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Unfreiwilliger Bauherr

Die Explosion im Chemiewerk nimmt einer Familie für Monate das Zuhause. Sie hat mehr als das Gebäude zerstört.

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Von Heike Sabel

Der Glücksbambus ist hart im Nehmen. Er steht seit Jahren bei Dietrichs und ist nur ein einziges Mal umgefallen: Am 1. Dezember vorigen Jahres, als eine Explosion im benachbarten Chemiewerk den ganzen Ort erschütterte und das Haus der Dietrichs schwer beschädigte. So schwer, dass das Gebäude vorübergehend nicht bewohnbar ist und saniert werden muss.

Monika Dietrich und ihr Mann sowie die Familie des Sohnes sind in Wohnungen am Neundorfer Ortseingang gezogen. Mit dem Nötigsten, darunter auch der Glücksbambus. Vielleicht wird er ja zum Glücksbringer, hofft Monika Dietrich. Den meisten Hausrat hat sie in Kisten verpackt und einen Raum im alten Haus damit vollgestapelt. Wenn dieser Raum dran ist, muss umgeräumt werden. Wie lange die Sanierung dauert? Von sieben Monaten ist die Rede. Im April ging es los.

Die Versicherung hat die Ausweichwohnungen erst einmal für drei Monate bezahlt. So schnell geht es auf keinen Fall. Immer kämpfen, streiten. „Man kommt sich vor, als wäre man schuld“, sagt Monika Dietrich. Sie will ihr Haus und alles einfach nur so haben wie es bis zum 1. Dezember war. Manche erzählen, die Dietrichs bekämen ein neues Haus. „So ein Quatsch.“

Dietrichs haben das Haus 1971 gekauft. Den Chemiebetrieb gab es damals schon. „Aber die füllten nur Fit und Bi 58 ab“, sagt Monika Dietrich. Nach dem Unglück habe man der Familie das Haus abkaufen wollen, aber das war für sie keine Option. Sie haben viel Zeit, Kraft und Geld reingesteckt. „Und das sollen wir aufgeben?“ Nein, auch wenn die Zeit jetzt hart ist.

Das Haus ist nicht wieder zu erkennen: Herausgerissene Fußböden, der Giebel abgetragen und mit einer Plane abgedeckt. Die Risse unter der Tapete waren noch größer als befürchtet. Nur das Bad sieht noch gut aus. „Aber auch hier wird noch alles rausgerissen.“ Viel macht die Familie selbst, damit es so schnell wie möglich geht. Ob sie bis Weihnachten wieder zurückkönnen, ist dennoch offen. Wäre es ein Neubau, würde man optimistisch sagen: schon so weit. In diesem Fall aber sieht man nur die Arbeit, die immer noch zu bewältigen ist.

Kritischer Blick zum Nachbarn

Im Garten zeigt Monika Dietrich, wo der Swimmingpool stand. „Und hier hatten wir eine schöne Ecke.“ Jetzt ist alles eine wilde Brache. Zig Fuhren Erde wurden abgetragen. Wie eine Oase in der Wüste wirken die Sträucher, die stehenblieben. „Lasst mir ein paar“, hatte Monika Dietrich gebeten. Hier im Garten ist zu sehen, wie nah beieinander die Fabrik und das Wohnhaus stehen. Die hintere Wand des Gebäudes, in dem der explodierte Behälter stand, ist einen ausgestreckten Arm entfernt.

Jeden Tag gehen die Dietrichs in ihr Haus, in dem sie für Monate nur zu Gast sind. Es gibt immer etwas zu tun: Katze und Kaninchen füttern, Anrufbeantworter abhören. Der Sohn schläft auch im Haus. Eine Sicherheitsmaßnahme. Das beruhigt Monika Dietrich. Ihre Nerven und ihre Gesundheit sind angekratzt. Am 9. und 19. Juni habe es wieder stark gerochen. Sie hat es sofort gemeldet. Als es hieß, die Arbeiten beginnen wieder in der Fabrik, schüttelte sie den Kopf. Bisher wird jedoch nicht produziert, nur abgefüllt. Beruhigt ist die 74-Jährige trotzdem nicht. Als vorige Woche wieder die Sirenen heulten, hätte auch sie heulen können. Die Explosion im Dezember hat mehr als das Haus ihrer Familie zerstört. Sie hat die Menschen gespalten. In Betroffene und Nichtbetroffene, in die, die in der Fabrik arbeiten und die, die sie am liebsten geschlossen sehen würden.

Der Glücksbambus wird wieder mit zurückziehen. Er hält das aus. So wie die Dietrichs. „Wir schaffen das“, sagen sie.

Heute Abend veranstaltet die Stadt Pirna eine Einwohnerversammlung zur Zukunft Neundorfs. Beginn ist um 18 Uhr in der Grundschule.