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Unbekannte Landschaften des Osterzgebirges

Schloss Lauenstein zeigt Bilder von Heribert Fischer-Geising. Seine Heimat fand er nach einem Trauma.

Von Thomas Morgenroth
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Stiftungsdirektor Dieter Hoefer, bisher unbekanntes Bild „Kellerberg in Geising“von Heribert Fischer-Geising. Zwei der Grafiken im Hintergrund stehen zum Verkauf.
Stiftungsdirektor Dieter Hoefer, bisher unbekanntes Bild „Kellerberg in Geising“von Heribert Fischer-Geising. Zwei der Grafiken im Hintergrund stehen zum Verkauf. © Egbert Kamprath

Die Sonne glüht über dem „Kellerberg in Geising“, ein leuchtender gelber Ball, der seine sengenden Strahlen unerbittlich zur Erde schickt. So schlimm aber kann es dann doch nicht sein, den Kühen auf der grünen Weide scheint es gut zu gehen, die Stadt in der Ferne wirkt friedlich und verschwindet im Dunst. Die Luft wirkt eher frisch, vielleicht ist es ja noch früher Vormittag, und ja, natürlich, das Rindvieh grast im Gebirge, 600 Meter hoch.

Heribert Fischer-Geising war kein Maler der Apokalypse oder gar einer, der den Kampf gegen den Klimawandel anmahnte. An den hat 1949, als das Gemälde entstand, weder er noch ein anderer gedacht, höchstens im übertragenen Sinne, die Menschen hatten andere Sorgen – und waren verhalten optimistisch. Auch der Künstler. Er lässt die Sonne strahlen, ohne dass sich einer daran verbrennt, er beschwört den Frieden nach dem verheerenden Krieg, er setzt seiner Heimat im Osterzgebirge ein Denkmal und malt doch keine kitschige Idylle.

Als Heribert Fischer-Geising, 1896 in Teplitz-Schönau geboren und 1984 in Freiburg im Breisgau gestorben, den Kellerberg als Motiv wählt, befindet er sich auf einem neuen Höhepunkt seines Schaffens. Er hat die Dresdner Neue Sachlichkeit über die Zeit des Faschismus gerettet und wendet sich wieder verstärkt der „Landschaft des Erzgebirges“ zu, wie eine Sonderausstellung im Schloss Lauenstein überschrieben ist. Das Osterzgebirgsmuseum zeigt bis März 2020 Entdeckungen aus dem Bestand der 2013 gegründeten Heribert-Fischer-Geising-Stiftung. 35 der 38 Gemälde und Grafiken waren noch nie öffentlich zu sehen.

„Schäferei bei Lauenstein“, 1952, Gemälde von Heribert Fischer-Geising. 
„Schäferei bei Lauenstein“, 1952, Gemälde von Heribert Fischer-Geising.  © Egbert Kamprath

Die Qual der Auswahl hatte vor allem der ehrenamtliche Stiftungsdirektor Dieter Hoefer, aber auch Gabriele Gelbrich, die Leiterin des Museums und Mitglied im Stiftungsrat. Das Depot mit dem Nachlass des Künstlers, den seine inzwischen 98-jährige zweite Ehefrau Hildegard Fischer bei ihrem Umzug ins Fischer-Haus Geising mitbrachte, umfasst rund 3.500 Arbeiten. Darunter sind 300 Gemälde und 500 Aquarelle, der Rest besteht aus Grafiken, Zeichnungen und Skizzen. Um die 2.000 Blätter, sagt Hoefer, habe er bereits gesichtet, vermessen und bewertet, er kennt sich also aus.

Die Ausstellung schlägt einen zeitlichen Bogen über 40 Jahre bis zu Fischer-Geisings Übersiedlung in den Westen zu seiner langjährigen Geliebten kurz vor dem Bau der Mauer. Eine Entdeckung sind sehr frühe Arbeiten, als der Künstler noch auf der Suche nach einem eigenen Stil ist. Aus seiner „Mondlandschaft“ von 1923 zum Beispiel schaut ein bisschen Vincent van Gogh heraus. Eine Seltenheit, denn viele Landschaften aus jener Zeit gibt es nicht. Mehr als zehn Jahre des Denkens und Fühlens braucht Fischer-Geising, bis ihm Anfang der Dreißigerjahre endlich klar ist, wie er die Landschaft interpretieren soll – mit einer Art lyrischem Realismus, wie sein Stil einmal bezeichnet wurde, mit expressionistischen Einflüssen, einem Schuss Naivität und einer überbordenden Farbigkeit, die er unter dem Alltagsgrau sieht: Rosa Feldwege und Straßen zum Beispiel.

Unvollendet: „Blick auf Geising“, 1935, von Heribert Fischer-Geising. 
Unvollendet: „Blick auf Geising“, 1935, von Heribert Fischer-Geising.  © Egbert Kamprath

Mehr als vierzig Jahre wohnt und arbeitet Heribert Fischer in Geising. Seine Bilder signiert er bereits seit 1914 mit Beginn seines Studiums an der Königlichen Kunstakademie mit dem Namenszusatz „Geising“, obwohl er zu jenem Zeitpunkt noch in Dresden lebt. Es ist ein frühes Bekenntnis zur Heimat seiner Großeltern und des Vaters, die auch seine werden sollte, begünstigt durch traumatische Erfahrungen.

Fischer-Geising ist Meisterschüler bei Robert Sterl, als er im Juni 1916 als Soldat in den Krieg ziehen muss. 1918 wird er als Vizewachtmeister des Feldartillerie-Regiments 192 vor Verdun schwer verwundet. Als er im Februar 1919 aus dem Lazarett in Dresden entlassen wird, hält ihn nichts mehr in der Stadt. Der passionierte Wintersportler, der in den Zwanzigerjahren die sächsischen Skisprungmeisterschaften gewinnt und der erste diplomierte Skilehrer in Sachsen ist, lässt sich als freischaffender Maler, Grafiker und Kunsthandwerker in Geising nieder. Er wohnt zunächst im Schützenhaus und zieht später in das Haus seiner Großeltern, das Fischer-Haus.

Von seinem Fenster aus malt er immer wieder die Lange Straße und die Stadt. Aber auch das „Feuerwehrhaus“, ein „Hinterhof mit Schuppen“ oder die „Schäferei bei Lauenstein“ und das „Pulverhaus in Altenberg“ sind ihm Motive, und immer wieder der Geisingberg. Sein „Pflug“ von 1920, es ist das älteste Bild in der Ausstellung, erinnert an Gemälde von Erich Fraaß, der zwei Jahre vor Fischer-Geising bei Oskar Zwintscher sein Studium begonnen hatte. Im Gegenzug könnte Fischer-Geising den etwas jüngeren Curt Querner beeinflusst haben.

Dieter Hoefer ergänzte die Gemälde um einige Zeichnungen und Holzschnitte mit Geisinger Motiven, die zur finanziellen Unterstützung der Stiftung zum Verkauf angeboten werden. „Die besten Arbeiten werden wir natürlich behalten“, sagt Hoefer. Dazu gehört der Kellerberg mit der glühenden Sonne, die sich auch auf anderen Gemälden findet und so etwas wie Heribert Fischer-Geisings Markenzeichen ist.

Bis 1. März 2020 im Osterzgebirgsmuseum Schloss Lauenstein, geöffnet Die.-So. und feiertags 10-16.30 Uhr

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