merken
PLUS Dresden

An dieser Dresdner Schule gibt es keine Noten

Die Unischule hat das erste Jahr hinter sich. Ein Blick in eine Schule, in der Eltern Urlaub beantragen müssen und Schüler nicht sitzenbleiben können.

Patricia Schwarz leitet die Dresdner Universitätsschule. Das Bildungslabor wird ein Jahr alt.
Patricia Schwarz leitet die Dresdner Universitätsschule. Das Bildungslabor wird ein Jahr alt. © dpa/Robert Michael

Von Simona Block

Anzeige
Berufe mit Hochspannungs-Garantie
Berufe mit Hochspannungs-Garantie

Der erste digitale DREWAG-Ausbildungstag setzt frische Energien für die Berufswahl frei.

Dresden. "Kennt Ihr Euch mit Märchen aus?" Matthias Böttinger legt einen Stapel Fotos auf den runden Teppich, auf dem sich Max, Mikas und Janis sowie Aida, Helena und Katalina lümmeln. Die Sieben- bis Zehnjährigen sind gerade vom Schulhof in den Raum gekommen, der hier nicht Klassenzimmer heißt. Überhaupt gibt es weder Noten,

Pausenklingeln oder Ferien, Pult noch Lehrer in der Universitätsschule Dresden. "Wir sind Lernbegleiter", sagt Patricia Schwarz, Rektorin der am 19. August 2019 gegründeten "Schule der Zukunft".

Das bundesweit einzigartige Bildungsprojekt in einem alten Plattenbau aus DDR-Zeiten funktioniert gut, sagt Leiterin Anke Langner, Professorin für Erziehungswissenschaften mit Schwerpunkt Inklusive Bildung an der TU Dresden. Workshops und Projektarbeit statt Frontalunterricht, jahrgangs- und fachübergreifend in Grund- und Oberschule - zugunsten von mehr Freiheit und Flexibilität für Schüler, Lehrer und Eltern. Hier sind Stühle und Tische mobil und nach Bedarf kombinierbar.

"Lehrer sind Begleiter statt Wissensvermittler"

Nach dem ersten Jahr und der zusätzlichen Herausforderung Corona ziehen die Akteure eine positive Bilanz, auch wenn das im Gegensatz zu anderen Schulversuchen wissenschaftlich begleitete Projekt auf 15 Jahre angelegt ist. Eine speziell entwickelte Lern- und Schulmanagementsoftware begleitet das digital basierte Lernen, sodass der Lernprozess des Einzelnen nachvollziehbar ist, die Schüler sich selbst managen und die Schulorganisation angepasst werden können. Und, laut Langner einmalig in der Bildungsforschung, die Wissenschaftler bekommen Daten.

Von außen unscheinbar, von innen modern: In diesem Plattenbau im Dresdner Süden ist die Universitätsschule untergebracht.
Von außen unscheinbar, von innen modern: In diesem Plattenbau im Dresdner Süden ist die Universitätsschule untergebracht. © dpa/Sebastian Kahnert

Bildung wird hier von den Schülern aus gedacht. Mädchen und Jungen verschiedenen Alters ergründen Themen aus verschiedenen Richtungen, die sie selbst im Dialog mit den Lehrern auswählen. "Wir sind dabei Begleiter statt Wissensvermittler", sagt Rektorin Schwarz. Jeder der älteren Schüler hat einen Laptop zum Arbeiten und zur Dokumentation.

Schule wächst auf 360 Schüler

Die öffentliche und kostenfreie Grund- und Oberschule in städtischer Trägerschaft soll in fünf Jahren bis zu 800 Schüler haben, die von der 1. bis zur 10. Klasse durchgängig jahrgangsübergreifend und fächerverbindend ganztägig zusammen lernen. Mit dem neuen Schuljahr wächst sie Ende August schon mal um die 4. und die 6. Klassenstufe um 160 auf dann rund 360 Schüler.

Dabei steht dort kein Lehrer vorn und sagt, was auswendig gelernt  werden muss. "Das Lernen wird zu einem ganz normalen Prozess, so wie Kinder es in der Kita tun", sagt Langner. "Deshalb kann man hier aber nicht machen, was man will." Die Kinder müssten sich an klare Vereinbarungen halten und Verantwortung übernehmen, nur dass sie ihre
Aufgaben mit aushandeln und themenübergreifend betrachten. Sie werden befähigt, "dass sie lernen zu lernen, sich Hilfe holen und kommunizieren können".

Die Leistung wird nicht in Noten gemessen, sondern es gibt Einschätzungen, ob man etwa bis 100 sehr sicher rechnen kann, es schon gut hin bekommt oder noch Hilfe braucht. "Sie sehen, was kann ich, wo bin ich gut und wo muss ich mich noch mehr anstrengen." An der Unischule bleibt niemand sitzen - und es gibt keine klassischen
Ferien. "Die Eltern müssen Urlaub beantragen", sagt Schwarz.

Individueller statt Frontalunterricht: Unischul-Lehrer Matthias Böttinger lernt mit Grundschülern an deren Platz.
Individueller statt Frontalunterricht: Unischul-Lehrer Matthias Böttinger lernt mit Grundschülern an deren Platz. © dpa/Robert Michael

Auch Jungs würden so schnell "in einen Flow geraten", wenn sie ein Thema gefunden haben", berichtet Langner. Schwarz und ihre Kollegen sehen sich als Mentor auf Augenhöhe mit den Kindern. "Wir sind Support, Unterstützer, Anstubser, aber der Schüler lernt selbst." Kinder entdeckten und erforschten ja auch sonst die Welt und überraschten zuweilen mit ihrem Wissen.

Das sei auch für das Kollegium herausfordernd. "Ich erlebe deutlich mehr Kinder als in meinen 20 Berufsjahren zuvor, die aufblühen, kognitiv und emotional", sagt Schwarz. Sie würden selbstbewusst, trauten sich, etwas zu präsentieren, seien "einfach fröhlicher",
Eltern berichteten von einer "neuen Leichtigkeit" mit ihren Kindern. "Manchmal wollen sie freitags gar nicht nach Hause, weil es zu spannend ist."

Dresdner Modell ist einzigartig

In Deutschland gibt es nach Angaben von Martin Heinrich, Leiter des wissenschaftlichen Oberstufen-Kollegs an der Universität Bielefeld (Nordrhein-Westfalen), einen Trend zu Versuchs- und Universitätsschulen. Das Dresdner Modell aber sei einzigartig und "auf jeden Fall eine Alternative, wenn die Nachfrage groß genug ist". Die Bildungspolitik aber tue sich schwer, solche Konzepte in die Breite zu bringen. "Dabei wäre eine Vielfalt der Schulprofile gut", sagt Heinrich, der die Begutachtung der Dresdner Universitätsschule leitet. "Der Start ist durchaus gelungen."

Aida, Katalina oder Helena ist das egal. Sie sollen in Gruppen eine "märchenhafte Geschichte" malen oder schreiben. "Rotkäppchen darf auch böse sein", weckt Böttinger Ehrgeiz. Mikas und Janis basteln lieber mit Ideenwürfeln daran und der zehnjährige Max will am Laptop Computerspielfiguren animieren - und Rektorin Schwarz "assistiert". (dpa)

Abonnieren Sie unseren kostenlosen Newsletter "Dresden kompakt" und erhalten Sie alle Nachrichten aus der Stadt jeden Abend direkt in Ihr Postfach.

Mehr Nachrichten aus Dresden lesen Sie hier.

Mehr zum Thema Dresden