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Über sieben Brücken zum echten Winter

Großharthau hat einen Schlosspark ohne Schloss – aber dafür gibt es reichlich Ersatz. Zum Beispiel eine Insel zum Mieten. Teil 5 der Serie "Grüne Oasen".

Der barocke Schlosspark von Großharthau hat auch eine Fontäne, die bis zu acht Meter in die Höhe schießt.
Der barocke Schlosspark von Großharthau hat auch eine Fontäne, die bis zu acht Meter in die Höhe schießt. © Steffen Unger

Die Kleine Braunelle mault. Sie widersetzt sich der Rasendressur. Ihr Protest blüht violett. Das nützt nichts. Dressur gehört zum Barockpark wie Balthasar Permoser. Aus seiner Werkstatt sollen die Figuren auf der Böschung stammen. Sie zeigen die Jahreszeiten. Offenbar gab es um 1730 noch Jahreszeiten. Einen richtigen Winter zum Beispiel. Der bärtige Alte schaut aus dem Sandstein wie mitten im Flockenwirbel. Was für ein grimmiger Blick. Aber da wirbelt nichts. Ein Kohlweißling tändelt vorbei. Neben den Barfußfüßen des Alten lodert ein Feuer. Macht man ja auch nicht, ohne Schuhe im Schnee. Der Herbst trägt Weinlaub und Trauben an heiklen Stellen. Hinten gar nichts. 

Der Sommer und der Frühling werden von Frauen verkörpert. Sie arbeiten noch an der Gendergerechtigkeit. Ähren und Blüten bröckeln. Eine Rose ist keine Rose. Zwei weitere Damen vervollständigen den barocken Reigen. Sie erklären sich zuständig für Obst, Gemüse und Gartenbau. Dabei kann man schon mal eine Nase verlieren. Ein Haarkranz hat Moos angesetzt. Aber wer würde Damen wegen des Alters rügen? Zumal, wenn sie ein reizendes nacktes Bein zeigen. Sie zeigen immer nur eins. Meistens das rechte.

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Schlosspark ohne Schloss

Der Schlosspark gehört der Gemeinde Großharthau. Das Areal von sechs Hektar wäre für manchen Bürgermeister ein Albtraum. Für Jens Krauße ist es mehr Lust als Last. „Ich lebe für den Park!“, sagt er und dass er sich gleich in ihn verliebt hat. Er kam aus Steinigtwolmsdorf und wurde vor 19 Jahren hier Bürgermeister. Bei der vorigen Kommunalwahl erreichte die SPD die absolute Mehrheit mit 55,2 Prozent – eine Rarität weit über Landkreisgrenzen hinaus. Der Ort mit rund 3.000 Einwohnern hat Fleischer und Bäcker, Sparkasse und Pflegeheim, Abenteuerspielplatz und Kegelbahn, Zughaltestelle und Hotel. Und er hat einen Schlosspark. Aber kein Schloss. Das kam nach einem Brand 1946 abhanden. „Sinnlos abgerissen“ steht auf einer Info-Tafel. Der Wiederaufbau, sagt Jens Krauße, wurde höchstens mal in Bierlaune scherzhaft erwogen.

Die Figuren im Schlosspark von Großharthau ähneln manchen im Dresdner Zwinger. Daran dürfte Christiane Charlotte als Auftraggeberin einen Anteil haben. Sie war eine geborene Watzdorf, in erster Ehe mit einem Vitzthum von Eckstädt verheiratet und in zweiter mit einem Grafen von Flemming. Die Namen standen am sächsischen Hof ganz oben auf der Gehaltsliste. Das könnte die üppige Ausstattung des Grünzeugs in der Provinz erklären. Orangerie und Brunnenanlage würde man an diesem Ort nicht vermuten. Er liegt auf halber Strecke zwischen Dresden und Bautzen. Die meisten fahren auf der B 6 durch und vorbei. Schade drum! Denn hier verbirgt sich ein Kleinod. Es sollte Großod heißen angesichts der riesigen Bäume: Blutbuche, Rosskastanie, Salweide, Winterlinde, Traubenkirsche, Schwarzerle – Poesie pur. Die Pyramideneiche sieht wie eine Zypresse aus und spiegelt sich stolz im Teich. Farne verneigen sich vorm Wasser. Die Seerosen danken. Grüne Schlieren malen Jugendstilornamente. Über sieben Brücken musst du gehen. Der Song könnte in Großharthau entstanden sein. Die Wesenitz fließt in sanften Bögen, die Gruna etwas heftiger. Dahinter öffnet sich das barocke Geviert mit getrimmtem Gras und Braunelle. Rasenparterre, sagen die Fachleute. Wo soll das Gras denn sonst wachsen?

Man setzt auf privaten Tourismus

So müssen Bänke sein: nett zum Rücken. Um das Parterre stehen 16 tadellos weiße Möbel im besten Corona-Abstand. Man kann lange sitzen und der Fontäne zusehen. Das Wasser steigt acht Meter in die Höhe und fällt und steigt und fällt … Sehr beruhigend. An beiden Seiten wachsen dichte Hecken, darüber ein Lindenspalier, darüber Laubbaumkronen. Diese Dreistufung ist für barocke Gestaltung typisch. Das runde Wasserbecken und die Bänke wurden erneuert. Nächstes Jahr sind die Parklampen dran. Der Bürgermeister sitzt im Vorstand des Vereins Gartenkulturpfad und wirbt oft erfolgreich um Fördermittel. Seine Liebe zum Park kostet rund 30.000 Euro jährlich, da sind aber die Personalkosten mitgerechnet. „Wenn wir ein bissel mehr Geld hätten …“, sagt er, weil auch Bürgermeister laut träumen dürfen. Dann würde er das ehemalige Gärtnerhaus sanieren und ausbauen lassen für Gemeinderatssitzungen und Ausstellungen. Um den einstigen Wagenschuppen auf der anderen Seite kümmert sich ein Verein. Diese Kulturscheune mit Kamin und Küche kann für Familienfeiern gemietet werden. Sogar die Insel im Teich kann man buchen. Ohne Corona gäbe es jetzt jeden Sonntagnachmittag Bratwurst, Kaffee, Kuchen und Gondelfahrt. Gerade erwarb die Gemeinde zwei neue Tretboote. Für Herbst hofft der Bürgermeister auf eine Neuauflage der „Lebensart“. Die Messe für Gartenkunst, Mode und Kleinmöbel zieht jedes Mal bis zu 27.000 Besucher an. „Da steht der Ort kopf.“ Und das seit 13 Jahren.

Sonst aber setzt Bürgermeister Krauße lieber auf privaten Tourismus, plant ein neues Informationssystem samt App und Faltkarte für den Park und die angrenzenden Gebäude. Das einstige Rittergut wurde fein restauriert für Wohnungen. In der Reithalle treffen sich Hunde- und Pferdefreunde. Das Hotel ist ein beliebter Treffpunkt für Tanz, Schlager- und Volksmusik. Der Name „Kyffhäuser“ lässt sich mit den letzten Schlossbesitzern erklären. Sie stammten aus der Fürstenfamilie von Schwarzburg-Rudolstadt und besaßen Land am Kyffhäuser. Die eigensinnige Namensgebung setzt sich in der Neuzeit fort. Die Arztfamilie, die sich in Großharthau ansiedelte, nennt als Adresse „Am Schlosspark“, obwohl das Sträßchen seit DDR-Zeit „Am Volkspark“ heißt. Vielleicht guckt der barocke Winter deshalb so grimmig.

Dieser Text ist Teil unserer Sommerserie Grüne Oasen: Sachsens Parks und Gärten.

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