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Überfüllte Busse statt S-Bahn

S-Bahn-Fahrer brauchen im Elbtal doppelt so lange als sonst. Zwischen Coswig und Meißen müssen sie Bus fahren.

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Von Peter Anderson

Radebeul-Ost ist an diesem Morgen früh aufgestanden. Am Bahnhof wird das neue Stadtzentrum winterdicht gemacht. Bauarbeiter schleppen Dämmwolle in die Häuser an der Sidonienstraße. An den Schaukästen vor dem Bahnhof wachsen Eisblumen. Der warme Atem kondensiert in der kalten Morgenluft. Von den Plänen zum Schienenersatzverkehr ist kaum etwas zu erkennen.

Seit Donnerstagnachmittag fährt keine S-Bahn mehr zwischen Coswig und Meißen-Triebischtal. Bis Sonntagnachmittag müssen die Passagiere auf dieser Teilstrecke in Busse umsteigen. „Jetzt beginnt unser Großeinsatz“, steht auf Klebezetteln an den gläsernen Türen zwischen den S-Bahn-Abteilen. Doppelt hält besser: Kurz vor Coswig gibt der Schaffner die schlechte Nachricht zusätzlich über den Bordfunk bekannt. Überraschung und Erschrecken zeichnen sich auf den Gesichtern einiger Mitfahrer ab. Trotz verschiedener Meldungen in der Zeitung und im Rundfunk sind etliche Reisende offenbar nicht auf Schienenersatzverkehr vorbereitet.

Die Bahn sitzt voll an diesem Morgen. Berufspendler mit Aktentaschen und Rucksäcken sowie Schüler füllen die Abteile. In Coswig eilt die Masse dem Eingang des Tunnels zu, der hinaus zum Bahnhofsvorplatz führt. Der Sturm auf die Sitzplätze im Bus nach Meißen hat begonnen. Besonders unter Druck sind Mütter mit Kinderwagen und Radfahrer. Für sie könnte es schwer werden, im Bus überhaupt mitzukommen.

Dem Strom aus der S-Bahn kommt ein zweiter Strom von Passagieren aus dem Meißner Bus entgegen. Es wird eng im Tunnel. Mancher schwenkt schnell rechts ins Bahnhofsgebäude ab, um sich einen Becher mit Kaffee auf den Weg nach Meißen zu nehmen. Die Verkäuferin hinter der Bistro-Theke macht heute ein gutes Geschäft. Dafür hat sie einiges zu hören bekommen. Die Anschlüsse vom Bus zur Bahn hätten teilweise nicht funktioniert, weil sich die Zubringer von Meißen verspäteten. Für die Fahrgäste heißt das, eine halbe Stunde in der Kälte zu warten oder sich bei einem Kaffee im Bahnhofsbistro aufzuwärmen. Einige Busse seien überfüllt gewesen.

Eine Ölsardinen-Büchse

Draußen ist der Pendelbus nach Meißen inzwischen voll gequetscht wie eine Ölsardinen-Büchse. Ein Fahrradfahrer muss draußenbleiben und lässt seiner Wut mit kräftigen Flüchen freien Lauf. „Wissen Sie schon, ob morgen früh mehr Busse eingesetzt werden“, fragt ein Fahrgast. Nein, jetzt müsse erst einmal der heutige Tag überstanden werden, antwortet der Busfahrer.

Im Schritttempo geht es über die Ampel Dresdner Straße in Richtung Weinböhla. Auf dem Coswiger Wochenmarkt bauen die Händler ihre Stände auf. Lieferwagen rangieren. Wieder entsteht eine Pause. In Neusörnewitz hält der Ersatzverkehr an der Cliebener Straße. Zwei Schüler kommen aus Richtung Haltepunkt angewetzt. Sie hätten zu spät mitbekommen, wo der Ersatzverkehr hält, erzählen sie ihren Klassenkameraden im Bus. Fast eine Stunde nach Abfahrt in Radebeul-Ost trifft der Bus in Meißen ein. Doppelt so lange hat die Fahrt damit gedauert wie im Normalfall. „Bloß gut, dass morgen Wochenende ist“, sagt ein Pendler, der bereits aus Dresden kommend in der S-Bahn saß.

Nebenan auf den Gleisen des Meißner Bahnhofs rollt ein Bauwagen über die Gleise. Von einer Hebebühne aus arbeiten Techniker an den Leitungen.

Ab kommender Woche wird sich die Strecke von Meißen nach Meißen-Triebischtal in eine der größten Bahn-Baustellen seit der Wende verwandeln. Die Bahnbrücke über die Elbe soll komplett saniert und mit einem zweiten Gleis versehen werden. Zwischen Cölln und Triebischtal entsteht gegenüber den Neumarktarkaden ein dritter Meißner Haltepunkt. Der Bahnhof Meißen und die Station Sörnewitz werden modernisiert und mit Aufzügen bzw. Rollstuhlrampen ausgestattet.

Während auf der Strecke von Meißen nach Coswig ab Montag wieder S-Bahnen rollen sollen, heißt das für das Teilstück von Cölln bis Triebischtal weiter Schienenersatzverkehr. Dort kann die S-Bahn voraussichtlich erst ab Ende 2013 fahren. Zwischen Meißen und Coswig bleibt der Schienenverkehr bis Ende 2014 eingleisig. Ab Ende 2014 soll dort die Zweigleisigkeit hergestellt sein.