merken
PLUS

„Ultraschall in der Schwangerschaft rettet Leben“

Ein Oberarzt aus Hoyerswerda erklärt, warum er die umstrittene Untersuchung verteidigt und wann sie gefährlich wird.

In einer Spezialsprechstunde erklärt Oberarzt Robert Lachmann der werdenden Mutter, was das Ultraschallbild zeigt.
In einer Spezialsprechstunde erklärt Oberarzt Robert Lachmann der werdenden Mutter, was das Ultraschallbild zeigt. © Seenlandklinikum Hoyerswerda

Ab 2021 sind bei Schwangeren alle Ultraschall-Untersuchungen verboten, die über das medizinisch Notwendige hinausgehen. Professor Dr. Otmar Linderkamp, Neonatologe aus Heidelberg, fordert zudem, das erste Ultraschall-Screening zwischen der neunten und zwölften Schwangerschaftswoche zu untersagen. Denn hier sei das kindliche Gehirn besonders für eine Schädigung durch hochfrequente Ultraschallwellen anfällig. Ultraschallmediziner wie Dr. Robert Lachmann, Oberarzt am Klinikum Hoyerswerda, sprechen sich dagegen deutlich für die Vorsorgeuntersuchung aus.

Herr Dr. Lachmann, warum halten Sie Ultraschall im ersten Schwangerschaftsdrittel für wichtig?

Jubel
Zwei echt starke Jubiläen
Zwei echt starke Jubiläen

Die gedruckte Sächsische Zeitung wird 75 Jahre alt. Digital gibt es uns seit 25 Jahren. Beide Jubiläen wollen wir feiern - und Sie können dabei gewinnen.

Weil er uns wesentliche Erkenntnisse über schwerwiegende Risiken liefern kann. Das sind ganz andere, als gemeinhin angenommen wird. Generell verlaufen etwa drei Viertel aller Schwangerschaften normal. Werdende Eltern haben Angst vor seltenen Komplikationen wie Chromosomenstörungen. Aber nur ein bis zwei Prozent der Ungeborenen weisen sie auf. Die Hauptursachen, warum wir schwerkranke Mütter oder Kinder erleben oder Kinder sogar verlieren, sind den meisten gar nicht bewusst.

Welche wären das?

Das ist zum einen die Schwangerschaftsvergiftung, die Präeklampsie. Sie betrifft zwar nur 0,5 Prozent, ist aber weltweit die zweithäufigste Todesursache bei Schwangeren. Weitere Hauptursachen für Frühgeburtlichkeit sind Gebärmutterhalsschwäche und eine Funktionsschwäche des Mutterkuchens. Letztere sind wiederum Hauptursachen, warum wir in der Geburtshilfe Kinder verlieren, speziell vor der 34. Schwangerschaftswoche. Eine weitere unterschätzte Komplikation ist Schwangerschaftsdiabetes, potenziell riskant für Mutter und Kind. Wir gehen davon aus, dass acht bis neun Prozent der Frauen daran erkranken. Für all diese Erkrankungen gilt, dass sie nach der Geburt das Risiko zum Beispiel für Herz-Kreislauf-Erkrankungen beim Kind erhöhen.

Warum kann man diese Untersuchungen nicht einfach später machen? Denn Kritiker sind der Ansicht, dass ab der 19. Woche kaum ein Risiko für die Ungeborenen besteht.

Weil es nur in diesem schmalen Zeitfenster möglich ist, mit minimalinvasiven Mitteln einzugreifen, zum Beispiel durch Medikamente mit niedrigem Nebenwirkungsspektrum. Danach kann man als Arzt eigentlich häufig nur zuschauen oder minimal etwas erreichen. Die eben genannten Komplikationen treten zum Großteil tatsächlich erst viel später ein.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Wenn das Risiko einer Schwangerschaftsvergiftung nach zwölf und nicht erst nach 20 Schwangerschaftswochen bekannt ist, dann kann es der Arzt mit ganz einfachen Mitteln teils um 80 bis 90 Prozent senken. Nach der 16. Schwangerschaftswoche ist das so nicht mehr möglich. Nur in der Zeit von der 11. bis 13. Woche schaffen wir es, das Risiko so genau zu erfassen. Heute sind Erkennungsraten für verschiedene Schwangerschaftskomplikationen von teils über 95 Prozent möglich. Die Tests, die dafür nötig sind, haben wir zum Teil in London unter Leitung von Professor Kypros Nicolaides mitentwickelt. Das Einzige, was sich mit 20 Wochen besser erkennen lässt, sind Organfehlbildungen.

Wie ist das bei den Risiken für die Babys? Können Sie die auch reduzieren?

Ja. Mutterkuchenfunktionsprobleme um mehr als die Hälfte – wenn sie vor der 16. Woche erkannt und behandelt werden. Für die spontane Früh- und Fehlgeburtlichkeit gilt das Gleiche. Das Risiko können wir hier um 80 bis 90 Prozent reduzieren. Auch beim Schwangerschaftsdiabetes kann man Risiken eingrenzen, wenn man schon in der 12. Schwangerschaftswoche eingreift. Bislang wird erst in der 24. Woche mit dem Zuckerschlucktest auf Schwangerschaftsdiabetes untersucht. Aber dann ist bei dem winzigen Kindchen bereits eine Prägung da, und es produziert häufig schon Insulin für die Mutter mit.

Welche Technik ist für eine solche Untersuchung notwendig?

Ein einfacher 2-D-Ultraschall mit geringen Energien reicht aus. Man benötigt für keine medizinische Fragestellung zwingend einen 3-D- oder 4-D-Ultraschall. Für gezielte Fragestellungen in einer Spezialsprechstunde kommt man um einen Doppler-Ultraschall allerdings nicht herum. Den wenden wir an, wenn wir die mütterliche und die kindliche Gefährdung für ein bestimmtes Risiko vorhersagen.

Wann sollten Schwangere denn in eine Spezialsprechstunde gehen?

Das ist schwer zu beantworten. Denn 65 Prozent der Frauen, die eine Schwangerschaftsvergiftung entwickeln, haben keine diesbezügliche Vorgeschichte. Für die spontane Frühgeburtlichkeit von denen, die ihr Kind nach der 14. Woche verlieren oder entbinden, haben das 85 Prozent der Schwangeren vorher noch nicht erlebt. Frauen sollten aber wissen, dass eine solche Spezialsprechstunde möglich ist.

Was ist mit den Risikoschwangerschaften ab 35?

Allen Frauen ab 35 Jahren zu sagen, dass sie eine Risikoschwangerschaft haben, ist Irrsinn. Das ist die Basis der Verunsicherung. Ist die werdende Mutter 20 Jahre, dann liegt die Chance auf Chromosomenstörung des Kindes bei ca. 0,1 Prozent, mit 32 Jahren bei etwa 0,2, mit 35 Jahren bei nur ca. 0,3 Prozent. Wenn man ihnen die Zahlen ordentlich darstellt, können die Frauen viel sicherer und entspannter schwanger sein. Aber sie wollen Bescheid wissen.

Nun gibt es Stimmen, die vor einer Schädigung durch Ultraschallwellen warnen. Ist das Quatsch?

Fairerweise muss man sagen, dass Ultraschall auch zur Zertrümmerung von Nierensteinen genutzt wird. Dort wird natürlich mit sehr hohen Energien und anderen Geräten gearbeitet. Deshalb ist es wichtig, nur für die Schwangerschaftsbetreuung zertifizierte Maschinen zu benutzen und sich an die Richtlinien zu halten. Dopplerultraschall ist sicher, wenn er vernünftig durchgeführt wird. Die Weltgesellschaft ISUOG definiert zum Beispiel, dass niedrige Energien verwendet werden. Wir arbeiten nach dem ALARA-Prinzip der amerikanischen Fachgesellschaft AIUM. Darin wird festgelegt, wann Doppler eingesetzt werden kann und sicher ist. Die Abkürzung steht für: As low as reasonably achievable – so wenig wie vernünftigerweise möglich.

Wann wird es gefährlich?

Der Arzt sollte sich daran halten, dass die Ultraschalluntersuchung nicht mehr als 30 Minuten dauert und nur ganz selten und bei begründetem Verdacht viel Energie auf eine kleine Fläche gelenkt wird, um gezielt zu schallen. Das ist nötig, wenn zum Beispiel kindliche Gefäße untersucht werden.

Und was ist mit der Aussage, dass durch Ultraschall in der Schwangerschaft Autismus gefördert werden könnte?

Die Studien sind alle retrospektiv und insofern problematisch. Vernachlässigt wird zudem, dass Schwangerschaften, die zum Beispiel durch eine Organerkrankung des Kindes wie einen offenen Rücken kompliziert verlaufen, deutlich häufiger untersucht werden. Zusammen mit dem Max-Planck Institut in Dresden konnte ich nachweisen, dass autistische Kinder bereits mit zwölf Schwangerschaftswochen deutliche Entwicklungsverzögerungen der Nervenzellen des sich ausbildenden Gehirns zeigen. Die Schädigungen waren also schon vor der Untersuchung da. Richtig ist, dass man im Tierversuch an schwangeren Mäusen Entwicklungsstörungen provozieren konnte. Die Maus ist dafür aber in eine sehr enge Röhre gesperrt worden, und man hat sie über längere Zeit auf der gleichen Position mit hochfrequentem und hochenergetischem Ultraschall beschallt. Danach waren Migrationsstörungen im Gehirn nachweisbar. Beim Menschen kann aber allein durch die Atembewegung der Schwangeren und die Kindsbewegung nicht 30 Minuten an einer Stelle durchgängig geschallt werden.

Ist es gut, dass kommerzieller Ultraschall ab 2021 verboten ist?

Weiterführende Artikel

Bye-Bye, Baby-Fernsehen

Bye-Bye, Baby-Fernsehen

Warum kommerzieller Ultraschall in der Schwangerschaft künftig verboten ist – und in der Diagnostik nicht.

Das ist eine sinnvolle Gesetzgebung, die dem unseriösen Einsatz Einhalt gebietet. Ich hoffe aber, dass sich Schwangere von den medizinisch notwendigen Untersuchungen nicht abschrecken lassen.

Das Gespräch führte Susanne Plecher.

Zertifizierte Gynäkologen und Geburtsmediziner im Umgang mit Ultraschall unter www.sz-link.de/Ultraschall

Die Bundesregierung wollte das Verbot des Baby-TVs (3D- und 4D-Ultraschall) ursprünglich schon 2019 einführen. Der Bundesrat entschied sich aber für 2021.

Er begründet das damit, dass sich Anbieter besser auf die neue Rechtslage einstellen könnten, so das Bundesumweltministerium. Ämter bräuchten zudem Zeit, mehr Kontrollpersonal einzustellen und zu schulen. 

1 / 1