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Gegen die Sprachlosigkeit auf dem Dorf

Der Bund gibt der Umweltbibliothek in Großhennersdorf 100.000 Euro. In drei Jahren soll daraus ein Medienzentrum und eine Dorfgemeinschaft entstehen.

Martin Schumann will die Menschen auf dem Land miteinander ins Gespräch bringen. Er ist immer montags bis mittwochs in der Umweltbiliothek zu finden.
Martin Schumann will die Menschen auf dem Land miteinander ins Gespräch bringen. Er ist immer montags bis mittwochs in der Umweltbiliothek zu finden. © Rafael Sampedro

Bis Ende 2021 will Martin Schumann das Dorf zum Sprechen, zum Zuhören und zu einem neuen Miteinander gebracht haben. So lange nämlich ist der Strahwalder, der Forstwissenschaft, Regionalmanagement und Naturschutz studiert hat, der Mann für die neue "Landkultur". Unter diesem Stichwort läuft ein vom Bund mit 100.000 Euro ausgestattetes Projekt an der Umweltbibliothek Großhennersdorf. Etwa 900 Ideenskizzen waren bundesweit für eine Förderung eingereicht worden, die Großhennersdorfer zählen zu den Auserwählten.

Doch was genau soll in den drei Jahren geschehen? "Eine Dorfgemeinschaft schaffen, das wäre ein Ziel", sagt der Leiter der Umweltbibliothek, Andreas Schönfelder. Seiner Einschätzung nach ist das Miteinander in den vergangenen Jahrzehnten auf der Strecke geblieben. Darüber, wie das Landleben aussehen solle, was man sich wünsche, was einem auf dem Land hält, werde kaum gesprochen. Auch über industrielle und alternative Formen der Landwirtschaft - die auch in Großhennersdorf nebeneinander existierten - herrsche Schweigen. Da soll das Projekt ansetzen. "Wir wollen, dass die Sprachlosigkeit auf dem Dorf aufhört, es mangelt an einer offenen Debatte", sagt Schönfelder. Und diese Debatte soll in den drei Projektjahren mit Veranstaltungen und dem Aufbau eines Medien- und Vermittlungszentrums an der Umweltbibliothek neu in Gang gebracht werden.

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Ein ambitioniertes Unterfangen, zumal es viele Gründe gibt, warum sich das Miteinander verändert hat. Schönfelder selbst sieht die wesentlichen Gründe zum einen in den Diktaturen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kommunismus habe zuletzt auch die Strukturen sichtbar verändert: Statt fein- und kleingliedriger Landwirtschaft gebe es jetzt nur noch riesige Felder. Die Bindung der Menschen an das Land habe dadurch nachgelassen. Die Deindustrialisierung der Oberlausitz nach der Wende beförderte danach den Wegzug der Jungen, sodass die Zurückgebliebenen ganz alltäglich einen Verlust spürten, weil Kinder und Enkel fehlten. "Wenn in drei Generationen die Klugen gehen, hängt etwas schief in der Gesellschaft", analysiert Schönfelder.

Deshalb sieht er einen Beitrag darin, sich die Dinge bewusst zu machen, die das Landleben von jeher stark geprägt und verändert haben. Dazu zählt er auch die Rolle der Religion. "In diesem Fall ist Bayern ein gutes Beispiel", sagt er. Das Landleben sei da in guter Verfassung, weil auch die Kirche nicht fern ist, zudem die Generationen beieinander sind und man auch die Traditionen noch bewusst pflegt - und keine reine Folklore daraus mache.

Zunächst aber wird Martin Schumann alteingesessene  und neue Dorfbewohner befragen, mit ihnen über ihr Leben, ihre Sorgen und Wünsche sprechen. Zudem soll es eine Ausstellung geben, die vor Augen führt, wie sich das Leben gewandelt hat: "In den 60ern hat ein Fotograf das ganze Dorf fotografiert - Feste, Häuser, Felder, Menschen", erklärt Andreas Schönfelder. Dazu wolle man in einer Wanderausstellung nun die heutigen Bilder der gleichen Orte und Menschen entgegensetzen.

Dass die Umweltbibliothek mit ihrer politisch-gesellschaftlichen Ausrichtung sicherlich nicht alle Menschen erreichen wird, ist Schönfelder bewusst. Doch er ist sich sicher, dass ein  Angebot zum Nachdenken und Debattieren etwas in Gang setzt. Abgesehen von Filmen, die man sich im neuen Medienzentrum ausleihen können wird, sollen auch Filmemacher, die seit Jahren die Region beobachten, oder Regionalplaner und Naturschützer zu Gesprächen eingeladen werden und ihre Sicht auf die Dinge erklären. Am Ende aber sollen die Menschen hier vor Ort ihre Stimme wiederfinden, betont Schönfelder. Denn bislang wird eher über die Dörfer aus städtischer Sicht als einer Art unterentwickelter Region gesprochen. "Deshalb müssen wir uns Gehör verschaffen", sagt Andreas Schönfelder.

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