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Und wieder ertönt das Berggeschrey

1991 wurde in Altenberg das letzte Zinn gefördert. Vielleicht war es gar nicht das letzte – eine kanadische Firma darf die Gegend jetzt erneut erkunden.

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Von Steffen Klameth und Franz Herz

Bewegte Gesichter, glänzende Augen: Kein Bergmann, den die Ausfahrt des letzten Huntes unberührt ließ. Es war der 28.März 1991, ein Gründonnerstag. Nach mehr als einem halben Jahrtausend endete in Altenberg die Tradition des Zinnerzbergbaus. „’s is Feierohmd“, sangen die Kumpel, und es schien so etwas wie schwarzer Humor mitzuklingen: Für viele bedeutete der Abschied von der Grube der Beginn einer ungewissen Zukunft.

Ungewiss blieb auch die Zukunft der Grube. Alle wussten, dass die Vorräte noch lange nicht erschöpft waren und allein wirtschaftliche Gründe das Aus der Erzförderung besiegelten. Der Weltmarktpreis für Zinnerz befand sich auf dem Tiefststand, die Produktion verschlang Subventionen von zwei Millionen D-Mark – monatlich. Das wollte das Bonner Wirtschaftsministerium nicht länger mitmachen. Im Sommer 1990 wurden die ersten der 900 Mitarbeiter auf Kurzarbeit gesetzt, ein Dreivierteljahr später kam das komplette Aus.

Die Quelle des Reichtums

Kein Gedanke mehr daran, dass es die Bergleute im Erzgebirge waren, die die Blüte und den Reichtum Sachsens begründeten. Das Berggeschrey, vergleichbar mit dem Goldrausch in Nordamerika, lockte die Menschen im Mittelalter in die damals noch dünn besiedelte Gegend. Unter härtesten Bedingungen holten sie das Gestein zutage und gewannen daraus wichtige Rohstoffe, mit denen die Meißener Markgrafen, Kurfürsten und sächsischen Könige Macht und Einfluss ausbauen und Sachsen zu einem der reichsten Landstriche Europas machen konnten: Silber, Zinn, Kupfer und andere Metalle.

37Millionen Tonnen Zinnerz sollen allein aus den Gruben rund um Zinnwald und Altenberg aus dem Berg geholt worden sein, berichtet die Chronik. Und noch immer lagern hier 135000 Tonnen – so jedenfalls die Schätzung der Geologen, die Ende der 1980er Jahre die Rohstoffvorräte im Osterzgebirge erforschten. Die größten Lagerstätten sollen sich in Altenberg befinden, kleinere Vorkommen vermutet man in Zinnwald, bei Sadisdorf und um Bärenstein.

Optimismus in Altenberg

Genauere Erkenntnisse sollen nun die Erkundungen der kanadischen Tinco Exploration Inc. liefern. Die Firma hat gestern vom Sächsischen Oberbergamt in Freiberg die Erlaubnis erhalten, auf einem 68Quadratkilometer großen Feld rund um Altenberg nach dem begehrten Erz zu bohren. Dafür haben sich die Kanadier einen Mann ins Boot geholt, der die hiesige Untertagewelt wie seine Westentasche kennt: Wolfgang Schilka, der einstige Geschäftsführer von Zinnerz Altenberg. Als Produktionschef der Firma Geomin ist er heute vor allem mit dem Abbau von Marmor in den letzten verbliebenen Untertage-Bergwerken Sachsens in Lengefeld und Hermsdorf im Erzgebirge beschäftigt. „Ich habe den Marmor-Bergbau in Lengefeld immer als Keimzelle der Zukunft gesehen“, sagt Schilka. Seine Vision scheint nun aufzugehen: Sollten die Erkunder bei Altenberg auf genügend Zinn und weitere Rohstoffe wie Wolfram und Flussspat stoßen, könnte sich der Abbau wieder lohnen. Vorausgesetzt, die Preise gehen nicht wieder in den Keller, aber damit rechnet niemand ernsthaft.

In der Bergstadt Altenberg überwiegt jedenfalls der Optimismus. „Dann hätte der Beruf des Bergmanns Bestand“, hofft Lutz Klaus, der bei Zinnerz gelernt hat. Auch Bürgermeister Thomas Kirsten hat Arbeitsplätze im Blick. Er denkt schon über die Nutzung von Radon für medizinische Zwecke nach – mit Unterstützung der Bergleute.