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PLUS Hoyerswerda

Turnplatz, Schlachtfeld, Festungshaft

Wer und was sich dahinter verbirgt – unsere Serie wirft ein Licht darauf. Heute Teil 31: Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße.

Hat so gar nichts von strengen turnerischen Übungen an sich: die Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße an der Südost-Peripherie des WK VII.
Hat so gar nichts von strengen turnerischen Übungen an sich: die Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße an der Südost-Peripherie des WK VII. © Foto: Uwe Jordan

Hoyerswerda. Gibt es in einer Stadt ein Stadion und eine Straße selben Namens, liegt das eine an der anderen; logisch. Nur ist es in Hoyerswerda, wie mit so vielem, auch in diesem Fall etwas anders. Das Stadion liegt auf der West-Ost-Achse Hoyerswerdas, fast zentral. Stünde der Wohnkomplex (WK) X noch, würde die Kampfbahn auch auf der Nord-Süd-Diagonale ziemlich mittig zu verorten sein. Die Straße hingegen liegt nahe der südöstlichsten Tangente, im WK VII, dem heutigen Humanistenviertel. Doch es ist folgerichtig, den Mann an zwei entfernten Orten derselben Stadt zu ehren. Denn sein Leben weist ähnliche Verwerfungen auf.

„Sein Streben galt der Ertüchtigung junger Menschen durch Leibesübungen im Freien, verbunden mit nationaler und patriotischer Erziehung ... Die Bemühungen um das «Turnen» – wie er es nannte – gipfeln in der Einweihung des ersten öffentlichen Turnplatzes auf der Berliner Hasenheide am 18.6.1811“, weiß die Internetseite „seines“ Museums in Freyburg (Unstrut).

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Ob sich unser Mann vom englischen „turn“; „wenden“, „biegen“, „drehen“, hat inspirieren lassen? Ein französisches Wort hätte er nie gewählt. Die desaströse Niederlage Preußens 1806 in der Doppelschlacht von Jena und Auerstedt gegen Frankreich und die folgende Besetzung deutscher Territorialstaaten waren ihm ein Greuel. Die Turner sollten mit einer Art vormilitärischer Grundausbildung körperlich fit gemacht werden für den anti-napoleonischen Befreiungskampf. Schon bald schlug dessen Stunde: Seine Turner bewährten sich 1813 im Lützower Freikorps, in dem er selbst einer der Kommandanten war. Nach der siegreichen Völkerschlacht bei Leipzig gewährte ihm die Preußische Regierung in Anerkennung seines Wirkens einen lebenslangen Ehrensold. Unser Mann war ganz klar mittendrin statt nur dabei.

Aber, ach, „Mit des Geschickes Mächten / Ist kein ewger Bund zu flechten, / Und das Unglück schreitet schnell“ (Schiller). Den deutschen Fürsten missfielen jetzt die Turner. Gegen Napoleon hatten sie ja gern mitmachen, die Restauration der Kleinstaaten ermöglichen dürfen; aber wie der Turnvater nach freien Rechten für alle Bürger, Verfassung und Einheit des Vaterlandes schreien? Nix da! Ab 1818 wurde das Turnwesen verboten, die Turnplätze geschlossen; er erhielt fünf Jahre Festung. Nach der Freilassung wurde ihm die Ehrenpension belassen – wenn er künftig in keiner Universitäts- oder auch nur Gymnasialstadt mehr wohnen würde. Er war draußen.

Nochmals wendete sich das Blatt. Preußenkönig Friedrich Wilhelm IV. rehabilitierte ihn 1840 und verlieh ihm das Eiserne Kreuz. 1842 fiel das Turnverbot. Er war wieder im Zentrum des Geschehens – und blieb es, als die Revolution von 1848 ausbrach. Unser Mann, zwar nicht an der Seite der Rebellen, wurde dennoch als Abgeordneter zur Frankfurter (Paulskirchen-)Nationalversammlung 1848/49 gewählt, die als Grundlage der deutschen Einheit eine Verfassung schaffen sollte, aber jämmerlich scheiterte. Er vertrat dort Positionen, die ihm den Vorwurf der Deutschtümelei und den Schimpfnamen „Turnwüterich“ einbrachten. In seiner letzten politischen Äußerung, seiner „Schwanenrede“ (die er aber nie hielt, sondern die nur als Druck vorliegt) bekannte er: „Deutschlands Einheit war der Traum meines erwachenden Lebens, das Morgenroth meiner Jugend, der Sonnenschein der Manneskraft und ist jetzt der Abendstern, der mir zur ewigen Ruhe winkt.“ Doch nicht mehr zu kitten war das Zerwürfnis zwischen den republikanisch gesinnten Turnern und ihrem Gründervater: Friedrich Ludwig Jahn (* 11. August 1778 / † 15. Oktober 1852).

Nur: Wie kam er ins Hoyerswerdaer Humanistenviertel? So: Bis 1990 war’s das Sportlerviertel. Die Athleten mussten weichen, aber dem Auch-Sportler Jahn wurde wohl gnadenhalber sein Einheits-Bekenntnis als tätiger Humanismus angerechnet.


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