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Uhreninsel ohne Uhren

Das geschichtsträchtige Haus hat einen neuen Besitzer. Gunnar Maßlich zieht mit seinem Laden auf den Rathausplatz.

© Rafael Sampedro

Die fleckige Tapete mit den großen Ornamenten in Gunnar Maßlichs Büro in der Baderstraße ist aus dem Jahr 1978. Sie stammt noch aus der Zeit, als das Dienstleistungskombinat (DLK) Uhrenreparaturen in die „Insel“ eingezogen ist. Seither wird das Haus im Volksmund nur noch Uhreninsel genannt. Zwanzig Mitarbeiter waren damals im DLK beschäftigt, verkauften und reparierten Uhren. 1984 übernahm Maßlich, der von Hause aus Maschinenbauer ist, als Leiter die Werkstatt beim staatlichen Dienstleistungsbetrieb. Im Jahre 1990 als das Westgeld kam, verwandelte er den Betrieb gemeinsam mit seinem Kollegen Hartmut Jung in ein privates Uhrenfachgeschäft mit Werkstatt.

... in das ehemalige Geschäft von Ratsuhrmachermeister Guido Hannig.
... in das ehemalige Geschäft von Ratsuhrmachermeister Guido Hannig. © Matilda Hotho

Inzwischen löst sich die Tapete von der feuchten Wand. An der Sockelleiste bröselt der Putz. Das DDR-Ambiente wirkt wie aus der Zeit gefallen. Im Umfeld der Uhreninsel gibt es kein einziges Gewerbe mehr. Früher sorgten Bäcker, Friseur, Jeansladen, Rundfunkladen, Schuster, An- und Verkauf sowie ein Immobilienbüro für Laufkundschaft. „Wir sind die Letzten, die hier noch die Fahne hochgehalten haben“, sagt Gunnar Maßlich. Für ihn der richtige Zeitpunkt, um auszuziehen. 1992 kauften er und seine Frau Gabriela das markante Gebäude. „Wir hatten große Pläne“, erinnert sich der Zittauer. Als 1995 die Sanierung beginnen sollte, brach jedoch der Umsatz im Uhrengeschäft ein, die Nachwende-Euphorie wich der Ernüchterung. Viele Zittauer standen ohne Arbeit da und gleichzeitig wuchs die Konkurrenz in der Stadt. Die Sanierungspläne landeten deshalb in der Schublade, der Bauherr beschränkte sich alsdann auf den Erhalt der historischen Bausubstanz mit viel Eigenleistung. In den folgenden Jahren kam das Haus nur zweimal zu Ehren und diente noch als historische Filmkulisse. Regisseur Urs Odermatt verfilmte 2009 mit Götz George und Tom Schilling „Mein Kampf“, nach dem gleichnamigen Theaterstück in den Straßen um die Uhreninsel. Vier Jahre später drehte Regisseur Stephan Wagner „Mord in Eberswalde“. Die Dreharbeiten zu diesem Film dauerten nur einen Tag, von acht Uhr am Morgen bis in die späte Nacht, erinnert sich Gabriele Maßlich.

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Die Einnahmen aus der Vermietung des Hauses für die Dreharbeiten reichten, um das Dach zu decken. Der Entschluss, die Immobilie zu verkaufen reifte. „Ich wollte das Haus aber nicht an einen Spekulanten verkaufen“, sagt Gunnar Maßlich. Deshalb ist der Zittauer nun froh, dass der neue Grundstückbesitzer aus der Region stammt und bald mit der Sanierung beginnen will. Was künftig in dem über 100 Jahre alten Haus untergebracht wird, verrät er nicht.

Gunnar Maßlich zieht mit seinem Uhrengeschäft im Juni auf den Rathausplatz in Guido Hannigs ehemaligen Laden. So kommt zusammen, was zusammen gehört, weil das Eckgeschäft an der Reichenberger Straße wieder ein Uhrenfachgeschäft wird. Die Vorteile liegen auf der Hand: Maßlich kann die Ladeneinrichtung nutzen und von der Top-Lage am Rathaus profitieren. Bis zum Umzug wollen Maßlichs noch viel Ware loswerden, um den Transportaufwand zu reduzieren. „Am 7. Mai starten wir deshalb in der Baderstraße den Ausverkauf mit Rabatten bis 50 Prozent“, kündigt der Chef an. Außerdem ruft er Kunden, die Uhren zur Reparatur oder Pokale zur Gravur gegeben haben, diese abzuholen. Einige Aufträge liegen seit meh-reren Jahren im Laden und warten auf Abholung. Werden die Uhren bis zum Umzug nicht abgeholt, verkaufen wir sie, sagt der Zittauer, der am Rathausplatz einen Neustart wagen will. Gabriele Maßlich arbeitet im Laden mit. Sie ist zwei Jahre jünger als ihr Mann, der jetzt 60 Jahre alt ist und sagt: „Ein paar Jahre muss er länger arbeiten.“

Gingen in den ersten Jahren Regulatoren, Kuckucks- und Jahresuhren weg wie warme Semmeln, sind es heutzutage eher moderne Wanduhren, Funkuhren und Wecker. An Auswahl mangelt es jedenfalls nicht. Neben Armband-, Tisch- und Wanduhren, Baro-, Thermo- und Hygrometern, Wetterstationen in herkömmlicher Ausführung oder digital, mit Funkübertragung oder satellitengestützter regionaler Wettervorhersage gehören auch Gold- und Silberschmuck, Freundschafts- und Trauringe, Ohrstecker, Vasen, Schalen, Bleikristall, Zinnartikel, Bierkrüge aus Glas, Keramik, Pokale in allen Größen und Präsente für Feuerwehr, Sport, Handwerk und Hobby zum Sortiment. Maßlich graviert Pokale und Medaillen, Karnevalsorden, Feuerzeuge, Taschenmesser, Flachmänner, Liebesschlösser und Schreibgeräte. Das Fachgeschäft werde im Umfeld von Internethandel, Fernseh-Shopping und Ramschverkäufen auch künftig eine Oase der Ehrlichkeit und Individualität bleiben, verspricht er.

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