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Dippoldiswalde

Turmfalken fürs Schloss Reichstädt

Die Schlossherrin will, dass wieder Vögel um die Türme kreisen. Naturschützer bauen ihnen nun eine Nistmöglichkeit. Aber wie finden die Falken diese?

Uwe-Jens Bartling misst den Platz für einen Falkennistkasten aus. Christian Wosch und Ilse von Schönberg (v.l.) schauen sich Nistmöglichkeit für Turmfalken an.
Uwe-Jens Bartling misst den Platz für einen Falkennistkasten aus. Christian Wosch und Ilse von Schönberg (v.l.) schauen sich Nistmöglichkeit für Turmfalken an. © Egbert Kamprath

Zu einem richtigen Schlossturm gehören auch Turmfalken. Wer aber zuerst die Idee hatte, auf dem Ostturm von Schloss Reichstädt einen Falkenkasten einzubauen, darüber sind sich Ilse von Schönberg, die Schlossherrin, und Christian Wosch, der ehrenamtlich beim Naturschutzbund Deutschland (Nabu) aktiv ist und hauptberuflich im Landratsamt, nicht einig. Jeder will dem anderen die Ehre zukommen lassen. Frau von Schönberg hat aber schon vor Jahren, als sie den Turm sanieren ließ, die Handwerker gebeten: Lassen Sie Platz für Vögel.

Jetzt wird es ernst mit diesem Vorhaben. Diese Woche hat Christian Wosch einen Fachmann hinzugeholt, der etwas vom Nistkastenbau versteht: Uwe-Jens Bartling, der in Pirna ein Zoogeschäft führt. Er soll das Gebälk im Turm ausmessen, wie er dort einen Kasten einbauen kann. Die Schlossherrin sucht den passenden Schlüssel, öffnet eine alte Tür, dann geht es über wackelige Dielen und enge, winkelige Treppen hoch zum Turm. Die Leiter muss sorgsam hindurchgezirkelt werden. Wer nicht aufpasst, stößt mit dem Kopf gegen den niedrigen Türbalken, der zur Turmkammer führt.

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Wanderfalken sind selten, Turmfalken häufiger

Das ist dann wieder ein geräumiger, achteckiger Raum, der schöne Ausblicke auf Reichstädt bietet. Darüber ist das Gebälk der Turmkuppel. „Früher hatte mein Onkel hier seinen Taubenschlag“, erzählt Ilse von Schönberg. Die Klappen, durch welche die Vögel einst ein- und ausgeflogen sind, funktionieren heute noch. Sie müssen jetzt nur wieder geöffnet werden für die Turmfalken.

Während der Wanderfalke in der Gegend sehr selten ist, kommen die Turmfalken häufiger vor. Im Dippser Kirchturm nisten welche, im benachbarten Schloss, ebenso im Schloss Lauenstein. „Ein Falke braucht nicht viel“, sagt Christian Wosch. „Er scharrt sich eine Kuhle, wo er die Eier reinlegen kann und brütet dann.“ Das Nest sollte aber erhöht sein, Türme und hohe Gebäude kommen den Vögeln entgegen.

Ganz oben im Ostturm von Schloss Reichstädt wird ein Nistkasten für Turmfalken angebracht. 
Ganz oben im Ostturm von Schloss Reichstädt wird ein Nistkasten für Turmfalken angebracht.  © Egbert Kamprath

Uwe-Jens Bartling hat Maß genommen. Wahrscheinlich kann er den Kasten nicht in einem Stück bauen, sondern in Einzelteilen, die er erst im Turm zusammenschraubt. Das wird in etlichen Tagen passieren. So rechtzeitig, dass die Falken ihr Nest zu Beginn ihrer Brutzeit im Mai beziehen können.

„Nur, wie erfahren die Vögel dann davon, dass sie hier nisten können?“ fragt die Schlossherrin. Bartling sagt gelassen: „Die finden das schon.“ Jungfalken, die ein neues Nest suchen, fliegen alle möglichen Stellen ab, ob sich nicht eine günstige Stelle findet. Und so viele Türme und hohe Gebäude stehen in Dippoldiswalde und Umgebung auch nicht. Ob ein Falke in Reichstädt einzieht, ist eher davon abhängig, wie viele Tiere es insgesamt gibt. Das wiederum hängt vom Nahrungsangebot ab. „Die Falken leben vorwiegend von Mäusen“, erklärt Wosch. Ein üppiges Mäusejahr ist auch ein gutes Falkenjahr. Nach einem milden Winter wie diesem, in dem die Mäuse weder unter Kälte noch unter Nässe gelitten haben, könnte also der Tisch für die Falken reichlich gedeckt sein.

So sieht ein stolzer Turmfalke mit seinen Jungen aus. Dieser hatte auf dem Werksgelände von Wacker Chemie in Nünchritz ein Nest gefunden.  
So sieht ein stolzer Turmfalke mit seinen Jungen aus. Dieser hatte auf dem Werksgelände von Wacker Chemie in Nünchritz ein Nest gefunden.   © Foto: Wacker, Alexander Schroeter

Sollten sich in Reichstädt Turmfalken ansiedeln, brauchen die erst mal keine weitere Unterstützung. „Nur sollte der Kasten einmal im Jahr gereinigt werden. Manchmal nisten sich dort ja auch andere Tiere ein. Vor allem Tauben können so einen Kasten auch verunreinigen“, sagt Wosch. Die Naturschützer achten auch darauf, dass die Tauben den Falken nicht zuvorkommen. Dafür halten sie die Einflugöffnungen verschlossen und öffnen sie erst zu Beginn der Falkenbrut. So haben sie das beispielsweise vor einigen Jahren im Dippser Schloss gemacht. In Dipps lebte eine ganze Taubenkolonie mit rund 200 Tieren im leerstehenden Gasthof „Roter Hirsch“. Als der 2012 abgerissen wurde, haben sie sich andere Quartiere gesucht. Aber sie sollten ja nicht die Falken verdrängen.

Reichstädt hatte einst vier Türme wie Moritzburg

Der Ostturm im Reichstädter Schloss ist für das Vorhaben gut geeignet, weil er ohne Weiteres zugänglich ist. Das Schloss hat ja noch einen zweiten, den Südturm. Da ist aber eine Wohnung darunter. Die Naturschützer müssten also durch fremde Räume gehen.

„Ursprünglich hatte das Schloss sogar vier Türme“, erzählt Ilse von Schönherr. „Genauso wie Moritzburg.“ In Reichstädt haben aber nur zwei die Zeiten überdauert. Nun ist nicht nur die Schlossherrin gespannt, ob sie in einem der Türme neue gefiederte Mitbewohner bekommt.

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