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Unheilbar krank

Seit zwölf Jahren hat Lothar Vogel aus Großdubrau Schilddrüsenkrebs. Er hat einen Weg gefunden, damit umzugehen.

Von Jana Ulbrich

Lothar Vogel mäht Rasen. Ganz langsam und gemächlich. Und laufend macht er Pause. Auch jetzt muss er sich erst einmal wieder ein paar Minuten setzen. Der 59-Jährige rückt die Gartenbank ein bisschen weiter in den Schatten, streckt die Beine lang aus und holt tief Luft: „Bei jeder kleinsten Anstrengung gleich kaputt“, schnauft er. „Früher hätte mich das aufgeregt.“ Früher war Lothar Vogel aus Großdubrau ein Mann wie ein Baum. Schichtarbeiter in der Gießerei. Nie krank.

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Früher war vor zwölf Jahren – vor dem Krebs. 2002 wird Lothar Vogel unheilbar krank. Die Ärzte diagnostizieren ein Schilddrüsenkarzinom, das schon in Leber, Lunge und Lymphsystem gestreut hat. Eine Operation ist nicht mehr möglich. „Das ist die Todesnachricht“, denkt Lothar Vogel. Aber es gebe da ein neues Mittel, erklären ihm die Ärzte im Krankenhaus Dresden-Friedrichstadt, eines, das die Metastasen am Wachsen hindert. Lothar Vogel solle eine Nacht drüber schlafen. Er schläft überhaupt nicht in dieser Nacht. Am nächsten Morgen willigt er ein. „Was wäre mir denn auch anderes übriggeblieben“, sagt er. Heute weiß er, dass das Leben auch davon abhängen kann, im richtigen Moment die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Das damals noch ganz neue Mittel heißt Sandostatin und ist eine Spritze, die Lothar Vogel sich fortan zweimal täglich in den Oberschenkel setzen muss. Der Tumor in seiner Schilddrüse bleibt zwar aktiv und bildet immer wieder neue Metastasen, aber die Spritze bewirkt, dass die Metastasen verkalken und die Organe nicht weiter schädigen. „Der Krebs ist zwar da“, erklärt Lothar Vogel, „aber ich habe ihn im Griff.“ Nur, ein Mann wie ein Baum ist Lothar Vogel seitdem nicht mehr. Der Krebs zeichnet seinen Körper. An schwere Arbeit ist nicht mehr zu denken. Der 59-Jährige lebt von einer Invalidenrente und kämpft wie andere Krebspatienten auch mit Folgeerscheinungen und Nebenwirkungen.

Er hat gelernt, damit umzugehen. Wenn es nicht mehr geht, ruht er sich eben aus, sagt er. Er schämt sich heute längst nicht mehr dafür, wenn er schon nach der kleinsten Anstrengung mit seinen Kräften am Ende ist. Das ist nun eben so. „Man braucht eine Weile, um das für sich akzeptieren zu können“, weiß er.

Lothar Vogel profitiert auch davon, dass Medikamente und Therapien immer weiterentwickelt, immer wirksamer und verträglicher werden. Heute muss er sich nicht mehr täglich spritzen, sondern holt sich nur noch aller dreieinhalb Wochen eine Depot-Spritze mit dem Wirkstoff ab. „2 500 Euro kostet so eine Spritze“, erzählt er. „Das ist viel Geld. Da schätzt man erst mal das Gesundheitssystem.“ Lothar Vogel hat wieder Kraft geschöpft und steht auf.

Ehe er weitermäht, will er nachsehen, wie die Zucchinis angewachsen sind. Er hat die Pflanzen selber aus Kernen gezogen. Auf dem Hof in Großdubrau ist immer Arbeit. Der Garten ist groß, die Apfelbäume sind uralt. Hof und Garten, sagt Vogel, halten ihn am Leben. Er kann die ganze Arbeit doch nicht alleine der Lebensgefährtin und Sohn und Tochter überlassen. Da muss er schon noch was tun, sagt er lachend. Und Lothar Vogel engagiert sich in der Bautzener Selbsthilfegruppe „Leben mit Krebs“. Hier hat er eine Aufgabe, hier kann er anderen Betroffenen Mut machen.

Wenn jemand aus der Gruppe stirbt, geht er mit zur Beerdigung. Der Tod lässt sich nicht verdrängen, wenn man Krebs hat, sagt Lothar Vogel. Aber vielleicht lässt sich der Tod ja noch lange überlisten.

Auf ein Wort

Im nächsten Teil lesen Sie: Wie Selbsthilfegruppen Betroffenen Mut und Kraft geben können.