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Über die Vorfahren gestolpert

Ein Zeitungsartikel bringt zwei Familien zusammen. Eine berührende Geschichte aus dem Krieg verbindet sie.

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Von Tobias Wolf

Sie liegen sich in den Armen – zwei Männer, die sich noch nie zuvor begegnet sind, der jüngere ist gerade aus dem Auto gestiegen. Knapp 250 Kilometer liegen an diesem Freitagabend hinter Stephan Hepner und seiner Familie. Zweieinhalb Stunden ist der Ingenieur voller Vorfreude vom Schweizer Kanton Aargau mit Frau, zwei Töchtern und seinem Sohn bis nach Baden-Baden gefahren. Die Augen des Älteren glänzen feucht, die Begegnung nimmt Michael Schuncke mit. Seit wenigen Wochen wissen sie voneinander, haben nur ein paar Stunden telefoniert, um über das Unfassbare zu reden – und ein Treffen an diesem Maiwochenende ausgemacht.

Für Michael Schuncke (v.r.) ist das Zusammentreffen mit Stephan Hepner, seiner Frau Monique und den Kindern Catherine, Nadja und Maurice ein Geschenk.
Für Michael Schuncke (v.r.) ist das Zusammentreffen mit Stephan Hepner, seiner Frau Monique und den Kindern Catherine, Nadja und Maurice ein Geschenk.

Ein festlich eingerichtetes Hotelrestaurant, Vorspeisen werden gereicht. Der Blick geht in einen kleinen Park, hinter dessen Wipfeln die Berge um Baden-Baden zu erkennen sind. Ein fast nüchterner Ort für die Begegnung zweier Familien, die ihre Dresdner Geschichte vereint. Die Nachkommen der jüdischen Familie Hepner, die einst in der Blasewitzer Villa Fliederhof Zuflucht vor den Nazis fand, beschützt von der Großmutter Michael Schunckes. Der 86-Jährige trägt zum Essen Schwarz. Er ist der letzte Namensträger einer Hornistendynastie, die über Jahrhunderte die europäische Musikkultur mitprägte. Nun sitzen sie wie eine Familie beim Mittagessen, reden herzlich miteinander. Ein Artikel in der Sächsischen Zeitung hat sie zusammengebracht.

Es ist der 12. März, als Michael Schuncke in Baden-Baden die Verleihung des ersten Internationalen Hornpreises vorbereitet, der den Namen seiner Ahnen trägt. Es soll sein Vermächtnis werden. Im Schweizer Örtchen Althäusern lichten sich an diesem Abend die Schleier über Stephan Hepners Familie. Eine Ahnenforscherin hat eine E-Mail geschrieben, will wissen, ob er schlesische Vorfahren habe. Nein, ursprünglich aus Posen antwortet der 59-Jährige. An dieser Stelle könnte die Geschichte zu Ende sein. Ist es Zufall, Vorahnung, ein Verdacht? Der kräftige Mann, dunkelblauer Kapuzenpulli, ausgewaschene Jeans, weiß nicht mehr, warum er im Internet kurz darauf die Suchbegriffe „Hepner“ und „Dresden“ eingibt. „Ich wusste, dass meine Eltern aus Dresden stammen“, sagt Hepner. „Das hat mein Vater erzählt, der sonst fast nicht über diese Zeit gesprochen hat.“ Eine Großmutter mütterlicherseits wohnte bis in die 1990er-Jahre in der Dresdner Rittershausstraße. Hepner hat sie oft besucht, ohne zu ahnen, was die Familie väterlicherseits erdulden musste.

Familiengeheimnis gelüftet

Was er im Internet findet, macht ihn für einen Moment sprachlos. Da ist dieser SZ-Artikel, der von der Rettung einer jüdischen Familie namens Hepner erzählt. Im September stand Michael Schuncke Pate für die Stolpersteine, die vor dem Grundstück des ehemaligen Fliederhofs verlegt wurden. Auch im Namen seiner Großmutter Wilhelmine. In dem Artikel habe Stephan Hepner zum ersten Mal von diesem Kapitel in der Geschichte der Vorfahren erfahren.

An jenem Märzabend geht er damit zu seiner ältesten Tochter Catherine. Auch sie ist elektrisiert. „Wir hatten uns alle damit abgefunden, dass wir diesen dunklen Teil unserer Geschichte nie erfahren würden“, sagt die 21-Jährige. „Und dann hast du von einer Sekunde auf die andere das Gefühl, jetzt bekommst du alle Informationen.“ Die ganze Familie will nun mehr wissen.

Stephan Hepner schickt eine E-Mail mit einem Jugendfoto des Vaters nach Baden-Baden. Das ist der Moment, nachdem auch für Michael Schuncke nichts mehr wie vorher ist. Der 86-Jährige, der glaubte, nie mehr von den Menschen zu hören, die seine Oma beherbergten, weint Freudentränen. Stundenlange Telefonate folgen. Über 60 Jahre glaubte er nach den Überlieferungen, sie seien in die USA emigriert. „Sie baten damals darum, ihnen nicht böse zu sein, aber nach diesem Leid wollten sie alle Brücken hinter sich abbrechen.“

Ende 1938: Nach der Pogromnacht vom 9. November muss Familie Hepner ihr Zuhause und die Polsterwerkstatt in der Südvorstadt aufgeben. Richard Hepner gilt als Volljude, Sohn Peter als Halbjude. Ehefrau Johanna ist Christin. Ihre Mutter sucht nach einem Unterschlupf, stößt auf Wilhelmine Schuncke und den Fliederhof. Sie will das Obergeschoss mieten, Hepners sollen darin wohnen. Helfen ist Familientradition, der russische Komponist Sergej Rachmaninow fand hier in den 1920er-Jahren nach der Oktoberrevolution Zuflucht.

Michael Schuncke lebt seit der Trennung der Eltern in Baden-Baden, besucht oft die Dresdner Oma. Hepners Sohn Peter ist sein wichtigster Freund und damals auf der Kreuzschule. Er singt im Kreuzchor, liebt Mathematik und Naturwissenschaften. Die regimetreuen Lehrer mobben Peter, bis er von der Schule fliegt. Schunckes Onkel, Baron Paul von Seiller, gibt dem Jungen deshalb Hausunterricht im Fliederhof.

Im Hotelrestaurant ist es still geworden, während Stephan Hepner von den wenigen Erinnerungen des Vaters erzählt, die dieser je preisgegeben hat. Dass Großvater Richard 1950 in Dresden starb und auf dem Neuen Jüdischen Friedhof begraben wurde. Dass er einen Bruder hatte, der mit seiner Familie im Konzentrationslager Theresienstadt ermordet wurde. Stephan Hepners Vater Peter heiratete zwei Jahre später und floh mit seiner Frau noch am selben Tag nach Westberlin. Das junge Paar ließ die Hochzeitsgesellschaft einfach sitzen.

In Dresden hatte Peter Hepner ein Jurastudium begonnen. Dann ist er als Rechtsanwalt und Richter tätig, lässt sich nahe dem Ruhrgebiet nieder. Sohn Stephan geht schließlich auf eine Schule in der Schweiz, studiert dort und lernt dabei seine Frau kennen. Ein richtiger Familienmensch ist Peter Hepner wohl nie mehr gewesen. Für Enkelin Catherine findet er auch kurz vor seinem Tod in den 1990er-Jahren keine Zeit, sagt Monique Faber, Stephan Hepners Ehefrau. Ihre Stimme klingt für einen Moment traurig. „Irgendwann wurde mir klar, dass er traumatisiert sein muss und das mit Arbeit kompensiert“, sagt die 52-Jährige. Trauma, das Wort taucht immer wieder auf. Auch bei Michael Schuncke hat sich manches in die Erinnerung eingebrannt.

Als Junge erlebt er, wie Gestapoleute Druck machten, die Juden vor die Tür zu setzen. Kommen sie, guckt er von oben ins Treppenhaus hinab, bewundert die 80-jährige Großmutter, wie sie mit den Geheimpolizisten umgeht. Die eigentlich schlichte Industriellen-Gattin Wilhelmine Schuncke ist gewohnt zu repräsentieren. 15 Minuten vergehen jedes Mal, bevor sie geräuschvoll die Treppen hinabrauscht. Ein Trick, um die Ledermantelträger zu verunsichern.

Bevor sie rein dürfen, wird das Bild im Aufgang der Villa auf die Rückseite gedreht. Hitler statt Blumen. Das wirkt. Ob sie ein Haus in Dresden kennen würden, indem so ein kostbares Bild des Führers hinge, fragt sie die Gestapoleute? Diese Furchtlosigkeit funktioniert über Jahre, bis Richard Hepner 1943 doch festgenommen wird. Im Oktober 1944 verschleppt ihn die SS ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Erst nach dem Krieg kehrt er abgemagert und an Krücken zurück. Im Lager wurden ihm die Knochen gebrochen.

Zur Schuncke-Großmutter sagte Hepner: „Dass ich noch lebe, verdanke ich Ihnen und der SS-Bürokratie.“ Gemäß seiner Häftlingsnummer sollte er wohl im Juni 1945 sterben. Da war der Krieg längst aus.

Wiedersehen in Dresden geplant

Dass seine Enkel und Urenkel diese Geschichte nun auch kennen, ist wie ein kleines Wunder. „Jetzt können wir auch endlich nachvollziehen, was mein Vater in seiner Jugend durchgemacht hat“, sagt Stephan Hepner. „Vielleicht hätte er nicht einmal dieses Wiedersehen unterstützt.“ Vielleicht auch nicht die Stolpersteine vor dem Fliederhof. Aber ohne die goldfarbenen Kacheln hätte es wohl nie ein Zusammentreffen in Baden-Baden gegeben, das demnächst seine Fortsetzung in Dresden finden soll. Fast, als wären sie eine Familie.