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Unser täglich Toilettenpapier gib uns heute

In den Nünchritzer Einkaufsmärkten sind die Regale voll. Außer in einer Abteilung.

Ein Drogeriekunde trägt mehrere Tüten Toilettenpapier und Küchentücher aus dem Geschäft.
Ein Drogeriekunde trägt mehrere Tüten Toilettenpapier und Küchentücher aus dem Geschäft. © APA

Nünchritz. Das hätte sich der große Reformator Martin Luther nicht träumen lassen, als er auf der Wartburg die Bibel ins Deutsche übersetzte. Das bekannteste Gebet der Christenheit muss umgeschrieben werden. Aus dem frommen Wunsch "Unser täglich Brot gib uns heute" wird "Unser täglich Toilettenpapier gib uns heute".  

In den letzten Tagen wird vielleicht der eine oder andere dieses Stoßgebet zum Himmel geschickt haben, als er beim Einkaufen vor leeren Regalen stand, in denen sonst Toilettenpapier gestapelt ist.  Eine montägliche Einkaufstour am Vormittag in Nünchritz bestätigt das Phänomen, das keiner so richtig erklären kann.

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Beim Eintritt in den Netto kommen die Kunden in den Obst- und Gemüsebereich. Er ist hier prall gefüllt. Sogar Gurken gibt es, die anderenorts am Sonnabend ausverkauft waren. Beim weiteren Rundgang durch den Markt fällt auf, dass von allen Lebensmitteln reichlich vorhanden sind. Auch die Atmosphäre ist entspannt. Kein Einkaufskorb quillt über aus Angst, nichts mehr zu bekommen. Zwar sind mehr Menschen da, als sonst zu dieser Tageszeit. Aber das liegt daran, dass auch mehr jüngere Kunden unterwegs sind und nicht nur Rentner.  

Doch schon im nächsten Gang bietet sich dem Besucher ein für diese Tage fast gewohntes Bild: Die Regale mit dem Toilettenpapier sind leer. Und nirgends ist eine Mitarbeiterin zu sehen, die eilig neue Waren heranschafft wie in den anderen Abteilungen. Lediglich die Nudelabteilung und interessanterweise auch bei der Tiernahrung für Hund und Katze sind die Regale fast ausverkauft. 

Ungewohnte Anblicke an der Kasse

Im Lidl und im Edeka das gleiche Ambiente: Überall volle Regale und fleißige Mitarbeiter, die ständig neu befüllen. Auch hier sind Nudeln sehr nachgefragt. Und natürlich das Toilettenpapier. Die große Palette im Lidl, wo die Rollen normalerweise zu finden sind, ist zum Testzeitpunkt (gegen 10.30 Uhr) komplett leer. Etwa zehn Minuten später im Edeka gibt es immerhin noch ein paar wenige Packungen zu kaufen. Aber nur die teuren mit Duft für über drei Euro.  

In beiden Einkaufsmärkten ist wenig von Hamsterkäufen zu spüren. Auch hier kaufen die Leute nur so viel, wie sie für die nächsten zwei, drei Tage benötigen. Kein Einkaufswagen ist wirklich voll. Allerdings bietet sich dem Edeka-Stammkunden ein ungewöhnlicher Anblick. Alle drei Kassen sind besetzt. So groß ist der Andrang. 

Ein antisozialer Akt?

Warum seit Bekanntwerden der ersten Coronafälle in Deutschland gerade Toilettenpapier gehamstert wird, darüber zerbrechen sich Experten, Psychologen und Journalisten den Kopf. Der Tagesspiegel philosophierte darüber und zitierte den umstrittenen Literatur-Nobelpreisträger Peter Handke mit den wohlklingenden Worten: „War mein Aufsuchen der Stillen Orte, im Lauf des Lebens gleichsam weltweit, immer wieder auch ohne spezielle Notwendigkeit, vielleicht ein Ausdruck, wenn nicht von Gesellschaftsflucht, so doch von Gesellschaftswiderwillen, von Geselligkeitsüberdruss?“ Der Österreicher bezeichnet den täglichen Toilettengang als "antisozialen Akt", bei dem sich jeder selbst der Nächste ist. Und könnte sich auch auf den Kauf von Hygienemitteln, besonders Toilettenpapier, auswirken. 

Und auch Amazon hat bereits auf die hohe Nachfrage reagiert und liefert über das Lampertswalder Verteilungszentrum große Toilettenpapier-Pakete ins Haus.  

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Wenn das Luther gewusst hätte. Doch zu seiner Verteidigung muss allerdings gesagt werden, dass es im 16. Jahrhundert noch kein Toilettenpapier gab. Noch nicht mal Zeitung, mit der unsere Vorväter wohl sortiert und in kleine Blätter geschnitten ihren Allerwertesten säuberten. Wohl dem, der noch eine Tageszeitung abonniert hat.