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„Unsagbarem einen Namen geben“

Pfarrerin Antje Schröcke hilft Umsiedlern über den Verlust von Heimat hinweg. Wie, sagte sie der SZ.

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Frau Schröcke, als Bergbau-Seelsorgerin für das Kirchspiel Schleife sind Sie seit März in der Region. Viele Menschen leben schon immer hier. Nun verlieren sie ihr Haus, ihre Wohnung, ihr Grundstück. Was sagen Sie den Betroffenen?

Ich kann bei diesem schwierigen Prozess meine Hilfe grundsätzlich nur anbieten und hoffen, dass mir die Menschen irgendwann so vertrauen, dass sie das Angebot annehmen. Deshalb habe ich die letzten Monate genutzt, Vereine oder Gemeinderatssitzungen zu besuchen, mich bekannt zu machen.

Wie kann die Hilfe aussehen?

Meine Familie und ich sind schon öfter umgezogen. Wenn ich mir vorstelle, dass Menschen so etwas noch nie gemacht haben, können sicherlich ganz einfache Tipps nützlich sein: die Umzugskisten beschriften, das Notwendigste ganz oben hinpacken und so weiter.

Die praktische Ebene ist nur ein Aspekt, der auf Umsiedler zukommt. Die seelischen Auswirkungen greifen tiefer.

Mein Ansatzpunkt für Hilfe in diesem Bereich geht von der Frage aus: Was passiert eigentlich im Menschen, wenn er Verlust erfährt? Auf die Belastungssituation reagiert jeder anders, der eine mit Wut, der andere mit Trauer. Wer sich diesen Gefühlen stellt, hat beste Chancen, damit klar zu kommen.

Welche Rolle können Sie in diesem Prozess spielen?

Es geht darum, den Abschieds- und Ankunftsprozess, der mit der Umsiedlung verbunden ist, auf eine bewusste Ebene zu ziehen. Genau genommen kann niemand eine solche Situation wirklich begreifen. Deshalb ist es wichtig, das Unbegreifliche des Abschiednehmens beim Namen zu nennen.

Wie soll das vor sich gehen?

Ich könnte mir vorstellen, mit den Familien durch jeden einzelnen Raum oder das Grundstück zu gehen und dabei die guten Erinnerungen zu benennen, die die Bewohner damit verbinden: Unter diesem Apfelbaum haben wir gesessen… Die guten Erinnerungen nehmen wir mit, die anderen bleiben da. Dasselbe gilt für das neue Haus oder die neue Wohnung. Ein sorbischer Sprachteil ist für mich dabei selbstverständlich.

SZ-Gespräch: Thomas Staudt