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Tschüss, Rückwärtslauf!

Beim letzten Inselfest ging es bunt kostümiert durch Altlaubegast. SZ-Redakteur Peter Hilbert ist mitgelaufen.

SZ-Redakteur Peter Hilbert läuft mit Jette, Hanne und Bert Eberlein (v.l.) bunt kostümiert rückwärts durch Altlaubegast.
SZ-Redakteur Peter Hilbert läuft mit Jette, Hanne und Bert Eberlein (v.l.) bunt kostümiert rückwärts durch Altlaubegast. © Sven Ellger

Sonnabendvormittag in Altlaubegast. Vor der Kultkneipe Gerücht stehe ich inmitten bunt kostümierter Läufer. Hier ticken die Uhren etwas anders – besonders beim Inselfest. Während es sonst bei sportlichen Läufen immer vorwärtsgeht, ist hier die andere Richtung angesagt. Und das schon seit 2008. Zum 600. Jubiläum des Stadtteils startete damals der erste Rückwärtslauf. Als alter Marathonläufer war ich natürlich dabei. Aber so bunt kostümierte und vor allem lustige Läufer sind sonst bei keinem Wettkampf zu finden. Deshalb komme ich seitdem jedes Jahr hierher.

Kurz vor um elf hastet Moderator Micha Hloucal heran. Inselfestvereinschef Falk Altmann hatte ihn eine halbe Stunde vorher angeklingelt und aus dem Bett geholt. Denn zum musikalischen Auftaktabend des bunten Festes war bis morgens um vier feiern angesagt. Schnell schlüpft der Laubegaster in seine Moderatorenrolle. Frei nach Erich Honecker ruft er: „Vorwärts nimmer, rückwärts immer – auf geht‘s.“

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Mit Flossen bewältigte dieser Teilnehmer rückwärts den Rundkurs, der von Altlaubegast zum Laubegaster Ufer und zurück führte.
Mit Flossen bewältigte dieser Teilnehmer rückwärts den Rundkurs, der von Altlaubegast zum Laubegaster Ufer und zurück führte. © Sven Ellger

Ein Mädchen sprintet los. Ich habe zu tun, hinterherzukommen und aufzuholen. Ups, jetzt wäre ich fast gegen einen Lieferwagen gekracht. Das ging noch mal gut. Also etwas öfter den Kopf drehen und nach vorn gucken – nicht ganz unanstrengend. So kommen wir zum Laubegaster Ufer. Ich rückwärts vorn, das Mädchen mir immer auf den Fersen. Die Ein-Kilometer-Runde ist fast geschafft. Wir biegen in Altlaubegast auf die Zielgerade ein und stürmen rückwärts über die Linie. Das Mädchen wenige Schritte hinter mir, deren Eltern sie begeistert empfangen.

„Ich habe hier das erste Mal mitgemacht“, berichtet mir Amelie Neubert, als ich sie noch ganz außer Atem beglückwünsche. Die 15-jährige Laubegasterin ist Turniertänzerin, joggt auch ab und zu. Es sei schon etwas Besonderes vorbei an den Festbesuchern zu laufen, die einen anfeuern. „Ich hätte aber nie gedacht, dass ich gleich den zweiten Platz mache“, sagt sie glücklich. Um Zeiten geht es hier eigentlich gar nicht, sondern um den Spaß. Den hat auch Bert Eberlein, der mit seinen Töchtern Jette und Hanne die Rückwärtsrunde getreu dem musikalischen Motto des Laufs „mit Pauken und Trompeten“ absolviert. Die vierjährige Hanne läuft zuerst ins Ziel, kurz dahinter der gitarrespielende Papa Seit‘ an Seit‘ mit der elfjährigen, trommelschlagenden Tochter Jette.

Feuchtfröhlich läuft diese Gruppe unter dem Namen „Rommé Sport-Stein-Schwalben“, die letztlich für das beste Kostüm geehrt wird.
Feuchtfröhlich läuft diese Gruppe unter dem Namen „Rommé Sport-Stein-Schwalben“, die letztlich für das beste Kostüm geehrt wird. © Sven Ellger

Doch die eigentlichen Sieger kommen nach über 20 Minuten ganz zum Schluss. Eine neunköpfige Laubegaster Frauentruppe, die aufgrund ihrer Kostümierung schon mehrfach den Preis dafür erhielt. Mittendrin Toto, der König von Laubegast. Diesen Titel hatte Jürgen Nehrkorn, wie der 61-Jährige mit bürgerlichem Namen heißt, bei der Jahrhundertflut 2002 bekommen, als Laubegast eine Insel war. Kein Bürgermeister ließ sich damals blicken. Doch Toto zeigte Entschlusskraft und packte an. „Da haben wir ihn damals nachts auf der Sandsackmauer zum König gewählt“, erzählt die Ur-Laubegasterin Patti Baer, die in der Frauentruppe läuft. Seit 2008 ist sie bei jedem Rückwärtslauf dabei. Da die Frauen sich regelmäßig zum Rommé treffen, haben sie sich auch entsprechend kostümiert. Als „Rommé Sport-Stein-Schwalben“ laufen sie dann auch ins Ziel.

Trommelnd und laufend hat dieser Teilnehmer die Strecke durchs Festgelände sehr schnell absolviert.
Trommelnd und laufend hat dieser Teilnehmer die Strecke durchs Festgelände sehr schnell absolviert. © Sven Ellger

„Es war lustig und feuchtfröhlich“, zeigt Silke Sändig auf das plastene Sektgläschen in ihrer Hand. Ihr Mann Torsten sorgt beim Einlauf mit dem Tenorhorn für die nötigen Klänge. „Es war fantastisch mit den Mädels zu laufen“, resümiert König Toto. Auch Inselfestchef Altmann ist begeistert von den tollen Kostümen. Für das Beste davon wird die Rommé-Frauentruppe geehrt.

Altmann findet es zwar schade, dass jetzt aufgrund der enorm gestiegenen finanziellen Belastung das letzte Inselfest gefeiert wird. „Dieses Jahr lassen wir es aber noch einmal richtig krachen“, zeigt er sich jedoch entschlossen.

Moderator Micha Hloucal (r.) prämiert SZ-Redakteur Peter Hilbert, der bei der Rückwärtsstrecke über einen Kilometer vorn war.
Moderator Micha Hloucal (r.) prämiert SZ-Redakteur Peter Hilbert, der bei der Rückwärtsstrecke über einen Kilometer vorn war. © Sven Ellger

Vom Rückwärtslauf profitieren auch kranke Kinder in der Uniklinik. Die Einnahmen der Läufe seit 2016 von rund 360 Euro bekommen die Medi-Clowns, die die Kinder mit ihren Späßen aufheitern sollen. Moderator Hloucal hat eine Idee, damit der letzte Rückwärtslauf vielleicht doch nicht der letzte ist. „Es wäre toll, wenn er künftig beim Laubegaster Frühstück veranstaltet werden könnte, was immer eine Woche später ist“, schlägt er vor. Mal sehen, ob es klappt. Dann müsste ich in den nächsten Jahren nicht auf meinen liebgewonnenen jährlichen Laubegaster Lauf verzichten, bei dem so viele Leute Spaß haben.

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