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Wenn der Uhrmacher am Seil hängt

Wer die Dippoldiswalder Kirchturmuhr in 32 Meter Höhe reparieren will, muss auch vom Klettern etwas verstehen. So zu beobachten am Dienstag.

Tobias Vogler hängt am Kirchturm über den Dächern von Dippoldiswalde. Kirchner Andreas Kunath reicht ihm Werkzeug, das für einen Uhrmacher riesig ist.
Tobias Vogler hängt am Kirchturm über den Dächern von Dippoldiswalde. Kirchner Andreas Kunath reicht ihm Werkzeug, das für einen Uhrmacher riesig ist. © Karl-Ludwig Oberthür

Viele Uhrmacher arbeiten mit Lupe und Pinzette. Tobias Vogler hat andere Werkzeuge, spezielle Sicherheitsseile und ordentliche Schraubenschlüssel, die auch in eine Autowerkstatt passen würden. Er ist Mitinhaber der Firma Uhren-Technik Tobias Vogler und Jörg Hippe in Dresden, die auf Turmuhren spezialisiert ist. Am Dienstagmorgen hat er die Dippser Kirchturmuhr repariert. Dort war der große Zeiger am Südost-Zifferblatt abgebrochen, das aus Richtung der Oberschule zu sehen ist. 

Nach der Montage kommt die Feinjustierung

Der Uhrmacher kontrolliert noch einmal das Seil, an dem er gleich hängen wird. Kirchner Andreas Kunath befestigt ein zweites Seil mit einem Karabiner auf seinem Rücken. Doppelte Sicherung muss sein. Dann steigt Vogler aus dem ovalen Fenster über dem Zifferblatt. Hier fehlt seit einigen Wochen der große Zeiger. Er hat vor Jahren einen Knick bekommen, weil sich eine Fahne darin verwickelt hatte. Wind und Wetter haben weiter daran gezerrt und vor fünf Wochen ist der Zeiger abgebrochen.

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Nun hat die Werkstatt aus vergoldetem Kupferblech einen neuen Zeiger hergestellt. Den reicht Andreas Kunath dem Uhrmacher hinaus, der jetzt in 32 Meter Höhe vor dem Zifferblatt steht oder vielmehr hängt. Er hat nur einen vier Zentimeter breiten Mauervorsprung, auf dem er die Füße abstützen kann. Der knapp einen halben Meter lange Zeiger ist dann schnell montiert. Vogler seilt sich weiter ab und steigt eine Etage tiefer durch die Schallluke wieder in den Turm.

Gesichert mit zwei Seilen steigt der Uhrmacher aus dem Fenster im Dippser Kirchturm. Kirchner Andreas Kunath geht ihm zur Hand. 
Gesichert mit zwei Seilen steigt der Uhrmacher aus dem Fenster im Dippser Kirchturm. Kirchner Andreas Kunath geht ihm zur Hand.  © Karl-Ludwig Oberthuer
Das ist mal ein anderer Uhrmacherarbeitsplatz: Zwei Seile und ein kleiner Mauervorsprung zum Aufstützen.
Das ist mal ein anderer Uhrmacherarbeitsplatz: Zwei Seile und ein kleiner Mauervorsprung zum Aufstützen. © Karl-Ludwig Oberthuer
Kirchner Andreas Kunath am Getriebe, das an jedem einzelnen Zifferblatt die Stunden- und Minutenzeiger steuert und ein Gegengewicht bildet..
Kirchner Andreas Kunath am Getriebe, das an jedem einzelnen Zifferblatt die Stunden- und Minutenzeiger steuert und ein Gegengewicht bildet.. © Karl-Ludwig Oberthuer
Hier steht der Dippser Stadtpfarrer Sebastian Schurig am zentralen Uhrwerk, das aus den 1930er-Jahren stammt und alle vier Zifferblätter steuert. 
Hier steht der Dippser Stadtpfarrer Sebastian Schurig am zentralen Uhrwerk, das aus den 1930er-Jahren stammt und alle vier Zifferblätter steuert.  © Karl-Ludwig Oberthuer

Das ging schnell. Solange musste aber das Uhrwerk stillstehen. Nun gibt Andreas Kunath dem Pendel der mechanischen Turmuhr Schwung und das Uhrwerk, das aus den 1930er-Jahren stammt, läuft wieder. Jetzt geht es an die Feinarbeit. Zu jedem Zeiger der Kirchturmuhr gibt es innen im Turm ein eigenes Getriebe mit einem Gegengewicht, damit der Mechanismus gleichmäßig läuft. Sonst würde ja die Uhr nachgehen, wenn sie die Zeiger nach oben bewegen muss, und vorgehen, wenn sich die Zeiger nach unten bewegen. Das Gegengewicht sieht wie ein zweiter Zeiger aus, an dem ein Gewicht auf einem Gewinde bewegt werden kann. „Das müssen wir jetzt austarieren“, sagt der Uhrmacher.

Die Kirche erhält die mechanischen Uhrwerke

Und er erklärt dem Kirchner auch genau, wie der die vier Zifferblätter aufeinander einstellen muss. Denn Dippoldiswalde hat noch ein originales mechanisches Uhrwerk. Das einzige Zugeständnis an modernen Komfort ist ein automatischer Aufzug, damit nicht jeden Tag jemand auf den Turm steigen muss, die Uhr aufziehen. „An meiner ersten Pfarrstelle in Friedrichroda in den 1980er-Jahren gehörte das noch zu meinen Aufgaben“, erinnert sich Stadtpfarrer Sebastian Schurig. In Dipps schaltet jetzt jeden Tag um 16.30 Uhr die Uhr selbst einen Elektromotor ein, der das schwere Gewicht hochzieht, das ihr als Antrieb dient.

Kunath kümmert sich um den genauen Gang der Turmuhr. „Ich orientiere mich dabei am Rathaus. Das hat eine Funkuhr“, sagt er. Die evangelische Landeskirche in Sachsen hingegen achtet darauf, dass die mechanischen Uhrwerke erhalten bleiben und nicht durch Elektronik ersetzt werden. Das heißt natürlich, dass sie etwas mehr Betreuung benötigen. 

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So schraubt Kunath regelmäßig am Pendel. Denn das zieht sich bei Kälte zusammen, also würde es im Winter schneller schwingen und die Uhr vorgehen  im Sommer dann hinterherhinken. Das gleicht Kunath aus. So hat er erreicht, dass sie in den letzten drei Wochen nur rund vier Minuten falsch gegangen ist. Für eine solche mechanische Turmuhr ist das völlig in Ordnung. „Eine Minute Abweichung in der Woche ist ein Superwert“, sagt Spezialist Tobias Vogler. 

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