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Tumult auf dem Untermarkt

Vor reichlich 200 Jahren kam es in Görlitz zu einer Finanzkrise. Die Stadtverwaltung spielte dabei keine rühmliche Rolle.

Von Ratsarchivar Siegfried Hoche

Am 17. Juli 1807 nahm Kaiser Napoleon in Görlitz ein Frühstück ein – bei seinem Verehrer Carl Gotthelf Oettel, Untermarkt 2. Es war die Zeit, als Österreich und Preußen geschlagen waren – nicht allein auf dem Schlachtfeld. Denn es folgte eine Wirtschafts- und Finanzkrise. Beide Staaten entwerteten das umlaufende Geld, um ihre Schulden zu begleichen. Der Kurs der österreichischen Kreuzer und preußischen Scheidemünzen lag bald bis 20 Prozent unter dem Nennwert. Besonders in der Oberlausitz zirkulierten riesige Mengen dieser nun plötzlich minderwertigen Münzen.

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Die beiden Ältesten unter den Görlitzer Würz- und Seidenkrämern, eben besagter Oettel sowie sein Kaufmannskollege Wolf, erkannten die Gefahr drohender Handelsverluste nicht nur für ihre Zunft. Sie wandten sich an Bürgermeister Neumann, der unschlüssig auf eine Reaktion aus Dresden hoffte. Nach Beratung mit dem Apotheker, den Zünften der Seifensieder, Spitz- und Pudritzkrämer entschieden Oettel und Wolf, dass die schlechten Münzen nur noch zu ihrem tatsächlichen und nicht nach ihrem Nominalwert in ihren Läden angenommen werden sollten. In den Geschäften wurden entsprechende Aushänge angebracht. Da erschien plötzlich ein Polizeidiener und forderte Oettel und Wolf sofort vor den Magistrat. Beide mussten sich dort vom Bürgermeister beschimpfen lassen. Die Kaufleute waren völlig perplex ob dieser Heuchelei des Magistrats, der festlegte, dass schlechte Münzen sofort zum Nennwert akzeptiert werden sollten. Der Bürgermeister gestattete den Krämern aber auf deren Nachfrage ausdrücklich, die schlechten Münzen auch ablehnen zu können. Sollte es dem Käufer an gutem Gelde mangeln, konnten nur einvernehmlich und im Ausnahmefall die schlechten Münzen zum wahren Wert akzeptiert werden.

Das Problem schien gelöst. Aber es kam anders. An einem Sonnabend erhielten die Gesellen ihren Wochenlohn vorwiegend in schlechten Münzen. Die Krämer verweigerten die Annahme dieses Geldes. Darauf gerieten Handwerksgesellen in Zorn. Hunderte aufgebrachte Görlitzer versammelten sich schreiend und pfeifend zuerst vor dem Köglerschen Kramladen (einem Geschäft am Untermarkt 10). Die Menge warf Steine, stürmte das Geschäft und verlangte die Annahme des schlechten Geldes. Nun erschien die Polizei mit der Order des Bürgermeisters, das schlechte Geld sei wie bisher nur zum Nennwert zu akzeptieren. Kögler konnte die nun noch mehr tobende Masse aber nicht abfertigen. Es kam sogar zu Plünderungen. Auch die anderen Krämer erhielten die Order des Magistrats. Darauf schlossen sie ihre Läden, weil sie Verluste nicht hinnehmen wollten. Allerdings gossen sie damit nur Öl ins Feuer. Es entstand ein riesiger Tumult. Fast systematisch wurden die Häuser der Krämer bestürmt und mit Steinen beworfen. Besonders gegen das Haus des Innungsältesten Oettel, der aber wegen dieser Sache gerade in Dresden weilte, entlud sich der Zorn. Als die verzweifelten Krämer den Bürgermeister um militärischen Schutz baten, entgegnete er: „Nun haben sie es soweit gebracht, dass ihnen widerfährt, was sie längst verdient haben!“ Sie hätten sich nicht von Oettel zu ihrem Handeln hinreißen lassen dürfen, und außerdem würden die Privilegien der Zünfte ohnehin bald verschwinden. Er könne ihnen nicht helfen. Am Ende müssen die Kaufleute auf Order des Magistrats das schlechte Geld wie bisher akzeptieren.

Es folgten langwierige Untersuchungen durch die Landesherrschaft in Dresden. König Friedrich August urteilte wohl auch wegen der unrühmlichen Rolle der Görlitzer Stadtobrigkeit salomonisch und schrieb in einem Brief, „Oettels und Consorten“ hätten zwar eigenmächtig gehandelt, aber es sollte deshalb keine Sanktion erfolgen. Die vier schlimmsten Aufrührer bei den Görlitzer Tumulten indes wurden zu je sechs Woche Zuchthaus und Zwangsarbeit verurteilt, was für damalige Verhältnisse eine durchaus milde Strafe darstellt.

Mehr zu diesem Thema ist auf der Veranstaltung „Schätze des Ratsarchivs“ zu erfahren: Dienstag, 8. April, Ratsarchiv im Rathaus Untermarkt, Beginn 17 Uhr.