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Über Korsett und Matrosenanzug Geschichte erfahren

Pilotprojekt. Lehrer und Schüler des Lessing-Gymnasiums erprobten ein Jahr Profilunterricht. Demnächst wird er für ganz Sachsen verbindlich.

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Von Reinhard Kärbsch

Der Kanzler Otto von Bismarck schaut mit herrischem Blick von der Tafel herab. Eine feine Dame sieht ziemlich gequält aus in ihrem eng geschnürten Korsett. Das sind nur zwei Bilder, die den Vortrag von Felix Kreische, Sebastian Ripl, Lisa Schreiter und Maik Wetzorke, illustrieren. Mode und Gesellschaft in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ist ihr Thema im Profilunterricht Gesellschaftswissenschaft, Klassenstufe acht am Lessing-Gymnasium. Es geht um industrielle Revolution, Imperialismus und die Arbeitswelt des Mannes. Die Frau wird als Hüterin des Hauses wie Fürsorgerin der Familie charakterisiert. Sie beschreiben Kleidung: Matrosenanzüge für die Kleinen, Uniformen für die Großen – als Machtausweis. Zucht und Ordnung herrschen zu Bismarcks Zeiten. Die begüterte Dame wird mit dem Korsett gezüchtigt, künstlich gesteift, Vorzeige- und Sexobjekt des geldbeschaffenden Familienoberhauptes. Die Schüler dringen in Details wie in gesellschaftliche Zusammenhänge ein, beleuchten das Leben der Menschen vor über 100 Jahren in seiner Vielschichtigkeit von vielen Seiten, fächerübergreifend. Was sie sich erarbeitet haben, teilen sie den Mitschülern mit.

Lisa gefällt diese Form des Unterrichtes: „Alles ist lockerer, und man lernt eine Menge vor allem durch die Gruppenarbeit.“ Die Vier bearbeiteten ein selbstgewähltes Gebiet in einer festgelegten Zeit und nutzten verschiedene Quellen selbstständig oder zusammen – wie Bücher, Bibliotheken, Internet. Geografie- und Russisch-Lehrerin Martina Laube, im Jahr des Pilotprojektes im gesellschaftswissenschaftlichen Profil-Unterricht eingesetzt, hatte konkrete Aufgaben anhand von Konzepten gestellt.

Erhöhter Einsatz lohnt sich

Diese waren von Lehrern des Gymnasiums unter Leitung von Petra Seipolt für das besagte Profil erarbeitet worden. Für das naturwissenschaftliche Profil zeichnete Udo Mauerer verantwortlich. Das gehörte sozusagen zum Probelauf dazu. Schulbücher gibt’s hier nicht.

In der Gruppe stimmten sich die Schüler dann ab, gaben sich gegenseitig Anregungen, tauschten sich aus, teilten die Vorträge auf. Sebastian findet es gut, dass man durch das Sprechen vor dem Klassenverband bestimmte Scheu und Aufregung ablegen kann.

Die Vier sind nur eine Gruppe von insgesamt sechs in dieser einen größeren Profilgruppe Gesellschaftswissenschaften. Am Gymnasium gab und gibt es noch eine zweite, wie fünf auf naturwissenschaftlichen Gebiet und eine sprachliche. Die 155 Achtklässler hatten sich für jeweils eine dieser acht Profilgruppen entschieden. „Sie werden weitergeführt“, erklärt Schulleiter Helmut Münstermann. „Das Pilotprojekt hat sich bewährt. Das haben wir auf verschiedenen Veranstaltungen auch unseren Kollegen mitgeteilt. Diese Art Unterricht wird ab Schuljahr 2005/ 2005 an Sachsens Gymnasien obligatorisch.“ Argumente dafür gebe es viele: Praxisnähe, altersspezifische und selbstständige Schülerarbeit, Einsatz moderner Medien zur Recherche und Darstellung. Es sei ein Lehrplan mit Gehalt, aber für Lehrer sehr aufwendig im Probejahr. Die Ergebnisse rechtfertigten das aber in jedem Fall.