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Übungsplatz wird zum Gefechtsstand

Deutsche und Niederländer arbeiten in der Nato besonders eng zusammen – in diesen Tagen auch in der Oberlausitz.

Von Constanze Knappe
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Das Panzerbataillon 414 auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz: Auftrag erfüllt, heißt es nach dem Schießen am Mittwoch.
Das Panzerbataillon 414 auf dem Truppenübungsplatz Oberlausitz: Auftrag erfüllt, heißt es nach dem Schießen am Mittwoch. © Foto: Joachim Rehle

Oberlausitz. Es macht schon ordentlich Krach, wenn viermal 70 Tonnen Stahl – bewegt von jeweils 1.500 PS – den Heideboden durchpflügen. Rote Fähnchen auf den vier Panzern warnen: Hier wird scharf geschossen! Mündungsfeuer und das dumpfe Grollen der Einschläge bestätigen das wenig später. Auf der Schießbahn 8 des Truppenübungsplatzes Oberlausitz geht es in diesen Tagen so richtig zur Sache.

Das Panzerbataillon 414 weilt zu Übungszwecken in der Oberlausitz. Der Auftrag an die Soldaten: mechanisierte Kräfte des Gegners außer Gefecht setzen, ohne dabei den Eigenschutz zu vernachlässigen. Das wird zugweise geübt, wobei ein Zug aus vier Leopard 2-Panzern besteht, die mit je vier Mann besetzt sind. Geschossen wird auf Klappanlagen als imaginäre Gegner und das aus dem Stand wie auch aus voller Fahrt heraus. Ein Durchgang dauert je nach Aufgabe ein bis zwei Stunden.

Die 3. Kompanie des Bataillons übt aber nicht nur, ihre Panzer zu beherrschen. Auf anderen Schießbahnen sind die Soldaten mit Handwaffen zugange. Selbst Funken steht auf dem Programm. Mit Temperaturen nahe null Grad Celsius und anhaltendem Nieselregen sind die Bedingungen an diesem Mittwochvormittag alles andere als angenehm. Oberstleutnant Hagen Ruppelt sieht das anders. „Dieses Wetter ist Panzerwetter“, sagt der Kommandant des Bataillons 414. Dass man auf der 2.400 Meter langen Schießbahn nur mäßig weit sieht, tut nichts zur Sache. Die Panzer sind mit Wärmebildkameras und anderer Technik ausgestattet. Vom Turm der Schießbahn aus erfolgt eine automatische Trefferauswertung. Am Ende schätzt Kommandant Hagen Ruppelt ein: „Das Ausbildungsziel ist erreicht.“ Zumindest für diesen Tag. Am Dienstag und Mittwoch fanden zwei Nachtschießen statt. Auch in den nächsten Tagen und Nächten werden die Soldaten auf dem Truppenübungsplatz noch schwer beschäftigt sein, aber des Nachts nicht mehr schießen. So jedenfalls die Aussage.

Nato-Projekt mit gemischter Truppe

Erst vor dreieinhalb Jahren wurde das Panzerbataillon 414 neu aufgestellt. Und das binational. Oberstleutnant Hagen Ruppelt verweist auf das Projekt „Taurus“. Es stellt nach seinen Worten „eine neue Dimension der Zusammenarbeit in der Nato dar“. Dabei stellt Deutschland das Material und die Niederländer einen großen Teil des Personals. Ziel ist die Ausbildung gemischter Besatzungen auf den Panzern. Die Tagessprache ist Deutsch. Auch, weil viele Niederländer „ein ganz passables Deutsch“ sprechen. Gefunkt wird in Englisch.

Für alle Beteiligten ist diese enge Zusammenarbeit von Deutschen und Niederländern eine Herausforderung. Oder „jeden Tag Neuland“, wie es Oberstleutnant Ruppelt formuliert. Unterschiedliche Gesetzlichkeiten, Arbeitsschutzvorschriften, Lenk- und Ruhezeiten und anderes mehr sind in Einklang zu bringen. Bezogen auf die ganze Nato seien sich Deutsche und Niederländer trotz aller Unterschiede wohl am nächsten. Gemeinsam bereite man sich auf einen Einsatz 2021 in Litauen vor.

Das Panzerbataillon 414 ist auf dem Truppenübungsplatz Bergen im niedersächsischen Lohheide stationiert. Doch, so Oberstleutnant Hagen Ruppelt, es mache einen „Unterschied, ob man morgens rausfährt, schießt und abends wieder in der eigenen Bude schläft oder ob man die ganze Truppe mit Mann und Maus verlegt.“ Insofern sei es ein Leichtes, vor der eigenen Haustür zu üben, jedoch bedeutend schwerer, das woanders zu tun. Seit dem 16. Januar halten sich die 450 Soldaten – 350 Deutsche und 100 Niederländer – mit ihren Rad- und Kettenfahrzeugen in der Oberlausitz auf. In vier Marschkolonnen war die Truppe angerückt, zum Teil über die Autobahn, während die Panzer mit der Bahn befördert wurden. Die Verlegung selbst gilt als Operation für sich, sind doch vielfältige logistische Prozesse zu sichern.

Noch mehr Niederländer

Unabhängig von der deutsch-niederländischen Truppe des Panzerbataillons 414 sind in diesen Wochen noch mehr Soldaten aus dem Land der Tulpen in der Oberlausitz. Das 11. Infanteriebataillon der niederländischen Armee, sonst an der deutsch-holländischen Grenze stationiert, übte am Dienstag die Verlegung von Material auf dem Luftweg vom Fliegerhorst Holzdorf (Sachsen-Anhalt) nach Rothenburg. Außerdem schwebten Fallschirmspringer vom Himmel. „Wir haben den Flugplatz im Handstreich genommen“, sagt Kommandant Marcel de Beus durchaus zufrieden.

Es war der Auftakt zu einem dreiwöchigen Manöver mit 800 Niederländern in der Oberlausitz. In dessen Rahmen werden sich in der nächsten Woche Soldaten beider Länder auf dem Truppenübungsplatz begegnen. Vor anderthalb Jahren war das so vereinbart worden. Für die Fallschirmspringer mit ihren 70 bis 80 Kilogramm habe man einen Gegner gesucht – und in den 70 Tonnen schweren Panzern des Bataillons 414 gefunden. Die hätten zwar ein anderes Gewicht, dafür könnten sich die Fallschirmspringer im Gelände nahezu unsichtbar machen, so Oberstleutnant Marcel De Beus. Gemeinsame Übungen sind aus seiner Sicht eine Win-Win-Situation. Darüber hinaus haben die Holländer auch eigene Ziele. Sie wollen in der Oberlausitz scharf schießen. In den Niederlanden gebe es nicht so viel Platz dafür, sagt er.

„Wir haben hier hervorragende Bedingungen gefunden“, erklärt Oberstleutnant Hagen Ruppelt. Dem schließt sich der niederländische Kommandant an. Vor einem Jahr war er zur Erkundung hier. Jetzt ist Oberstleutnant Marcel De Beus des Lobes voll. Verglichen mit anderen Truppenübungsplätzen in Deutschland sei der in der Oberlausitz der Beste. Wegen des gemischten Geländes, welches sich besonders gut für Übungen der Infanterie eignet. Auch sei man sehr gut aufgenommen worden, betont er. Er schwärmt von der wunderbaren Gegend – und freut sich auf die Kultur am Sonnabend in Dresden.