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Überraschend ähnlich

Beim Protest gegen die Bilderberg-Konferenz in Dresden gerät die politische Farbenlehre durcheinander.

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© dpa

Von Karin Großmann

Eine Dame in Grün und Bunt fordert die Passanten am Dresdner Neumarkt auf: „Bemalt mein Auto! Ich will nicht in Grau vom Platz fahren!“ Sie legt Kreidestifte bereit. Ein Mann mit Zöpfchen schreibt auf die Autoscheibe, dass er für Frieden und Freiheit ist und zwar für alle. Ein Mädchen malt rosige Herzen dazu, und Luftballonherzen hängen auch auf der Leine vor der „Champagner Lounge“. Auf einer improvisierten Lastwagenbühne textet ein Rapper seinen Zorn in die Welt.

Die Leute vom Kunstprojekt Lovestormpeople protestieren damit gegen das Treffen von rund 130 Politikern, Wirtschaftsbossen und anderen Entscheidern hinter den verschlossenen Türen des Hotels Taschenberg Palais.

Das Nein zur Bilderberg-Konferenz führt an diesem Wochenende zu seltsamen Konstellationen. Andauernd gerät die politische Farbenlehre durcheinander. Die Forderungen und Slogans der kleinen und kleineren Protestgruppen ähneln einander aufs Wort. Der österreichische Dichter Ernst Jandl darf sich mal wieder bestätigt sehen: „lechts und rinks“, das lässt sich durchaus verwechseln. So konzentriert an einem Ort und einem Wochenende ereignet es sich eher selten. Misstrauen eint.

Deshalb klingt es bei der AfD, die am Sonnabendvormittag rund hundert Leute versammelt, kaum anders als bei der überschaubaren Mahnwache für Frieden auf dem Theaterplatz, bei dem Graubart an der Sophienstraße oder bei den bunten Leuten auf dem Neumarkt. Dort kleben lange weiße Tapetenrollen auf dem Pflaster, und jeder darf seine Ideen aufmalen oder schreiben: „Wir sind 97 Prozent – warum sollen wir uns von 2 bis 3 Prozent fertig machen lassen?“ In russischen Buchstaben ist zu lesen, dass Micha hier war. Jemand setzt seine Hoffnung in Jesus und ausdrücklich nicht in die Kirche. Einige junge Männer vom Internetkollektiv Anonymus mischen sich mit ihren Guy-Fawkes-Masken unter das Publikum.

Glaubt man den Rednern, sind alle gegen „Elitenherrschaft“, gegen zu viel Europäische Union, gegen Kriegsbeteiligung und für mehr Einfluss des Volkes. Die Zivilgesellschaft wird gebeten, „über Alternativen zum kapitalistisch-wachstumsorientierten Zeitgeist“ nachzudenken. Ein Mann verbreitet den Duft eines Räucherstäbchens und sagt: „Transparenz ist besser als Inkontinenz.“ Auch darauf können sich sicher die meisten einigen.

Widerspruch gibt es, als sich Protestteilnehmer mit Pegida-Fahnen zu den Leuten von Lovestorm auf dem Neumarkt gesellen wollen. Da wird die Polizei gebeten, für klare Trennung zu sorgen. Später rennen einige Uniformierte vor dem Taschenberg Palais auf einen Mann zu. Endlich ist mal was los. Da geraten auch die Beobachter auf dem Glockenspielpavillon des Zwingers mit in Bewegung. Prima Standort, um den menschenleeren Platz vor dem Hotel im Blick zu behalten. Der Mann wollte wohl nur Karten für die Semperoper verticken. Daraus dürfte nun nichts werden.

Am Sonnabendnachmittag stehen fast mehr Leute auf dem Dach des Pavillons als vor den Protestbühnen. Dabei könnte dort jeder reden, wozu er Lust hat. Die Mikrofone sind freigegeben. Ein junger Mann auf dem Theaterplatz nutzt die Chance und schimpft auf „die Bilderberger“: „Sie hätten damit rechnen müssen, dass es zu massenhaftem Protest kommt, vielleicht sogar zu Gewalt, und das hätten sie dann in Kauf genommen!“ Zehn, zwölf Leute hören ihm interessiert zu, einige ziehen danach zum nächsten Häuflein weiter. Am Sonntag teilt Polizeidirektor René Demmler mit: „Ich habe selten einen so entspannten und ruhigen Einsatz bei einem Ereignis dieser Bedeutung erlebt.“ Die Polizei habe am Rand der Konferenz insgesamt 21 Versammlungen abgesichert. Rund 400 Beamte sorgten für die Sicherheit, eine Hundertschaft davon rund um die Uhr.

Dass die Konferenz in Sachsen stattfand, reklamiert die AfD als ihr Verdienst. In ihrer Pressemitteilung heißt es, Dresden habe sich zur „Hauptstadt des Widerstandes“ entwickelt, was nur beinahe so klingt wie „Hauptstadt der Bewegung“. Im Übrigen hoffe man, dass mehr nachwirkt von der Konferenz als nur die Ausgaben, die der deutsche Steuerzahler für die Sicherheit der Teilnehmer zu zahlen habe. Der Veranstalter trägt zumindest die Kosten „für sämtliche Maßnahmen im Hotel“.