plätzen aus. Mit dem Mut zum Improvisieren, der gelernten DDR-Bürgern eigen war. Zum Beispiel im Spielergang. „Wenn die gewusst hätten, dass wir da Förderbänder aus dem benachbarten Tagebau ausgelegt hatten ...“, sagte Hantschke.

Und wo heute die Vereinssponsoren bei Schnittchen und Getränken diskutieren, floss früher der Schweiß. „Das war unser Kraftraum. Weil der Platz nicht reichte, mussten wir draußen im Kabinengang Anlauf nehmen und eine Hechtrolle über einen Turn-Kasten springen“, sagte Domke. Die Premiere im Fuchsbau wurde aber auch durch eine der schlimmsten Verletzungen überschattet. „Der Berliner Torhüter schoss Falk Ozellis einen Puck so scharf ins Gesicht, dass unser Stürmer drei Zähne verlor und seine beiden Kiefer gebrochen waren“, erinnerte sich Füchse-Geschäftsführer Matthias Kliemann.

Nach der tollen Premiere im gesamtdeutschen Eishockey kratzte auch das Auswärts-Debüt der Füchse-Vorgänger nicht am Selbstbewusstsein. In Mannheim verloren sie nur knapp 5:6. „Wir dachten, wir können mithalten“, sagte Hantschke. „Doch das war ein gewaltiger Irrtum.“ Weißwasser zahlte massiv Lehrgeld: Zwei 1:10-Klatschen bei der Düsseldorfer EG und in München verdarben die Laune.

Ausverkauf begann

„Wir hatten das Eishockeyspielen ja nicht verlernt. Aber die Belastungen mit den unglaublich zeitintensiven Fahrten quer durch Deutschland hatten wir unterschätzt“, sagte Domke. Die Jahre zuvor ging es eben nur nach Berlin und zurück. Trainer Roland Herzig musste seinen Posten räumen. Dafür kam mit dem Garmischer Georg Kink der erste West-Trainer nach Weißwasser. „Der hat eine Dreiviertelstunde auf Bayrisch in der Kabine auf uns eingeredet. Verstanden hat ihn keiner“, erinnerten sich Hantschke und Domke. In der Abstiegs-Relegation gescheitert, retteten sich die Vorgänger der Füchse doch noch durch den Rückzug von Eintracht Frankfurt.

Doch die besten Spieler verließen bald den Fuchsbau, der Ausverkauf von Dynamo Weißwasser begann. „Als der Verein einige Zeit später drei Stammspieler und mich im Paket für 480.000 D-Mark nach Landshut verkaufte, wusste ich, dass die großen Zeiten endgültig vorbei waren“, sagte Hantschke. Domke zog es nach Riessersee.

Die Erlebnisse aus den gemeinsamen Zeiten im alten Fuchsbau hat sie aber über die Jahre zusammengeschweißt. Im Sommer wollen Domke, Hantschke und Füchse-Trainer Dirk Rohrbach in der norwegischen Einsamkeit ihre Angelruten auswerfen. Doch schon heute fiebert Domke dem August entgegen. „Der wird heiß. Erst feiere ich meinen 50. Geburtstag, und zwei Tage später wird die neue Halle eröffnet“.

Abschied: Zum letzten Mal öffnet der Fuchsbau am Sonnabend seine Pforten. Von 16 bis 18 Uhr können sich Fans in der Kabine umschauen und Fotos schießen. Außerdem gibt es ein kostenloses Freilaufen mit den Profis.