SZ +
Merken

Unschuldig im Gefängnis

Der Radebeuler Sven Thieme wurde eingesperrt, weil Zeuginnen vor Gericht logen. Eine davon war seine eigene Tochter.

Teilen
Folgen

Von Jürgen Müller

Dieses Geräusch wird Sven Thieme sein Leben lang nicht vergessen. „Rumms“, mit einem lauten Knall fliegt die Stahltür zu, dann hört er es zweimal schließen. Er versteht die Welt nicht mehr. In der Hand eine schwarze Decke, blau-weiß-karierte Bettwäsche, wie er sie aus NVA-Zeiten kennt, eine Thermoskanne, eine Tasse, ein Wischtuch, Besteck, mehr haben sie ihm nicht gelassen. Thieme ist in Untersuchungshaft, er wird des versuchten Mordes verdächtigt. Im Haftbefehl des Amtsgerichts Meißen ist von Verdunklungsgefahr die Rede. Der Richter fürchtet, dass er Zeugen beeinflussen könnte. Zwei Zeuginnen hatten ihn beschuldigt, die Bremsschläuche ihres Autos zerschnitten oder jemanden damit beauftragt zu haben, als sie auf dem Weg von Rostock nach Meißen waren, um in einem Verfahren gegen Thieme auszusagen. Dort wird er der Nachstellung und der uneidlichen Falschaussage beschuldigt. Eine Zeugin ist Thiemes mittlere Tochter. Die Aussagen sind gelogen, wie sich später herausstellt. „Da stehst du nun, bist völlig ratlos, hilflos, mit der Situation überfordert, kannst gar nicht realisieren, was geschehen ist. Und fragst dich ständig: Warum?“, sagt er.

Immobilienhändler Sven Thieme, Ex-Präsident von Dynamo Dresden, vor dem Meißner Amtsgericht. 13 Tage saß er zu Unrecht im Gefängnis. Foto: Claudia Hübschmann
Immobilienhändler Sven Thieme, Ex-Präsident von Dynamo Dresden, vor dem Meißner Amtsgericht. 13 Tage saß er zu Unrecht im Gefängnis. Foto: Claudia Hübschmann © hübschmann

Hoffnungslos ist er nicht. Ein Irrtum, ein Missverständnis, am nächsten Tag wird sich alles aufklären, kommt er wieder raus, da ist er sicher. Er schläft nicht in dieser Nacht, in den folgenden zwölf auch kaum. Denn er wird nicht gleich wieder rauskommen. Das Landgericht Dresden lehnt die Haftbeschwerde seiner Anwälte ab, hält den Haftbefehl aufrecht.

Ursprung allen Übels ist ein Rosenkrieg zwischen Thieme und seiner Ex-Lebensgefährtin, mit der er zwölf Jahre ohne Trauschein zusammenlebte. Als die ihn mit einem Lehrling betrügt, trennt er sich. Sie will eine Abfindung von einer Million Euro. Doch er zahlt nicht. Daraufhin überzieht sie ihn mit Klagen, zivil- und strafrechtlich. Beschuldigt ihn, ihr eine volle Champagnerflasche auf den Kopf geschlagen zu haben. Das Verfahren wird gegen eine Geldauflage eingestellt. Und nun die Sache mit dem Bremsschlauch. Dafür tut sich die Ex mit zwei weiteren Frauen, unter anderem einer Tochter von Thieme, zusammen.

Es ist zunächst ein Tag wie jeder andere, dieser 3. November 2011. Sven Thieme, der mit Immobilien sein Geld verdient und mehrere Firmen hat, sitzt im Büro in Coswig mit Mitarbeitern, als plötzlich die Tür aufgeht. Die Sekretärin tritt herein: „Herr Thieme, da ist ein Einschreiben für Sie, das persönlich übergeben werden muss.“ Sie hat den Satz kaum ausgesprochen, als drei Männer das Büro betreten. Schwarze Uniform, Helme, Pistolen, einer hat eine Maschinenpistole, ein anderer eine Videokamera und ein Funksprechgerät. „Sind Sie Sven Thieme?“ – „Ja.“ – „Ihren Ausweis, bitte!“ Er kramt ihn heraus. „Gegen Sie liegt ein Haftbefehl vor“, sagt einer der Uniformierten und übergibt ihm einen Brief, während ein anderer Polizist die Tür blockiert, der dritte steht am Fenster. „Es war brutal. Die dachten wohl, ich türme“, sagt Thieme.

Das kann doch nicht wahr sein, was hier passiert, denkt er, öffnet den Brief und liest wie in Trance das achtseitige Schreiben. Einmal, zweimal, dreimal. Nach einiger Zeit fordern ihn die Polizisten, die sehr nett zu ihm gewesen seien, auf, jetzt mitzukommen. Thieme will gerade gehen, als sein Handy klingelt. Seine Tochter ist dran. Ob er ihr mal 100 Euro schicken könne, sie brauche das Geld für eine neue Brille, sagt sie. „Ich hatte ihr gesagt, sie müsse doch verstehen, dass ich mich nicht um ihre Brille kümmern könne, da ich gerade wegen ihrer Aussagen verhaftet werde. Als sie antwortete, dass sie kein Verständnis dafür hätte, habe ich aufgelegt“, sagt er. „Der Anruf war ein Vorwand: Die wollte nur wissen, ob es geklappt hat, ob ich schon drin bin“, so der Radebeuler.

So schnell geht es nicht rein, erst mal muss er aufs Polizeirevier nach Coswig. Im Polizeiauto vor den Augen von Geschäftspartnern aus Nürnberg wird er weggefahren. Das Geschäft mit den Nürnbergern platzt durch die Verhaftung, der Firma entsteht hoher Schaden. Im Revier wird er weniger freundlich behandelt, „wie ein Schwerverbrecher“, sagt er, muss alles abgeben, das Handy, die Krawatte, den Gürtel, sogar die Brille, ohne die er praktisch nichts sieht. Drei Stunden wartet er in einer Zelle, wird alle 30 Minuten kontrolliert.

Dann geht es zum Haftprüfungstermin nach Meißen. Dort läuft ein Verfahren gegen Thieme. Er soll seiner Ex-Lebensgefährtin nachgestellt, an seinem Firmengrundstück einen Briefkasten mit ihrem Namen angebracht und veranlasst haben, dass Schreiben an die Ex dort landeten. Weil er die Post nicht weiterleitete, stand bei dieser der Zwangsvollstrecker vor der Tür, so der Vorwurf. Der Richter, der dieses Verfahren führt und den Haftbefehl erließ, ist nun auch der Haftprüfungsrichter. „Als er den Raum betrat, verlor ich jede Hoffnung, denn der hatte schon in der Verhandlung Zeugen, die zu meinen Gunsten ausgesagt hatten, abgekanzelt“, sagt Sven Thieme.

Nur kurz kann er sich von seinen Angehörigen verabschieden, dann geht es nach Dresden, Ziel Hammerweg. Rote Lampe, grüne Lampe, Betontor auf, Betontor zu, rein in eine Schleuse. „Dann war ich drin“, sagt er.

Er wird durch drei Türen geführt, jede hinter ihm wieder abgeschlossen. Muss alles abgeben, Portemonnaie mit Kreditkarten und Geld. „Das brauchen Sie jetzt nicht mehr“, sagt ihm ein Justizbeamter. „Jetzt war ich für die nur noch eine Nummer“, sagt Thieme. Er muss sich vor zwei Beamten splitternackt ausziehen, eine demütigende Prozedur.

Fast jeden Tag besucht ihn sein Anwalt Dr. Klemens Rasel im Gefängnis, versucht ihn bei Laune zu halten, bringt Kuchen mit. Sven Thieme isst tapfer, obwohl er gar keinen Kuchen mag. Als er das seinem Anwalt sagt, reagiert der flexibel. Künftig rückt er mit Bockwurst an. Es hilft nichts. „Ich habe ihn nach ein paar Tagen im Gefängnis nicht wiedererkannt. Er war total verfallen“, sagt der Anwalt.

Die Angst, Opfer eines Justizirrtums, eines Fehlurteils zu werden, vielleicht Jahre unschuldig im Gefängnis zu verbringen, nagt an ihm. In den 13 Tagen habe er 15 Kilogramm abgenommen, so Thieme. Eine Stunde Hofgang habe er am Tag gehabt, 23 Stunden in der Zelle geschmort. Die Hoffnung, dass er rauskommt, schwindet. Der Richter will ein Geständnis. „Das ist inzwischen leider üblich. Man sperrt einfach jemanden wegen Verdunklungsgefahr ein, um ein Geständnis zu erzwingen“, schimpft sein Anwalt.

Schon in der Verhandlung hatte der Richter einen Deal versucht. Bei einem Geständnis wollte er eine Strafe von nicht mehr als drei Monaten auf Bewährung oder 90 Tagessätzen verhängen. Doch Thieme gesteht nicht. „Ich kann doch nicht etwas zugeben, was ich nicht getan habe, nur um eine milde Strafe zu erhalten“, sagt er. Doch um aus dem Gefängnis rauszukommen, hat er keine andere Möglichkeit. „Der Richter machte deutlich, dass der Haftbefehl aufrechterhalten bleibt bis zu einem rechtskräftigen Urteil, im Zweifel also bis zum Ende einer Berufungsverhandlung“, sagt Dr. Rasel. Das kann ein Jahr dauern oder länger. Also legt Sven Thieme das geforderte Geständnis ab.

Am gleichen Tag wird der Haftbefehl aufgehoben, er verlässt das Gericht als freier Mann. In seinem Verfahren wird er schließlich zu einer Haftstrafe von zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Als Bewährungsauflage soll er 10 000 Euro zahlen. Doch nicht nur er, auch die Staatsanwaltschaft legt Berufung ein. Ihr ist die Strafe zu gering, sie werde der Tat und der Persönlichkeit des Angeklagten nicht gerecht, heißt es in der Begründung. Die Berufungsverhandlung vor dem Landgericht Dresden wird für die Staatsanwaltschaft zum Desaster. Thieme wird zwar verurteilt, aber lediglich zu einer Verwarnung mit Strafvorbehalt. Die Geldstrafe von 30 Tagessätzen wird zur Bewährung ausgesetzt. Das ist so ziemlich das Geringste, was es für einen Schuldspruch geben kann. Das Verfahren in Meißen sei wohl ein wenig aus dem Ruder gelaufen, sagte der Vorsitzende Richter damals.

Die Staatsanwaltschaft Rostock stellt das Ermittlungsverfahren wegen versuchten Mordes gegen Thieme ein. Denn es stellt sich heraus, dass nicht er, sondern der Mitarbeiter einer Autowerkstatt auf Geheiß der Zeuginnen den Bremsschlauch durchtrennt hat, um Thieme das zur Last zu legen und ins Gefängnis zu bringen. Alle drei mussten sich jetzt vor dem Amtsgericht Rostock wegen falscher Verdächtigung und Freiheitsberaubung verantworten. Vor der Verhandlung kam Thiemes Tochter zu ihm. „Darf ich dich mal drücken.“ Er lehnt ab, bereut das heute. „Sie ist doch meine Tochter, wurde instrumentalisiert“, sagt er.

Die Tochter, die als Einzige voll geständig ist, wird zu einer Haftstrafe von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Die beiden anderen Angeklagten erhalten sechs beziehungsweise fünf Monate, haben Berufung eingelegt, wie das Amtsgericht Rostock der SZ bestätigt. Sven Thieme trat bei dem Verfahren als Nebenkläger auf, hatte einen Adhäsionsantrag gestellt. Damit können in einem Strafverfahren zivilrechtliche Ansprüche wie Schadensersatz und Schmerzensgeld geregelt werden. Thieme zog den Antrag zurück. Was ihm widerfuhr, kann nicht mit Geld wieder gutgemacht werden.

Noch heute leidet er, ist in psychologischer Behandlung, zuckt zusammen, wenn er Polizisten oder ein Polizeiauto sieht. „Das sind Erfahrungen, die dein ganzes Leben prägen“, sagt er. Auch Haftentschädigung, 25 Euro pro Tag, von denen allerdings die Hälfte als Kosten für Verpflegung abgeht, beantragt er nicht. Es geht ihm nicht um Geld, es geht ihm nicht um Recht, es geht ihm um mehr: um Gerechtigkeit. „Die Verfahren in Dresden und Rostock haben mir den Glauben an die Gerechtigkeit, den ich in Meißen verloren hatte, zurückgegeben“, sagt er. In Rostock war auch der Meißner Richter, der sich gegenüber der SZ zu der Sache nicht äußern möchte, als Zeuge geladen. „Nach seiner Vernehmung drehte er sich zu mir und sagte, es tue ihm leid, dass ich zu Unrecht im Gefängnis gesessen habe“, sagt der Radebeuler. „Ich hätte nie für möglich gehalten, dass man in Deutschland so schnell ins Gefängnis kommen kann. Und das Schlimmste ist, es kann mir wieder passieren wie jedem anderen auch“, so der 50-Jährige, der 2001 auch mal kurzzeitig Präsident von Dynamo Dresden war, nachdenklich.

Für die Zeuginnen, die gelogen haben, ist die Sache noch nicht beendet. Sie erwartet in Meißen ein Verfahren wegen Falschaussage und Freiheitsberaubung. Rechtsanwalt Dr.  Rasel ist gespannt, ob Staatsanwaltschaft und Gericht auch so rigoros vorgehen wie bei seinem Mandanten. Er fordert eine harte Strafe. „Es kann nicht sein, dass Zeugen vor Gericht lügen, jemanden damit ins Gefängnis bringen und dann nicht bestraft werden. Wenn das eintreten sollte, können wir den Rechtsstaat beerdigen.“