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Überstunden in der Werkstatt

Olympia naht, die deutschen Bobs aber fahren überraschend deutlich hinterher. Das sorgt für hektische Betriebsamkeit.

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Von Tino Meyer

Der Werkstatt-Termin ist langfristig geplant gewesen. Doch eigentlich sollten gestern nur noch Schönheitskorrekturen an den deutschen Bobs vorgenommen, nämlich die spezielle Olympia-Lackierung aufgetragen werden. Dann sollten die sensiblen Geräte in große Kisten und auf die lange Reise nach Sotschi gehen.

Sind es die Kufen, der Schlitten insgesamt? Oder hatten die Deutschen vielleicht nur ein schlechtes Wochenende? Nicht nur das Team von Thomas Florschütz (li.) rätselt. Fotos: dpa
Sind es die Kufen, der Schlitten insgesamt? Oder hatten die Deutschen vielleicht nur ein schlechtes Wochenende? Nicht nur das Team von Thomas Florschütz (li.) rätselt. Fotos: dpa © dpa

Weil aber zwischen Planung und Abreise der, vorsichtig formuliert, enttäuschende Heim-Weltcup am Königssee lag, hatten zumindest die deutschen Techniker plötzlich Stress. „Wir verlieren in den Kurven zu viel Zeit und kommen im unteren Teil nicht auf Geschwindigkeit“, ärgert sich Bundestrainer Christoph Langen über einen Wettkampf, „der komplett in die Hose gegangen ist“.

Was den Perfektionisten aber viel mehr nervt: Er weiß offenbar nicht, woran das liegt. Sogar die Ingenieure rätseln. „Wir sind auch nicht zufrieden, erwarten aber in Sotschi nicht so extreme Bedingungen mit nassem Schnee in der Bahn“, sagt FES-Direktor Harald Schaale und verweist auf den vollständig überdachten Olympia-Eiskanal. Seine Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte (FES) in Berlin hat zusammen mit Langen und BMW in den vergangenen drei Jahren die komplett neuen Bobs mit der Seriennummer FES 208 entwickelt.

Eine naheliegende Materialdiskussion und damit noch mehr Unruhe haben alle Beteiligten so kurz vor den Winterspielen rigoros abgewürgt, selbst die Piloten. „Wir fahren alle drei unterschiedliche Kufen, dann müssten alle drei Scheißkufen drauf haben. Wir wissen eigentlich, dass das Material und die Kufen laufen“, erklärt der Oberhofer Maximilian Arndt. Und Thomas Florschütz, mit bald 36 Jahren der Erfahrenste, gesteht zwar, noch nie so lange am Bob geschraubt zu haben wie in dieser Saison. Der Riesaer ist trotz der wenig zufriedenstellenden Weltcups jedoch überzeugt: „Das Gerät steht jetzt. Und es ist schnell genug, um zu gewinnen!“

Etwas anderes als Zuversicht bleibt den Deutschen nicht übrig. Nach einer Nacht- und Tagschicht werden die Schlitten samt ausgewählter Kufen bereits heute Abend nach Sotschi geflogen, sechs Zweier für die jeweils drei Frauen- und Männerteams sowie drei Vierer. Einen Reserveschlitten gibt es nicht. „Wir haben Ersatzteile mit, aber wenn der Schlitten nach einem Sturz nicht mehr reparabel ist, haben wir andere Sorgen. Dann kann die Mannschaft auch nicht mehr fahren“, sagt der Bundestrainer. Ob der bislang geheim gehaltene neue Prototyp, den wiederum Schaale ins Gespräch brachte, nun auch zur Fracht gehört, will Langen nicht bestätigen.

Er sagt nur: „Die kleinen Problemchen, die wir hatten, sind nicht behoben. Das werden wir bis zu den Olympischen Spielen wahrscheinlich auch nicht mehr schaffen.“ Aber die hohen Erwartungen bleiben.

Drei bis fünf Medaillen werden von den deutschen Bobs in Sotschi erwartet, so lautet die Zielvereinbarung mit dem Deutschen Olympischen Sportbund. Dazu steht Langen nach wie vor, obwohl er einräumt, derzeit „irgendwie auch als Psychologe“ gefordert zu sein. „Auf den Punkt da zu sein, das können wir einfach“, meint er und erinnert an die vergangenen Jahre. 2010 ist beispielsweise André Lange zwischenzeitlich weit hinterhergefahren, in Whistler dann aber zum Olympiasieg. Auch dank der Überstunden in der Werkstatt.

Wenigstens den Rückstand am Start haben die Deutschen wettgemacht, die athletische Komponente scheint zu stimmen. Und anders als beim Material bleiben noch fast drei Wochen, um am eigenen Körper zu arbeiten. Erst in der zweiten Olympiawoche fallen die Bob-Entscheidungen.

Trotzdem fliegt die Mannschaft bereits am Montag nach Sotschi, um vor Beginn der Spiele noch einmal zwei Tage zusätzlich im „Sanki Olympic Sliding Centre“ trainieren zu können. Weil die Bobsportler aber – O-Ton Langen – „nicht drei Wochen lang im Olympischen Dorf rumhängen sollen“, erfolgt der athletische Feinschliff danach im fünftägigen Kurztrainingslager in Istanbul. Von Sotschi sei das der kürzeste Weg für perfekte Trainingsbedingungen,

Was wie eine schwierige logistische Herausforderung wirkt, verdeutlich vor allem eines: In dieser Saison wollen die erfolgsverwöhnten Deutschen jede sich bietende Möglichkeit nutzen, um das scheinbar Unmögliche doch zu schaffen: Olympiagold.