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Überraschender Fund im Krippenland

Die einstige Tradition des böhmischen Niederlands, wie der Schluckenauer Zipfel genannt wird, kehrt langsam zurück.

Von Steffen Neumann
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Fast vier Monate hat Schnitzer Jaroslav Blažek mit seiner Frau Hana gebraucht, um die neu entdeckte Weihnachtskrippe von Lipová (Hainspach) wieder herzustellen.
Fast vier Monate hat Schnitzer Jaroslav Blažek mit seiner Frau Hana gebraucht, um die neu entdeckte Weihnachtskrippe von Lipová (Hainspach) wieder herzustellen. © Steffen Neumann

Wenn das Maria wüsste. Aber die Mutter Gottes sitzt beseelt auf einem kleinen Schemel und hält ihr Kopftuch schützend über das neugeborene Jesuskind neben sich in einer Futterkrippe. Links von ihr stehen Josef und ein schön braun-weiß gescheckter Ochse. Sie wirkt fast abwesend, ganz bei sich und ihrem Kind, den vor ihr knienden König nicht bemerkend.

Sie hat wirklich gerade anderes zu tun, als sich Gedanken darüber zu machen, wie sie hierher gekommen ist. Diese Frieden ausstrahlenden Figuren lassen sogar den ewig Energie geladenen Bürgermeister im tschechischen Lipová (Hainspach), Pavel Svoboda, für einen Moment zur Ruhe kommen. Stolz und zufrieden blickt er auf die etwas mehr als zwei Meter breite und knapp einen Meter tiefe Szenerie.

Es ist eine der traditionellen Weihnachtskrippen, die es so früher nur im böhmischen Niederland gab, wie der Schluckenauer Zipfel genannt wird. Kunstvoll geschnitzte Holzfiguren sind in eine biblische Landschaft gesetzt, die sich durch einen bemalten, meist aus Leinen bestehenden Hintergrund fortsetzt.

Zentimeterdicker Staub

„Das ist so wunderschön, kein Vergleich, wie sie noch vor Monaten aussah“, sagt er. Damals fand er sie im Haus eines Dorfbewohners. „Er lag mit Schlaganfall im Krankenhaus und hatte sonst keinen. Also sind wir in das Haus und fanden die Krippe.“ Ihr Zustand war erbärmlich. „Da standen noch dreckige Kaffeebecher drauf und so hoch lag der Staub auf ihr“, zeigt Svoboda den Abstand zwischen seinem Zeigefinger und dem Daumen. Viele Figuren waren beschädigt, einige hatte sein Besitzer womöglich schon verkauft. Und die Landschaft war an vielen Stellen völlig zerstört. Schnell war Svoboda klar: Diese Krippe muss er retten. Er bot dem Besitzer an, sie auf Gemeindekosten zu kaufen und restaurieren zu lassen. Der Gemeinderat stimmte zu und der Besitzer auch. 

Fehlte nur noch jemand, der sie wieder in Ordnung bringt. Und da kam die Familie Blažek aus Rumburk (Rumburg) ins Spiel. Jaroslav Blažek und seine Frau Hana sind Krippenfans aus Passion. Er kam vor 15 Jahren zum Schnitzen. Fast so lange baut er auch die Kirchenkrippe in Rumburk auf. Nach und nach begann er, dort fehlende Figuren nachzuschnitzen. Selbst Kenner können seine Werke nicht von den Originalen der berühmten Schnitzer wie Wendler, Rosche und Schütz unterscheiden. Durch seine geschickten Hände gingen auch die Figuren von Lipová einschließlich der Maria. „Zwei Menschen und einen Hund habe ich neu geschnitzt“, sagt er. Man sieht es ihnen nicht an.

Täuschend echte Farben

Das liegt auch an der täuschend echten Färbung der Figuren. Darum kümmert sich wiederum seine Frau. „Wir ergänzen uns gut“, sagt Blažek. Denn seine Frau malt auch den Hintergrund. Beide haben schon weitere Weihnachtskrippen ausgestattet, wie die in Mikulášovice (Nixdorf). Eine komplette Krippe jedoch haben sie noch nie restauriert. „Das war ganz schön anspruchsvoll“, sagt Blažek. „Wir gehen ja noch arbeiten und haben Kinder. Aber es war auch ein schönes Arbeiten, weil wir komplett freie Hand hatten“, so Blažek weiter. Um den vereinbarten Termin zu schaffen, schnitzte Blažek am Ende so viel, dass er sich die Sehnenscheide entzündete. Doch am Freitag vor dem ersten Advent war es soweit. Die Krippe wurde erstmals der Öffentlichkeit gezeigt.

Die Krippe zeigt liebevolle Einzelbilder – so eine Frau am Brunnen.
Die Krippe zeigt liebevolle Einzelbilder – so eine Frau am Brunnen. © Steffen Neumann

In dem Stübchen im Obergeschoss des historischen Fachwerkhauses, in dem das örtliche Infozentrum untergebracht ist, bleibt sie „auf ewige Zeiten“, sagt Bürgermeister Svoboda. Denn beinahe hätte sie nicht durch das Treppenhaus gepasst. Also ließ er kurzerhand das Treppengeländer abmontieren. „Jetzt kriegt sie hier keiner mehr raus“, sagt Svoboda. Damit ist das böhmische Niederland, das bis zur Vertreibung der Deutschen ein Zentrum der Krippenkunst war, wieder um eine Krippe reicher. Neben einigen privaten Krippen können bis zum Ende der Weihnachtszeit am 2. Februar Krippen in den Kirchen von Rumburk, Šluknov (Schluckenau) und Mikulášovice besichtigt werden. Die in Lipová wird das ganze Jahr zu sehen sein.

5.000 Euro ließ sich die Gemeinde die Rettung der Krippe kosten. Laut Pavel Svoboda war es das wert. „Wir können nicht so tun, als ob wir die Geschichte ignorieren. Hier haben früher Deutsche gelebt, das ist unsere Geschichte und um die müssen wir uns kümmern“, sagt er. Und die nächsten Figuren hat er schon vorab bei Jaroslav Blažek bestellt. Sie sollen die Verkündigung des Engels bei den Hirten zeigen.

Krippen anschauen: Nikolaikirche Mikulášovice bis 2.2. jeden Sonntag, 13-14.30 Uhr, 18.1., 10-18 Uhr, 19.1., 10-14.30, 15.30-18 Uhr. Große Krippenausstellung, Eintritt 25 Kronen, Gruppen nach Vereinbarung 00420 732757693

Wenzelkirche Šluknov: bis Ende Januar sonntags und feiertags, 14-16 Uhr, Gruppen nach Vereinbarung +420 412 386 485, [email protected]; Laurentiuskirche Rumburk (Loreta), Di.-Sa., jeweils 11, 13 und 15 Uhr

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