merken
PLUS Riesa

Täglich drei Unfallfluchten im Kreis Meißen

Eine Schramme verursachen und dann wegfahren – das gilt heute oft als Kavaliersdelikt. Die Betroffenen haben doppelt Ärger, wie ein Fall aus Riesa zeigt.

Anett Fichtner war wegen eines Termins nur eine halbe Stunde im Riesaer Rathaus. Als sie auf den Parkplatz zurückkam, war ihr Hyundai Kona beschädigt. Vom Verursacher fehlte jede Spur.
Anett Fichtner war wegen eines Termins nur eine halbe Stunde im Riesaer Rathaus. Als sie auf den Parkplatz zurückkam, war ihr Hyundai Kona beschädigt. Vom Verursacher fehlte jede Spur. © Montage: SZ/ Fotos: Sebastian Schultz

Riesa. Es sollte eigentlich nur ein kurzer Termin im Riesaer Rathaus sein. Am Ende aber wird die halbe Stunde Parken richtig teuer für Anett Fichtner. Als sie zu ihrem Wagen zurückkommt, fällt ihr eine dunkle Stelle an der Fahrertür auf. Zuerst glaubt sie noch an Schmutz, doch beim genauen Hinsehen bemerkt die Riesaerin, dass sich von der Fahrertür bis hinten eine lange Schramme durch den Lack zieht. Dazu ist die Karosserie noch verbeult. Von einem Verursacher aber fehlt jede Spur.  

Statistisch gesehen geschieht im Zuständigkeitsbereich des Polizeireviers Riesa fast jeden Tag ein Unfall, bei dem sich einer der Beteiligten unerlaubt entfernt. 292 Fälle waren es im vergangenen Jahr. Dem Riesaer Revierleiter bereitet vor allem Sorge, mit welcher Renitenz die Verursacher reagieren. "Es ist zum Kavaliersdelikt geworden", sagt Andreas Wnuck. Seine Kollegen treffen in den Vernehmungen bei vielen Unfallflüchtigen zunehmend auf Unverständnis. "Die Leute gehen offenbar davon aus, dass der Geschädigte schon eine gute Versicherung haben wird, und fahren weg." 

Anzeige
Hygiene ist der beste Infektionsschutz
Hygiene ist der beste Infektionsschutz

Die korrekte Anwendung der richtigen Desinfektionsmittel hilft beim Schutz vor Ansteckung mit dem Coronavirus. Tipps und Angebote hat die Domos Apotheke.

500 Euro, die jetzt im Urlaub fehlen

Dass es für die Betroffenen damit eben nicht erledigt ist, zeigt das Beispiel vom Rathausplatz in Riesa. Nachdem sie die Schramme am Wagen festgestellt hat, beginnt für Anett Fichtner erst einmal der Gang durch die Behörden. Sie zählt auf: zwei Stunden im Polizeirevier, ein Termin bei der Kripo, außerdem noch in der Werkstatt, um sich einen Kostenvoranschlag für die Reparatur geben zu lassen. 4.200 Euro soll der Tausch der Türen kosten. 

Das zahlt zwar zu großen Teilen die Versicherung – aber eben nicht ganz. "500 Euro Selbstbeteiligung bleiben", ärgert sich Anett Fichtner. Das Geld fehlt der Familie im noch anstehenden Sommerurlaub. Damit nicht genug, werden die Kosten für die Versicherung steigen. Das alles, weil jemand einfach weggefahren ist. "Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort ist eines der ärgerlichsten Delikte überhaupt", sagt auch Riesas Revierleiter, "und eines der häufigsten".

Jeder Fünfte sucht das Weite

Das ist auch in den anderen Polizeirevieren im Kreis Meißen nicht viel anders. Während in Großenhain im vergangenen Jahr lediglich 162 Fälle angezeigt wurden, waren es im deutlich größeren Revierbereich Meißen 731, also mehr als doppelt so viele wie in Riesa. Gemessen an der Gesamtzahl aller Unfälle 2019 bedeutet das: Nach jedem fünften Unfall sucht der Verursacher das Weite, statistisch kommt das dreimal am Tag vor. 

In und um Riesa wird immerhin etwa jede zweite Fahrerflucht aufgeklärt, sagt Revierleiter Andreas Wnuck. Das sei schon ein guter Wert – und hänge vor allem mit einer Sache zusammen: "Die Bevölkerung ist sensibilisiert." Je mehr Betroffene, desto genauer werde auch geschaut, glaubt Wnuck. Häufig meldeten sich Zeugen, die sich etwa das Kennzeichen des Unfallverursachers aufgeschrieben haben. Dann wird direkt nach dem Verursacher gesucht. Schließlich könnten Alkohol und Drogen am Steuer ein Grund für die Flucht sein. Faktisch spiele das aber eine untergeordnete Rolle, sagt Wnuck. 

Auch ohne Betäubungsmittel kann es aber ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen, wenn sich ein Autofahrer vom Ort des Geschehens verdrückt hat. Ab einer bestimmten Schadenshöhe drohe direkt der Verlust des Führerscheins, bestätigt Amtsgerichts-Chef Herbert Zapf. "Heutzutage kommen Sie schon bei kleinen Remplern in den strafbaren Bereich." 

Ein Zettel an der Scheibe genügt nicht

Laut Riesas Revierleiter wird nach Führerscheinentzug mittlerweile auch sehr genau geprüft, ob der Verkehrsteilnehmer überhaupt in der Lage ist, ein Fahrzeug zu führen. "Da geht es zum einen um körperliche und geistige Voraussetzung, aber auch um die Frage: Ist der Fahrzeugführer auch moralisch in der Lage, am Straßenverkehr teilzunehmen? Das ist ein Aspekt, der immer stärkere Bedeutung bekommt." Heißt: Wer Fahrerflucht begeht, der müsse damit rechnen, auf Dauer seinen Führerschein los zu sein. Auch die Versicherungen spaßen in solchen Fällen nicht. Sie können den  Unfallverursacher "in Regress nehmen, weil er mit der Unfallflucht eine seiner vertraglichen Pflichten verletzt hat: Nach einem Unfall 'den Unfallort nicht [zu] verlassen, ohne die gesetzlich erforderlichen Feststellungen zu ermöglichen'", erklärt Christian Ponzel, Sprecher des Gesamtverbandes der Versicherungswirtschaft (GDV).

Was das konkret heißen kann, teilt beispielsweise die Axa-Versicherung mit. Je nach Schwere des Unfalls könnten bis zu 5.000 Euro zurückgefordert werden. "Unabhängig davon können sowohl der Versicherungsnehmer als auch wir den Vertrag nach dem Eintritt eines Schadenereignisses kündigen. Davon machen wir jedoch nur im Ausnahmefall Gebrauch."

Weiterführende Artikel

Polizei korrigiert Unfallbericht

Polizei korrigiert Unfallbericht

Ein Unfall am Dienstag an der Langen Straße in Riesa hat sich offenbar doch etwas anders zugetragen, als im Polizeibericht vermeldet.

Mehr Unfälle mit Motorradfahrern

Mehr Unfälle mit Motorradfahrern

Die Statistik der Polizei sagt, es gibt einen minimalen Rückgang der Unfallzahlen im Kreis Meißen insgesamt. Neun Menschen kamen im vorigen Jahr ums Leben.

Den Verursacher der Schramme an ihrem Hyundai hat Anett Fichtner nach wie vor nicht ausfindig gemacht. Auch ein Zeugenaufruf auf Facebook blieb erfolglos. Sie glaube nicht, dass sich in der Hinsicht noch was tut. Sie selbst habe mal nach einem Unfall zwei Stunden im strömenden Regen auf den Fahrzeughalter gewartet. Auch deshalb hat sie kein Verständnis. "Wenn man schon einen Unfall baut, sollte man doch so viel Courage zeigen und  zumindest einen Zettel an die Frontscheibe heften." Der allerdings reicht nicht aus, betont GDV-Sprecher Christian Ponzel: "Auf der sicheren Seite ist man erst, wenn man die Polizei dazu ruft."

Mehr zum Thema Riesa