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„Unser Nino“

Die Wohnung, der Arbeitgeber, die Baustelle. Und Pegida. Eine Spurensuche im Alltag des mutmaßlichen Attentäters auf die Dresdner Moschee.

© Polizei

Von Ulrich Wolf, Alexander Schneider und Frank Bugge*

Der Mann hat was von einem Phantom. Sein Name findet sich mit zehn weiteren auf den Klingelschildern des Mehrfamilienhauses im Dresdner Stadtteil Cotta. „Hier lebt jeder für sich“, sagt ein Bewohner. „Das Haus ist anonym, die Mieten sind verhältnismäßig günstig.“ Zuletzt war eine Zweizimmerwohnung für 348 Euro kalt zu haben. Die Außenanlagen, das Treppenhaus – alles wirkt ein wenig trist und abgelebt. Die Wurzeln mächtiger Ahornbäume machen den Bürgersteig zu einer einzigen Stolperfalle.

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Der Brandanschlag auf die Fatih Camii Moschee

Eine Frau verlässt die Fatih Camii Moschee durch den zerstörten Eingang.
Eine Frau verlässt die Fatih Camii Moschee durch den zerstörten Eingang.
Der zehnjährige Ibrahim Ismail Turan, Sohn des Imam, sagte nach dem Anschlag: „Die haben uns angegriffen, weil sie uns hassen, weil wir Muslime sind.“
Der zehnjährige Ibrahim Ismail Turan, Sohn des Imam, sagte nach dem Anschlag: „Die haben uns angegriffen, weil sie uns hassen, weil wir Muslime sind.“
Die zerstörte Eingangstür der Moschee.
Die zerstörte Eingangstür der Moschee.
Polizisten sichern den Tatort an der Moschee.
Polizisten sichern den Tatort an der Moschee.
Anschlag auf Moschee in Dresden COtta am 27.9.2016 Foto: Tobias Wolf  Foto:  /  /
Anschlag auf Moschee in Dresden COtta am 27.9.2016 Foto: Tobias Wolf Foto: / /
Ein Polizeifahrzeug steht vor der Fatih Camii Moschee.
Ein Polizeifahrzeug steht vor der Fatih Camii Moschee.
Das Fahndungsfoto der Polizei zeigt den mutmaßlichen Moschee-Bomber.
Das Fahndungsfoto der Polizei zeigt den mutmaßlichen Moschee-Bomber.
Absperrband sichert den Tatort einer Explosion auf der Freiterrasse des Congress Center Dresden. Laut Polizei soll der mutmaßliche Moschee-Bomber auch für den Anschlag verantwortlich sein.
Absperrband sichert den Tatort einer Explosion auf der Freiterrasse des Congress Center Dresden. Laut Polizei soll der mutmaßliche Moschee-Bomber auch für den Anschlag verantwortlich sein.
Polizeischutz für die Bewohner der Moschee.
Polizeischutz für die Bewohner der Moschee.
Zur abendlichen Gedenkminute vor der Moschee kamen auch die SPD-Minister  Martin Duhlig und Eva-Maria Stange.
Zur abendlichen Gedenkminute vor der Moschee kamen auch die SPD-Minister Martin Duhlig und Eva-Maria Stange.
Abendliche Gedenkminute an der Moschee
Abendliche Gedenkminute an der Moschee
Der 46-jährige Imam Hamza Turan (m.) beim Gebet in der Gedenkminute
Der 46-jährige Imam Hamza Turan (m.) beim Gebet in der Gedenkminute
Zwei Monate nach dem Anschlag ist die  Fassade frisch gestrichen.  Imam Hamza Turan steht mit seinem Sohn Ibrahim Ismail.
Zwei Monate nach dem Anschlag ist die Fassade frisch gestrichen. Imam Hamza Turan steht mit seinem Sohn Ibrahim Ismail.

Im ersten Stock des Hauses, hinter einer grau gestrichenen Holztür, wohnt Nino K. Normalerweise. Derzeit sitzt der 30-Jährige in Untersuchungshaft. Er soll den Sprengstoffanschlag auf die Fatih-Camii-Moschee verübt haben. Die liegt nur 450 Meter von seiner Wohnung entfernt. Keine fünf Minuten Fußweg sind das. Nur wenige Nachbarn hatten mit ihm zu tun. Mancher sagt, man habe ihn noch nie gesehen.

Seit dem vergangenen Donnerstag jedoch ist Nino K. überaus bekannt. Ermittler des Operativen Abwehrzentrums rückten an jenem Tag an und nahmen das Haus in Cotta regelrecht in Beschlag. Sie waren mit mindestens drei Transportern da, setzten auch Hunde ein. Die auf extremistische Straftaten spezialisierten Beamten durchsuchten die Wohnung von K., befragten die unmittelbaren Nachbarn, nahmen deren Personalien auf.

Ein Student, der erst seit Oktober in dem Haus lebt, ist auch ein paar Tage später noch immer aufgewühlt. „Ich hab‘ so etwas noch nie erlebt“, sagt er. „Wie sind die nur auf den gekommen?“ Er sei auf dem Weg zur Straßenbahn gewesen, als ihm ein Polizist in Zivil folgte. „Er zeigte mir seine Marke, und ich musste mit ihm aus der Bahn steigen.“ Draußen habe der Beamte die Personalien notiert, zum Grund habe der nur gesagt: „Lesen Sie die nächsten Tage einfach Zeitung.“

Der Bewohner im Erdgeschoss erinnert sich ebenfalls. „Die Polizei war erst gegen Mitternacht weg“, sagt er. Mit Nino K. habe er nicht viel zu tun gehabt. „Eigentlich niemand im Haus, so wie ich das einschätze.“ Der Nino habe schon mal Ärger gemacht, nachts ziemlichen Lärm veranstaltet. „Als ich mich beschwerte, hat er mir mal Dresche angeboten“, sagt der Mann, der in kurzen Hosen und Feinripp-Unterhemd an seiner offenen Balkontür sitzt. „Die haben da über mir mit Flaschen oder so was auf den Fußboden gepocht“, sagt er. Nachts um zwei oder drei Uhr seien Lieder gesungen worden. „So’n Gegröle, ich weiß aber nicht, ob das rechtsextrem war.“

Ein Paketbote kommt. „Ich habe hier zwei Pakete, nehmen Sie die an?“ „Ja, geben Sie sie her.“ Eine Unterschrift, der Bote geht wieder. Man kennt sich. „Für den K. habe ich auch Pakete angenommen“, sagt der Mann am Balkon. „Ansonsten nur guten Tag und guten Weg.“ Er habe K. oft kommen sehen, nachmittags mit seinem Motorroller. „Er hat wohl mit Dämmungen oder so was zu tun“, vermutet der Nachbar.

Da liegt er nicht ganz falsch. K.s Arbeitgeber ist eine Dresdner Klimatechnikfirma. Ein klassischer Mittelständler mit rund 100 Beschäftigten. Die sind im gesamten Bundesgebiet im Einsatz für Kunden aus den Branchen Hotellerie, Industrie, Gewerbebau, dem Gesundheitswesen und der öffentlichen Hand. Der Firmenchef dementiert erst gar nicht, dass sein Mitarbeiter Nino K. festgenommen worden ist. Doch er ist sich unsicher, ob er noch mehr sagen darf. Er telefoniert mit seinem Anwalt und entscheidet sich fürs Schweigen. Er nehme die Unschuldsvermutung ernst, sagt er.

Während in Dresden die Polizei die Wohnung von Nino K. durchsuchte, klickten fernab auf einer Baustelle im hessischen Usingen die Handschellen. In dem 15 000-Einwohner-Städtchen im Hochtaunuskreis, 50 Kilometer nördlich von Frankfurt am Main, hat von der Festnahme von Nino K. kaum jemand etwas mitbekommen. „Der Einsatz war eine Sache von Dresden“, heißt es bei der zuständigen Polizeidirektion Hochtaunus nur. Der Bauleiter an dem fast 30 Millionen Euro teuren Schulneubau sagt lediglich, es sei eine „unspektakuläre Aktion“ gewesen. Einige angesprochene Arbeiter offenbaren Sprachprobleme, andere können oder wollen nicht weiterhelfen.

Schließlich bestätigt dann doch ein Mann, der im Toilettentrakt ein Lüftungsgitter montiert, für die Dresdner Firma zu arbeiten und den vergangenen Donnerstag miterlebt zu haben. Weiter sagt er nichts. „Das hat der Chef angeordnet.“ Seit gut einem Jahr sind die Dresdner hier tätig, Nino K. soll erst in den vergangenen Wochen dazugestoßen sein. Die Woche über sei man in Usingen geblieben, am Wochenende heimgefahren.

Alleinstehend, zurückgezogen lebend, ein überschaubares soziales Umfeld, Handwerker, Montageeinsätze im Westen – es gibt prickelndere Lebensläufe. Doch reicht dieser Frust schon aus, um daheim einen Sprengsatz zu basteln, der vor einer kleinen Moschee mit lindgrüner Fassade drei Querstraßen weiter hochgeht? In Kauf nehmend, dass der Imam und seine Familie ums Leben kommen könnten?

Irgendwann muss der Frust bei Nino K. in Hass umgeschlagen sein. Schon vor dem Sommer 2015. Damals hielt er eine Rede. Auf dem Altmarkt. Bei Pegida. „Unser Nino“, sagte Pegida-Gründer Lutz Bachmann. „Applaus für unseren Nino.“ Die Szene ist nicht nur auf dem Videoportal Youtube im Internet zu sehen. Sie ist auch beschrieben. Im Buch „Spaziergänge über den Horizont“ des Radebeuler Malers, Kunstkritikers und Publizisten Sebastian Hennig.

Nino, heißt es da, „verliest einen offenen Brief an die Bundeskanzlerin. (...) Erika, Erika, schallt ihr mutmaßlicher Deckname als informelle Mitarbeiterin der Staatssicherheit über den Platz. Einer brüllt kurz und heftig dazwischen, „Die Sau“, ein anderer „Hängt sie auf!“ All das, schreibt Hennig, sei „nichts weiter als jene Revolutionsromantik, wie man sie jahrzehntelang in Filmen, Büchern und Ausstellungen in der DDR vermittelt bekommen hat“. Keiner nehme das wirklich ernst. Obwohl Nino K. in seinem angeblichen Brief an die Kanzlerin den „Islam als größte Massenvernichtungswaffe“ bezeichnet, der Kanzlerin vorwirft, „dass grüne Politiker unsere Kinder vergewaltigen“, sieht der Autor darin nur „politische Metaphorik“. Im Vorwort des Buches betont der ehemalige sächsische Stasi-Beauftragte Michael Beleites, bei Pegida gehe es „nicht um ausländerfeindliche Vorurteile, sondern um eine tiefe Vertrauenskrise in die Wahrhaftigkeit von Politik und Medien“.

15 Monate nach seiner Rede ist das Facebook-Konto von Nino K. voll mit Likes für Pegida, AfD, Verschwörungstheoretiker, Anti-Islam-Gruppen und neurechte Medien. Fürs Profilfoto hat er sich mit Deutschlandfahne vor die Dresdner Altstadt-Silhouette an die Elbe gestellt. Und in der Nacht vom 26. auf den 27. September zeichnet die Überwachungskamera der Moschee einen schlaksigen Mann mit Jeans, blauem Anorak und dunklem Motorradhelm auf, der rauchend auf dem Bürgersteig auf und ab tigert. Die Polizei ist überzeugt: Das ist Nino K.

Wirkt die Sprache Pegidas als Teilchenbeschleuniger frustrierter Volkselemente? Gründer Lutz Bachmann weist das vehement zurück. Pegida distanziere „sich ganz klar und unmissverständlich von jeglicher Gewalt“, schreibt er auf Facebook. Und versucht zugleich, die Verantwortung für den Fall des mutmaßlichen Moschee-Attentäters, den er selbst als „unseren Nino“ begrüßte, der rivalisierenden Festung-Europa-Bewegung in die Schuhe zu schieben. Als Beleg sollen Fotos dienen, die angeblich Nino K. zusammen mit Bachmanns einstiger Weggefährtin und heutiger Intimfeindin Tatjana Festerling zeigen. Wenige Stunden später rudert Bachmann zurück: Pegida bezweifle, „dass es sich bei der Person um den Zündler handelt“.

Nino K. und seine Besuche bei Pegida sind kein Einzelfall. Auch Mitglieder der Neonazi-Gruppe „Freie Kameradschaft Dresden“ haben nach Angaben des sächsischen Innenministeriums an Pegida-Versammlungen teilgenommen. Die Gruppe steht im Verdacht, mindestens 14 rechtsmotivierte Straftaten verübt zu haben. Vor knapp zwei Wochen wurden sechs ihrer 17 Mitglieder festgenommen. Und auch zumindest ein seit April 2016 in Untersuchungshaft sitzendes Mitglied der unter Terrorverdacht stehenden „Gruppe Freital“ war regelmäßig Gast bei Pegida.

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*Frank Bugge ist Redaktionsleiter des Usinger Anzeigers.