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Umweltschützer machen Front gegen Kiesabbau

An mehreren Stellen des Landkreises Meißen entstehen neue Kiesgruben. Aber keine ist derart umstritten, wie die Anlage in Würschnitz.

In drei Jahren ist Schluss. Dann sind die Kiesvorkommen in Ottendorf erschöpft, und es sollen in Richtung Würschnitz Kies und Sand gefördert werden. Das weckt Ängste.
In drei Jahren ist Schluss. Dann sind die Kiesvorkommen in Ottendorf erschöpft, und es sollen in Richtung Würschnitz Kies und Sand gefördert werden. Das weckt Ängste. © Kristin Richter

Landkreis. Wer mit dem Flugzeug in Dresden-Klotzsche startet, sieht es wie eine offene Wunde im Grün der Radeburg-Laußnitzer Heide liegen: das Kieswerk Ottendorf-Okrilla. Und bald sollen neue Mondlandschaften hinzukommen. Ein weiterer Tagebau nahe dem Dörfchen Würschnitz am Ostrand des Landkreises Meißen wird bereits aufgeschlossen; der Übernächste befindet sich derzeit in der Genehmigungsphase. Mit den bereits bestehenden Feldern summiert sich die Abbaufläche auf 900 Hektar – eine der größten Kiesgruben deutschlandweit. Und das in unmittelbarer Nachbarschaft von sieben Natur- und Vogelschutzgebieten, darunter auch solchen von europäischer Bedeutung.

Die sächsischen Naturschutzverbände und lokale Bürgerinitiativen kämpfen seit Jahren gegen den Abbau in Dresdens grüner Lunge. Bisher allerdings mit bescheidenem Erfolg. Denn das Kieswerk Ottendorf-Okrilla und Sachsens Oberbergamt reagieren: Mal werden die Auskiesungsflächen etwas verkleinert, mal aufgesplittet, mal ein Stück von den naturschutzrechtlich sensiblen Zonen wegverlegt.

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Aus Sicht der Kiesabbau-Gegner birgt das Vorhaben jedoch weiterhin ein erhebliches Ausmaß an Naturzerstörung. Um ihre Bedenken einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hatten sie am Sonnabend zu einer Informationsveranstaltung nach Berbisdorf eingeladen. Biologen, Hydrologen und Naturschützer zeigten Fehler und Lücken auf, die es ihrer Meinung nach in den Genehmigungsunterlagen für die Abbaufelder gibt.

Es ging vor allem um den geplanten Tagebau Würschnitz-West, der besonders nahe an die einmaligen Großdittmannsdorfer Waldmoore herankommt und deren Wasserzufluss beeinträchtigen wird. Holger Oertel vom Nabu-Landesvorstand brachte die Forderungen der Umweltschützer auf den Punkt: Die Abbaufläche müsse zumindest reduziert und die Grube dürfe anschließend nicht mit Bauschutt verfüllt werden. Nur so könne das Moor gerettet werden. Außerdem forderte Oertel ein unabhängiges hydrogeologisches Gutachten. Bisher ist es so, dass sich die Abbauunternehmen die fachliche Beurteilung ihrer Vorhaben selbst einholen dürfen. Diese werden dann vom Freiberger Oberbergamt, so die Kritiker, nur noch abgenickt.

Werden die neuen Kiesabbaupläne umgesetzt, befürchten Naturschützer auch für das streng geschützte Waldmoor bei Großdittmannsdorf irreparable Schäden. 
Werden die neuen Kiesabbaupläne umgesetzt, befürchten Naturschützer auch für das streng geschützte Waldmoor bei Großdittmannsdorf irreparable Schäden.  © Matthias Schrack

Abholzung gerechtfertigt?

Die Würschnitzer Bürgerinitiative gegen den Kiesabbau fordert, dass die Auswirkungen auf Natur und Klima nicht nur für jedes einzelne Abbaufeld, sondern im Gesamtpaket betrachtet werden. Die Klimaprognosen sagen für die nächsten Jahrzehnte in der Region extreme Trockenheit voraus. Da sei die Abholzung von hunderten Hektar Wald für den Kiesabbau nicht zu rechtfertigen. „Wir appellieren an das Verantwortungsgefühl derer, die in Politik und Wirtschaft Entscheidungen über die Lebensqualität künftiger Generationen treffen“, sagt BI-Vertreterin Petra Löffler.

In diesem Sinne war auch die „Berbisdorfer Erklärung“ der sächsischen Naturschutzvereinigungen verfasst, die am Sonnabend verlesen wurde. Der Kiesabbau in der Radeburg-Laußnitzer Heide bedrohe zunehmend die Lebensgrundlagen der Menschen. Deshalb sei eine neue, zeitgemäße Bewertung der Vorhaben in Bezug auf Klima-, Wald-, Boden-, Gewässer- und Naturschutz notwendig. Vorgetragen wurde die Erklärung von Vertretern der Dresdner Fridays for Future-Bewegung.

Sachsens Spitzenpolitiker machten sich allerdings rar auf der Veranstaltung in Berbisdorf. Die Initiatoren hatten Vertreter aller Parteien eingeladen, aber die meisten sagten wegen anderer Veranstaltungen ab. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Susann Rüthrich hörte eine Zeit lang zu, ansonsten dominierte die zweite Reihe. Auch das Ottendorfer Kieswerk und Oberbergamt gingen einer Diskussion aus dem Wege. Immerhin versprach der Großenhainer AfD-Politiker Mario Beger, das Problem im Landtag zur Sprache zu bringen.

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