SZ +
Merken

Übern Mindestlohn gestolpert

Ein Radebeuler Transport-Unternehmer steht am Abgrund – weil er den Mindestlohn zahlen will.

Teilen
Folgen
© Arvid Müller

Von Wolf Dieter Liebschner

Der 1. Januar 2015 hat für den Radebeuler Jürgen Burow viel verändert. Seit diesem Tag gilt das Mindestlohngesetz. Der Transportunternehmer hat nichts gegen den Mindestlohn. Doch gerade weil er jene 8,50 Euro Stundenlohn zahlen wollte, ist er in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten.

Er habe „eine Kleinfirma“ mit einstmals einem Angestellten, so Burow. Den Angestellten hat er nicht mehr. Den hat er schon Mitte Januar entlassen müssen. Weil er der Ansicht war, dass seinem Beschäftigten Mindestlohn zusteht.

Burow ist Frühaufsteher. Er transportiert jetzt die Erzeugnisse einer großen regionalen Tageszeitung von der Druckerei zu den Punkten, wo die Zeitungsausträger auf das Gedruckte warten. Er ist sechs Tage die Woche von 1.30 Uhr bis gegen 4 Uhr unterwegs. Das ist er immer noch, denn die Zeitung reagierte darauf, dass er durch den Mindestlohn höhere finanzielle Aufwendungen hat.

„Vor Jahren hatte ich verschiedene Touren für die Zeitung“, erzählt Burow. „Heute fahre ich nur noch eine.“ Auch Aufträge für ein Logistik-Unternehmen übernimmt er nicht mehr. Das hat damit zu tun, dass der Transportunternehmer auch als Kurier für einen großen Druckmaschinenhersteller aus Radebeul tätig war. Und dieser verlangte ständige Bereitschaft von Burow.

Regelmäßig war er mit Ersatzteillieferungen dorthin unterwegs, wo Maschinen dieses Herstellers standen: Baltikum, Südspanien, Sizilien, Norwegen – fast ganz Europa wurde auf dem Fahrtenschreiber des Transporters abgebildet. Neben seinem Mitarbeiter hatte Burow dafür noch drei selbstständige Stammfahrer. Man teilte sich in die Dienste.

Gefordert war neben Einsatzbereitschaft auch Pünktlichkeit. Beides lieferte Burow gern. „Wenn so eine Maschine steht, dann kostet das die Druckerei 15 000 Euro am Tag.“ Bei Burow konnte der Druckmaschinenhersteller zu jeder Tages- und Nachtzeit anrufen. Jedes Jahr kamen Dankschreiben. Er habe sich schon „ein bisschen als Teil des Auftraggebers gefühlt“, sagt er.

Jetzt kommen keine Anrufe mehr. Es hatte da ein Gespräch gegeben. Seine auf dem Mindestlohngesetz beruhenden finanziellen Forderungen könnten nicht erfüllt werden, hieß es. Burow kann sich an die Aussage erinnern, dass es viele Firmen gebe, die auch für weniger fahren würden.

Dabei hatte auch Burow schon Einschnitte hinnehmen müssen. Für Touren ab 1 000 Kilometern stand ihm einst ein zweiter Fahrer zu, es wurden Nachtzuschläge gezahlt, bei sehr weiten Entfernungen auch Übernachtungskosten. Wegen Kosteneinsparungen war dies alles weggefallen. „Ich habe in den sauren Apfel gebissen“, sagt Burow. „Was sollte ich denn machen?“ Sein Fahrer konnte nur noch auf 450-Euro-Basis beschäftigt werden.

Trotzdem blieb nicht viel übrig. Burow zeigt eine Rechnung. Für einen im September 2014 durchgeführten Transport von Radebeul zum Frankfurter Flughafen hatte er einen Nettobetrag von 318,24 Euro berechnet. Nach Abzug der Betriebskosten – Abschreibungen, Kraftstoffverbrauch und anderes – blieben 36 Euro übrig. Bei einer Fahrzeit von zwölf Stunden kam ein Stundenlohn von drei Euro heraus. Wenn es gut lief, waren es auch schon mal sechs Euro.

Die Reaktion des Unternehmens auf SZ-Nachfrage war eindeutig: „Wir wählen unsere Spediteure nicht nach den von ihnen gezahlten Löhnen aus, sondern nach dem Preis-Leistungs-Verhältnis der uns vorgelegten Angebote“, heißt es aus der Konzernzentrale. „Der harte Wettbewerb in der Transportbranche ist bekannt und die den Fahrern gezahlten Löhne sind sicher nicht das einzige Kriterium für die Wettbewerbsfähigkeit, sondern auch die Größe und Organisation der jeweiligen Spedition.“

In diesem Jahr wurde er vom Druckmaschinenhersteller noch mit zwei Fahrten beauftragt, die letzte begann am 4. April. Die Mail, die bei ihm ankam, wurde 17.34 Uhr abgeschickt. 19.35 hat Burow die Tour begonnen, zuvor noch die Ladung abgeholt. Zielort war Blois in Frankreich, 1 230 Kilometer entfernt. 6 Uhr früh sollte er liefern, eine halbe Stunde vorher war er dort. Danach sofort zurück. Weil er sich das allein nicht mehr zutraute, hat ihn seine Frau als Zweitfahrer begleitet. Bezahlung konnte er für sie nicht einfordern. „Damit stehe ich auf dem Schlauch“, sagt er.

Sein Ex-Mitarbeiter würde gern wieder für ihn fahren. Auch für weniger als den Mindestlohn. Burow hat abgelehnt. „Damit würde ich mich doch strafbar machen.“ Den Transporter hat er inzwischen verkauft. Für die Zeitungen reicht der kleinere Berlingo. Seine Frau arbeitet jetzt auf 450-Euro-Basis in der Firma. „Wir teilen uns ’rein“, sagt Burow. „Da muss ich nicht mehr jede Nacht raus.“. Gemeinsam kommen sie auf sechs Einsätze pro Woche.

Burow ist seit August 1990 selbstständig. Der 67-Jährige bezieht noch eine Rente, die er sich in der DDR erworben hat. „Es geht so“, sagt er. „Irgendwie.“