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Überraschung für Stanislaw Tillich in Radeberg

Der Ministerpräsident kam gestern, um der Firma Tiegel zum 100. zu gratulieren. Und staunte nicht schlecht.

Von Jens Fritzsche

Da wäre Sachsens Ministerpräsident gestern Nachmittag um ein Haar falsch gefahren. Nicht ins Gewerbegebiet an der Pillnitzer Straße in Radeberg nämlich, sondern in den Radeberger Ortsteil Ullersdorf. Denn Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) war gestern Nachmittag zur Feier aus Anlass des hundertsten Geburtstags der Firma Tiegel eingeladen, die ja bekanntlich bis vor Kurzem noch ihren Sitz in Ullersdorf hatte. „Ich kenne Ihre Firma ja seit Langem, aber dass Sie mittlerweile umgezogen sind, ist mir echt durchgerutscht“, gab Tillich mit einem Schmunzeln zu. Und natürlich hatte er sich nicht verfahren. Aber er fand das dann auch irgendwie typisch für sächsische Unternehmer, „die eben nicht viel Gewese machen, sondern arbeiten!“

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Gäste in Feierlaune: Auf dem Firmenhof wurde ein weißes Partyzelt für die Gäste aus ganz Europa aufgebaut.
Gäste in Feierlaune: Auf dem Firmenhof wurde ein weißes Partyzelt für die Gäste aus ganz Europa aufgebaut.
Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich gratulierte der bekannten Heiz- und Kältetechnikfirma Tiegel zum 100. Jubiläum – und machte klar, warum das Familienunternehmen ein wirklich spannendes Beispiel für die sächsische Erfolgsgeschichte des Mittelst
Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich gratulierte der bekannten Heiz- und Kältetechnikfirma Tiegel zum 100. Jubiläum – und machte klar, warum das Familienunternehmen ein wirklich spannendes Beispiel für die sächsische Erfolgsgeschichte des Mittelst
Neue Halle am neuen Standort: Die Firma Tiegel brauchte Platz und zog jetzt von Ullersdorf nach Radeberg um.
Neue Halle am neuen Standort: Die Firma Tiegel brauchte Platz und zog jetzt von Ullersdorf nach Radeberg um.

Die Firma Tiegel produziert und entwickelt bekanntlich Wärme-, Lüftungs- und Kälteanlagen und ist in den vergangenen Jahren so stark gewachsen, dass am angestammten Sitz in Ullersdorf der Platz zu knapp wurde. Und so wurde gestern gleich doppelt gefeiert: Firmengeburtstag und die Einweihung des Neubaus in Radeberg. Und das im großen Festzelt mit gut einhundert Gästen, die dabei aus allen Teilen Deutschlands und auch aus Tschechien, Norwegen, Russland und Aserbaidschan angereist waren. Denn Tiegel ist längst ein europaweit agierendes Unternehmen. „Eines, das nach der Wende gut zehn Mitarbeiter hatte und einen Umsatz von einer Million machte, und nun seine Mitarbeiterzahl verzehnfacht und den Umsatz verfünffacht hat – Hut ab“, schwärmte Radebergs OB Gerhard Lemm (SPD) in seiner Grußrede. Und machte auch deutlich, „dass dieses Wachstum ja auch noch in einer Zeit vollzogen wurde, in der es eine schwere Wirtschaftskrise gab!“

Senior-Chef Dieter Tiegel verriet dann das Geheimnis des Erfolgs. „Es ist quasi unser Motto, das uns so erfolgreich gemacht hat: Bestand hat nur, was sich verändert“, sagte er. Dieter Tiegel selbst ist seit 60 Jahren im Unternehmen aktiv, 33 Jahre davon als Geschäftsführer. Er hat die Firma dabei auch durch jene Zeit geführt, in der sie in der DDR kurz vor der Verstaatlichung gestanden hatte. Das Unternehmen speckte damals ab – und kam mit unter zehn Mitarbeitern über diese schwierige Situation.

Aber viel Lust hatten die Tiegels gestern nicht, allzu lange zurückzublicken. „Wir schauen lieber nach von“, so Kerstin Tiegel, die gemeinsam mit ihrem Mann Uwe das Unternehmen nun in vierter Generation führt. Und ein solcher Blick war eben auch notwendig geworden, als klar war, dass der Platz für Entwicklungen am alten Standort einfach nicht mehr ausreichen würde. „Als wir 1993 unsere damals neue Halle in Ullersdorf gebaut hatten, hieß die Straße Alter Dorfrand und es war auch so –  nur Felder grenzten an“, erinnerte sie. Doch nach und nach wuchs ein neues Wohngebiet auf den Flächen – „und plötzlich lagen wir nicht mehr am Rand, sondern mitten drin in Ullersdorf …“ Der Wegzug nach Radeberg fiel dennoch schwer. „Wir haben lange gerungen, ob wir Ullersdorf verlassen, weil hier ja unsere Wurzeln liegen“, gab Kerstin Tiegel zu. Letztlich entschied man sich aber dafür und kaufte das 7 500 Quadratmeter große Areal im Gewerbegebiet in Radeberg. Und heute sind die Tiegels froh, diesen Schritt gegangen zu sein. „Wir haben Platz, wir haben beste Infrastruktur-Anbindung und wir haben hier auch tolle, spannende Nachbarn“, sagt sie mit Blick auf zahlreiche innovative Unternehmen ringsum. Und Radebergs OB Lemm merkte dann augenzwinkernd an, dass die Firma ja eigentlich auch nur innerhalb Radebergs umgezogen ist, schließlich ist Ullersdorf ja seit 1997 ein Ortsteil der Bierstadt.

Aber zwischen all den großen Worten und vielen Zahlen, die gestern Nachmittag durch das helle, weiße Festzelt schwirrten, gab es auch die anrührenden Momente. Als sich Uwe Tiegel bei seinen Eltern für die Unterstützung bedankte, sie drückte und sich sicher auch die eine oder andere Träne der Rührung verdrückte. Auch Ministerpräsident Tillich war noch von diesem Moment gefangen, als er kurz darauf ans Mikrofon musste. „Es ist sehr berührend – und es zeigt, wie wichtig die Familie bei der Entwicklung solcher mittelständischer Unternehmen ist“, ist Tillich überzeugt. Und überhaupt ist der Ministerpräsident stolz auf den sächsischen Mittelstand. „Firmen wie die Tiegels sind es, die dafür gesorgt haben, dass wir mittlerweile in Sachsen so viele Beschäftigte haben, wie wir seit 1990 in Sachsen nicht mehr gehabt haben!“ Bodenständige Firmen, ist der Ministerpräsident sicher, sind das Pfund, mit dem der Freistaat wuchern könne. Denn er fügte an das Motto von Dieter Tiegel – Bestand hat nur, was sich verändert – noch den Satz an: „Ohne Herkunft keine Zukunft!“